Kriegsspiele für den Ernstfall

Jens Schmitz

Von Jens Schmitz

Mi, 16. Mai 2018

Südwest

Europas größte Militärmesse für Simulation, Training und Ausbildung gastiert in Stuttgart.

STUTTGART. An der Stuttgarter Messe hat das umstrittene Militärforum ITEC begonnen – drei Tage lang sprechen Fachleute dort über Simulations- und Trainingstechniken. Rüstungsgegner kritisieren das Land und die Stadt.

Lächelnde Hostessen im Studentinnenalter, Gratis-Kugelschreiber mit Aussteller-Logos: Die Fachmesse ITEC 2018 wirkt wie eine normale Industrieveranstaltung, wären da nicht die auffällig hohe Zahl von Uniformträgern und die auffällig niedrige Außenpräsenz. Keine Fahne, kein Schild signalisiert, dass in Halle neun der Stuttgarter Messe das nach Eigenangaben führende Militärforum zum Thema Simulation, Training und Ausbildung stattfindet.

Drei Tage lang, von Dienstag bis Donnerstag, informieren sich 2500 Fachbesucher aus mehr als 60 Nationen auf dem "International Forum for the Military Simulation, Training and Education Community" zu Aspekten wie Digitalisierung, Datennutzung und Drohnen. Das Überthema lautet virtuelle Realität. Mehr als 90 Organisationen sind in der Ausstellungshalle vertreten; ein Großteil bietet Simulationen zu Ausbildungszwecken. Fallschirmspringer können mit 3-D-Brille genauso in virtueller Umgebung trainieren wie Schützen im Feld oder Panzerbesatzungen. Für Befehlshaber ist es kostengünstiger, Heere im Cyberspace zu manövrieren als in der realen Welt.

Von der 3-D-Brille bis zum Rundum-Kino – wer durch das Ausstellungsangebot geht, kann durchaus den Eindruck haben, über eine Computerspielmesse zu schlendern. Der internationale Verkaufschef von Premium-Sponsor Rheinmetall, Jürgen Michel, muss sich mit Fragen auseinandersetzen, warum modernes Gerät nicht intuitiver funktioniert: Viele Militärs suchen händeringend Nachwuchs, und der ist vom USB-Stick bis zur X-Box mit Plug-and-Play aufgewachsen.

Wurzeln in der Computerspielszene

Manche Geschäftsmodelle sind tatsächlich aus der Gamer-Szene entstanden. "Was ich brauche, ist das Spiel und ein Bildschirm", erklärt ein Vertreter der Überlinger Rüstungsfirma Diehl Defence, der nicht namentlich genannt werden will. "Das Fahrzeug ist dann der Joystick."

Rüstungsgegner kritisieren nicht nur die Messe Stuttgart für die Veranstaltung, sondern auch Landesregierung und Stadt als Gesellschafter. Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) hat darauf hingewiesen, dass bei der jährlich in einer anderen Metropole gastierenden ITEC keine Waffen ausgestellt würden, sondern Trainings- und Simulationssoftware für Feuerwehr, Polizei und Militär.

Die Hinweise auf zivile Zwecke muss man vor Ort aber suchen. Dass keine Waffen ausgestellt würden, ist auch nicht ganz richtig – mehrere Aussteller zeigen Maschinengewehre und Panzerfäuste. Die Ministerin hat insofern recht, als nur Trainings- und Simulationsmöglichkeiten mit diesem Gerät demonstriert werden. Um den Ernstfall geht es hier nicht.

Für die Gegner ist das Augenwischerei. "Simulierst du noch oder mordest du schon?", fragt das Aktionsbündnis "ITEC stoppen", das zusammen mit anderen an der Messe eine dreitägige Mahnwache hält. "Es geht darum, dass Krieg preiswerter und effizienter wird", kritisiert Mitorganisator Thomas Haschke. Paul Russmann von "Ohne Rüstung Leben" findet die Statements der Messe GmbH heuchlerisch. Ein Sprecher hatte im Vorfeld erklärt, es sei nicht möglich, Gastveranstalter abzulehnen, nur weil ein Thema unerwünscht sei. "Die Messe hat von sich aus beschlossen, keine Messen zu machen, wo nacktes Fleisch gezeigt wird", hält Russmann dagegen. "Aber hier, wo es um Kriegssimulation geht, können sie angeblich rechtlich nichts tun."

Das Hannoveraner Start-up eSim programmiert Software, die von Firmen wie Diehl in Trainingskabinen wie in Panzern verbaut wird. Direktor Nils Hinrichsen unterstützt das Recht der Demonstranten auf freie Meinungsäußerung, auch wenn ihm ihre Kritik zu pauschal scheint. "Es gibt einen demokratischen Auftrag des Volkes und der Parlamente, eine Armee aufzustellen", erklärt er. "Wenn diese Armee aufgestellt wird, dann soll sie auch die beste Ausbildung und Ausrüstung haben." Das sei eine Frage der grundsätzlichen Ethik. "Oder man entscheidet sich, keine Armee zu haben."