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05. Januar 2012

Skulpturen auf Kreisverkehren

Kunstwerk oder Todesfalle?

Das Innenministerium will Skulpturen in der Mitte von Kreisverkehren künftig verbieten / Bestand soll überprüft werden.

  1. Stein, Stahl, scharfe Kanten: Kreisel-Kunst in Teningen Foto: pam

FREIBURG. Keine Kunst mehr im Kreisverkehr: Das Landesverkehrsministerium will künftig keine "starren Hindernisse" mehr auf Mittelinseln von Verkehrskreisels außerhalb von Ortschaften dulden. Die bereits bestehenden Kreisel-Kunstwerke sollen einer Sicherheitsüberprüfung unterzogen werden. Im Regierungsbezirk Freiburg gelten 20 Kreisverkehre als besonders risikoträchtig.

15 Tonnen Steine. Eine Tonne Metall. 1000 ehrenamtliche Arbeitsstunden, geleistet durch Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr. All das war nötig, bevor die Einwohner der Kaiserstuhlgemeinde Forchheim im Jahr 2009 ihr neues Schmuckstück einweihen konnten: einen gewaltigen Kartoffelkorb auf der Mittelinsel des Kreisverkehrs – Erdäpfelanbau hat Tradition im Ort. "Der Korb ist das Tor zu Forchheim", sagt Bürgermeister Johann Gerber zu dem Kunstwerk.

Doch das Regierungspräsidium in Freiburg hält das Schmuckstück für unfallträchtig – weshalb es womöglich weichen muss. An der Kreuzung zwischen Forchheim und Riegel befindet sich einer von 20 Kreisverkehren im Regierungsbezirk, denen ein "hohes Risiko" bescheinigt wird; 54 Stück sind es im Land. Die Auflistung ist vorläufig. "Das ist eine erste subjektive Einschätzung durch einen Fachmann, ohne festen Kriterienkatalog", sagt Joachim Müller-Bremberger, Sprecher des Regierungspräsidiums. Die endgültige Entscheidung soll bei sogenannten Sicherheitsaudits fallen. Bei diesen werden sich Experten aus Ingenieurbüros zuerst mit den als besonders riskant eingeschätzten Kreiseln beschäftigen – dazu gehören auch die metallenen Zahnräder auf dem Kreisverkehr Rohrlache in Teningen oder die Stuhlskulptur in Weil am Rhein.

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Was danach geschehen wird, ist unklar. Die Palette der Sicherheitsverbesserungen reicht von Ortsschild-Verschiebungen und Tempolimits bis zum Umbau der Kreisel. Wer die Kosten dafür schließlich tragen wird, ist eine Einzelfallentscheidung, so Julia Pieper, Pressesprecherin im Verkehrsministerium, und hänge davon ab, was die Gemeinden mit den Verkehrsbehörden vereinbart haben, als sie die Kunst im Kreisel platzierten.

Rigoroser ist das Ministerium beim Bau neuer Kreisel: Starre Hindernisse außerorts sollen in Zukunft nicht mehr zugelassen werden. Im "Übergangsbereich von freier Strecke zur Ortsdurchfahrt" soll geprüft werden, "ob die künstlerische und bauliche Gestaltung unter Verkehrssicherheitsaspekten möglich ist".

Der Vorstoß des Ministeriums hat einen konkreten Auslöser: Im Jahr 2009 krachte ein Fahrzeug in Eschbach auf ein Flugzeugmonument auf der Mittelinsel eines Kreisverkehrs. Zwei junge Männer starben, drei wurden lebensgefährlich verletzt. Das Regierungspräsidium nahm diesen Unfall zum Anlass, die Statistiken zu prüfen. Und seit damals werden die Unfälle in Kreisverkehren gesondert aufgeführt. Die Behörde verweist in einer Pressemitteilung auf "mindestens zwölf schwere Verkehrsunfälle mit Personenschäden" in den vergangenen drei Jahren – räumt aber auch ein, dass "nur in seltenen Fällen ein starres Hindernis für den Unfallverlauf ausschlaggebend war".

Müller-Bremberger im Regierungspräsidium betont, dass es nicht darum ginge, Sinn und Zweck von Kreisverkehren zu hinterfragen – die seien nach wie vor sicherer als Kreuzungen. Es gehe in der Initiative auch nicht um gesetzlich vorgeschriebene Punkte wie Fahrbahnbreite oder Spurführung, sondern nur um das "Innenleben" des Kreisverkehrs.

"Wir warten ab", sagt Johann Gerber, Bürgermeister in Forchheim. Sein Kreisverkehr sei sicher, der Kartoffelkorb stehe erhöht und sei auch noch durch ein Kiesbett abgeschirmt; ein schlimmer Unfall sei hier noch nie passiert. "Es sind schon welche halbseitig drübergefahren, aber das passiert bei jedem Kreisverkehr." Er will, dass seine Gemeinde den Kartoffelkreisel behalten darf. Gerber: "Der Korb sieht nicht nur schön aus, ohne ihn hat der Kreisverkehr überhaupt keine Wirkung mehr."

Eine Karte der 20 potenziell gefährlichsten Kreisverkehre im Regierungsbezirk gibt es im Internet unter http://mehr.bz/kreisverkehre

Autor: Patrik Müller