Beratung und Hilfe

Land stellt Entschädigungen für Heimkinder bereit

dpa,epd

Von dpa & epd

Mo, 03. April 2017 um 00:00 Uhr

Südwest

In Stuttgart eröffnet eine Anlaufstelle für Menschen, die vor Jahren als Kinder und Jugendliche in Heimen gelitten haben. Ein Angebot für sie gibt es seit Anfang des Jahres, aber kaum Antragsteller.

Menschen, denen als Kindern oder Jugendlichen in Heimen Leid widerfahren ist, bekommen eine zentrale Anlaufstelle im Land: An diesem Montag nimmt die Anlauf- und Beratungsstelle der bundesweiten Stiftung "Anerkennung und Hilfe" ihre Arbeit auf. Rund acht Millionen Euro kommen vom Land – auch die Kirchen schießen Geld zu.

"Alle Betroffenen aus dem Südwesten können sich hier ab sofort individuell beraten lassen und sich für die Leistungen der Stiftung Anerkennung und Hilfe anmelden", teilte Baden-Württembergs Sozialminister Manfred Lucha (Grüne) am Sonntag mit. Die Stiftung ist mit rund 288 Millionen Euro ausgestattet, die sich Bund, Länder und Kirchen teilen.

Manche Betroffene leiden noch immer

Schätzungen zufolge sind deutschlandweit zwischen 1949 bis 1974 (Bundesrepublik) und 1949 bis 1990 (DDR) mehr als 240.000 Kinder und Jugendliche in Heimen der Behindertenhilfe sowie in Psychiatrien untergebracht gewesen. Sie lebten oft unter entwürdigenden Bedingungen, manche leiden noch heute. Geschätzte 100.000 sollen Opfer von Gewalt und Missbrauch geworden sein, viele wurden falsch behandelt – beispielsweise mit zu hoch dosierten Medikamenten.

"Ich hoffe, dass die Stiftung einen Beitrag dazu leisten kann, dass die Betroffenen mit ihrer schwierigen Lebensgeschichte Frieden schließen können", erläuterte Lucha. Nun beginne der Prozess, das Leid und Unrecht von den Betroffenen zu hören, "öffentlich anzuerkennen und wissenschaftlich aufzuarbeiten".

Die bundesweite Stiftung Anerkennung und Hilfe wurde zum 1. Januar 2017 gegründet. Das Land wird sich in den fünf Jahren Stiftungsdauer bis Ende 2021 mit bis zu 7,8 Millionen Euro beteiligen. Wenn alle Voraussetzungen erfüllt sind, können Betroffene eine einmalige Pauschale in Höhe von 9000 Euro erhalten. Opfer, die ohne Sozialversicherung arbeiten mussten, erhalten zusätzlich bis zu 5000 Euro für entgangene Rentenansprüche.

Ostdeutsche stellten noch keine Anträge

Wie das Bundessozialministerium in Berlin auf Anfrage mitteilte, haben bis Ende März bislang nur 86 Betroffene Anerkennungs- und Unterstützungsleistungen erhalten. 97 Anträge sind in ganz Deutschland seit dem 1. Januar eingegangen. Ausgezahlt wurden nach Ministeriumsangaben bislang 731.000 Euro. Davon waren 434.000 Euro pauschale Geldleistungen, 297.000 Euro Rentenersatzleistungen.

Die bewilligten Anträge stammten den Angaben zufolge ausschließlich von Betroffenen aus den westdeutschen Bundesländern. Den Bundesverband evangelische Behindertenhilfe, der sich mit für die Entschädigungen eingesetzt hatte, überraschen die noch geringen Antragszahlen nicht. Die Informationen müssten die Betroffenen erst noch erreichen, sagt Geschäftsführer Rolf Drescher. "Ich rechne damit, dass die Antragszahlen erst 2018 größere Dimensionen erreichen."

Kontakt: Das bundesweite Info-Telefon ist unter Tel. 0800/2212218 zu erreichen.