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15. Oktober 2013 13:42 Uhr

Pforzheim

Lernen im Einkaufszentrum - G9-Invasion fordert Gymnasium heraus

Not macht erfinderisch: In Pforzheim lernen Gymnasiasten im Einkaufszentrum - weil die einzige G9-Schule der Stadt von der Nachfrage überrollt wurde. Noch geht es gerade so. Doch auf Dauer fordert der Rektor von der Politik Abhilfe.

  1. Schüler der Klasse 10 d gehen von der Schule in ein Geschäfts- und Bürohaus in Pforzheim. Foto: dpa

Mit dem Ende der großen Pause beginnt die Wanderschaft: Aus der Schule raus, über die große Straße und beim Eingang zur Physiotherapie in den zweiten Stock. Von hier oben hat man einen prima Blick auf die City. Seit diesem Schuljahr hat die 10d des Theodor-Heuss-Gymnasiums (THG) in der Goethegalerie 19 Unterricht, ein Geschäfts- und Bürohaus im Herzen Pforzheims. Der Umzug der Großen wurde nötig wegen der vielen Kleinen, die in das einzige G9-Gymnasium der Stadt wollten. Statt bisher vier fünften Klassen werden nun im THG neun mit zusammen 249 Kindern unterrichtet.

"So extrem wie bei uns ist es aber nirgendwo" THG-Schulleiter Udo Kromer
Insgesamt 378 öffentliche Gymnasien gibt es in Baden-Württemberg. Doch nur in 44 Modellschulen können sich Schüler neun Jahre Zeit bis zum Abitur lassen. Wo G9 angeboten wird, ist der Ansturm groß. "So extrem wie bei uns ist es aber nirgendwo", sagt THG-Schulleiter Udo Kromer. "Es ist eklatant, was hier schief läuft - und exemplarisch für das ganze Land."

An sich waren in seiner Schule nur zwei G9-Züge geplant. Wegen der großen Nachfrage erlaubte das Kultusministerium die Aufnahme aller Interessenten. "Was sollten wir machen? Wir hätten 130 Schüler ablehnen müssen", so Kromer. Weil das THG seit Jahren aus den Nähten platzt, hat es schon früher Räume außerhalb angemietet. Nun wurden welche in der Goethegalerie nebenan zu Klassenzimmern umfunktioniert.

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Die 15-jährige Sophie und ihre gleichaltrige Freundin Vivien finden das gut: "Hier ist nicht so viel Kindergeschrei." Das meint auch Patrick (16), der sich nur an der defekten Lüftung stört. Die meisten der 28 Schüler finden die neue Bleibe okay. Nicht zuletzt wegen des nahen Lebensmittelladens, wo man auch mal eine Tüte Chips in der Pause kaufen kann.

Die Kleinen sitzen derweil im Erdgeschoss des THG-Schulgebäudes. Sie sind Medien-Stars: Zur Einschulung der G9-Schüler war der Fernsehsender Phoenix live dabei. So viele Schüler auf einmal sind auch bundesweit ein Novum.

Warum sie in den G9-Zug wollten, können die Fünftklässler ganz genau begründen: "Ich habe viele Hobbys", sagt der zehnjährige Bastian. Die Klassen sind groß, die Wege sind weit - doch die Eltern der G9-Schüler sind glücklich. "Die meisten Eltern wollen G9", ist der Elternbeiratsvorsitzende Carlo Burkhardt überzeugt. Dass dieser klare Elternwille von der grün-roten Landesregierung ignoriert werde, passe nicht zur viel beschworenen Politik des Gehörtwerdens.

Kritisch sehen den G9-Ansturm aber die Eltern der älteren G8-Schüler. "Die Qualität darf nicht leiden", sagen sie. Auch dass die Älteren wegen der Neuen nun regelmäßig eine der meist befahrenen Kreuzungen der Stadt queren müssen, wird nicht gerne gesehen.

"Balance ist derzeit mein Lieblingswort", sagt Rektor Kromer. Diese muss er halten zwischen den 1028 Schülern, den verschiedenen Elterninteressen und den Lehrern. "Das Kollegium zieht mit, aber unter großen Belastungen." Zwar wurden für die G9-Schüler zehn neue Lehrer eingestellt. Mehr Platz und Rückzugszonen gibt es aber nicht.

Einerseits sieht Kromer in dem enormen Schülerzuwachs eine Riesen-Chance: "Wir haben einen Unterstufenchor mit 51 Schülern und erstmals eine Streichergruppe." Andererseits kann das THG nächstes Jahr nicht noch so einen Ansturm bewältigen. Kromer appelliert an die Politik, sich für das kommende Schuljahr genau die Wünsche und Situationen vor Ort anzuschauen und erst dann zu entscheiden.

Er kann nicht nachvollziehen, warum in Pforzheim nur das THG als G9-Gymnasium zum Zug kam. Während dieses nur mit Engagement und Fantasie die Situation in den Griff bekommt, ist im Hebel-Gymnasium nebenan mit zwei fünften G8-Klassen noch Luft. Die Nachbarschule hatte sich vergeblich um G9-Züge beworben.

Bislang plant das Kultusministerium jedoch keinen Kurswechsel. An eine Ausweitung des Schulversuchs in dieser Legislaturperiode sei nicht gedacht, sagte ein Sprecher.

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Autor: Susanne Kupke, dpa