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07. November 2008

MENSCHEN VON HIER: Der Steuermann geht von Bord

BZ-Porträt: Matthias Brandis, Ärztlicher Direktor der Universitätsklinik, übergibt heute das Amt

  1. Wer wird Pensionär? Matthias Brandis – aber nur als Leitender Ärztlicher Direktor der Freiburger Universitätsklinik. Foto: Thomas Kunz

FREIBURG. "Aber, eins sag ich gleich: Über Doping sprech’ ich nicht!" Matthias Brandis’ Stimme klingt entschlossen, als er den Interviewtermin am Telefon bestätigt. Schließlich habe er dazu schon mehr als genug gesagt. Als der Skandal in Freiburg im April 2007 ans Licht kam, wurde der Leitende Ärztliche Direktor des Universitätsklinikums die Anlaufstelle für Ermittler und Journalisten. Pressekonferenzen, Interviews, Stellungnahmen, Fernsehaufnahmen: "Andauernd musste ich für eine Sache gerade stehen, für die ich im Grunde nichts konnte", erinnert er sich. Einmal hagelte es sogar Rücktrittsforderungen, weil sich die Aufklärung hinzog. "Das alles war nicht vergnügungssteuerpflichtig", sagt Brandis und schmunzelt, was so viel bedeutet wie: "Aber es hat auch Spaß gemacht."

Denn vier Jahre und ein Monat an der Spitze der Uniklinikums haben dem gelernten Kinderarzt auch viele positive Erfahrungen beschert. Längst weiß er, dass die Position die Chance bietet, Visionen zu entwickeln. Die moderne Medizin intern neu aufzustellen und extern erkennbar werden zu lassen, sagt Brandis, das habe er als seine Aufgabe empfunden. Und: "Ich konnte hier gemeinsam mit anderen ein Unternehmen strukturieren."

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Für Matthias Brandis kam das überraschend. 16 Jahre lang hatte er das Zentrum für Kinderheilkunde und Jugendmedizin der Freiburger Uniklinik geleitet und ungezählten Kindern das Leben gerettet. Davor war er sieben Jahre Chef der Kinderklinik in Marburg und davor Pädiater in Berlin, den USA und Hannover. Am 1. Oktober 2004 wollte er eigentlich in Pension gehen. Doch das Angebot, die Nachfolge von Klinikdirektor Peter Frommhold anzutreten, konnte er nicht ablehnen. Zwei Monate vor seinem Amtsantritt war ein lange designierter Nachfolger abgesprungen. "Wenn’s so brennt, mache ich es halt", entschied Brandis und sagte dem Aufsichtsrat des Klinikums mündlich. So wurde er mit 65 der erste Leitende Ärztliche Direktor, der diese Funktion hauptamtlich ausübte.

Alle sollen wissen, was in der Uniklinik passiert
Der Dopingskandal war eine Herausforderung. Die Umstellung der Krankenhausfinanzierung auf die neue Fallpauschalenstruktur ebenso. "Plötzlich war die wirtschaftliche Sicherheit nicht mehr gegeben. Das Klinikum musste anfangen, knallhart zu kalkulieren", erklärt Matthias Brandis, der im Wettbewerb mit anderen Anbietern eine neue Losung ausgab: "mehr Transparenz". Denn dass ein Großunternehmen wie die Uniklinik leicht Gefahr läuft, unpersönlich zu wirken, war ihm schon beim Antrittsbesuch bei der Ärztekammer klar geworden: "Wir wissen eigentlich nicht, was bei Euch alles läuft", war es ihm dort entgegengeschallt. Das, sagt er heute, habe ihn auf die Idee gebracht, die Uniklinik mit Medien, Abendveranstaltungen und einem Magazin für die Öffentlichkeit und das Personal erfassbarer zu machen.

Daneben hat Matthias Brandis auch die Bildung von Zentren vorangetrieben. Die Fusion der Herzzentren von Freiburg und Bad Krozingen steht hierfür ebenso wie die vertiefte Beziehung zur Klinik für Tumorbiologie. In die Strukturentwicklung eingefügt wurden ein neues Zentrum für Immundefizienz und ein Gefäßzentrum. Hinter allen steht die Idee, dass verschiedene Fachdisziplinen sich gemeinsam, effizient und schnell um die Patienten kümmern. Nichts anderes ist das Ziel der vertraglich abgesicherten Interaktion mit niedergelassenen Ärzten und Kliniken in ganz Südbaden auf den Gebieten Chirurgie und Kardiologie.

Die Überzeugung, dass die Uniklinik damit gute Zukunftsperspektiven hat, lässt den 69-jährigen Brandis beruhigt das Steuer abgeben. Als sein Nachfolger wird heute der Basler Gynäkologe Wolfgang Holzgreve ins Amt eingeführt. Brandis ist "zurück an den Wurzeln", wie er sagt. Im Zentrum für Kinderheilkunde bei seiner Nachfolgerin Charlotte Niemeyer hat man ihm gerne Unterschlupf gewährt in einem winzigen Büro mit Sekretariatsanbindung. Von hier aus will er sich – wenn es seine Frau, die vier Kinder und acht Enkel erlauben – noch etwas mit Fachthemen beschäftigen, zu Vorträgen in alle Welt aufbrechen und sich um die Vereine kümmern, die ihm auch am Herzen liegen: der Förderverein für krebskranke Kinder, das Deutsche Kindärzteorchester und der Förderverein Kaisersaalkonzerte. Über seinem neuen Schreibtisch hängt eine Urkunde. Auf ihr prangt ein Logo, das dem der Ratesendung mit Günther Jauch ähnelt. Der Spruch dazu: "Wer wird Pensionär?" Matthias Brandis noch nicht ganz.

Autor: Maikka Kost