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22. April 2010

Missbrauchskandal: Die Rückkehr des Paters

Ein Missbrauchsopfer verfolgt den Lebensweg seines Peinigers und entdeckt, dass der Täter wieder an der alten Wirkungsstätte eingesetzt wurde.

  1. Tatort und Touristenmagnet: Die Wallfahrtskirche Birnau am Bodensee Foto: THOMAS KUNZ

Peter P. (Name geändert) hat den schweren Gang gemacht. Er stieg noch einmal die Treppe hoch, ging in jenen Raum, in dem er als Ministrant, gerade neun Jahre alt, unzählige Male sexuell missbraucht wurde. "Ich hatte das Gefühl, dass dort noch ein Stück von mir ist", erzählt der 53-Jährige. Tatort ist eine Zelle in der Wallfahrtskirche Birnau, der Täter ein Zisterzienserpater: Gregor M.

Jahrzehnte hat Peter P. unter dem Missbrauch gelitten. Seine seelischen Probleme wurden so groß, dass er sich 2006 klinisch behandeln lassen musste. In der Therapie, so erzählt er, sei alles wieder hochgekommen, was er 40 Jahre lang in seiner Seele unter Verschluss gehalten hatte. Noch aus der Klinik rief Peter P. die Erzdiözese Freiburg und die Abtei Mehrerau in Vorarlberg an und schilderte, was er erlitten hat. Auf eine Anzeige verzichtete er. "Die Taten waren bereits verjährt." Doch Peter P. hatte den Verdacht, dass es noch weitere Opfer geben könnte.

Er sollte Recht behalten. Noch vier Jahre lang, bis März 2010, war der heute 69 Jahre alte Pater Gregor M. als Pfarradministrator in der Gemeinde Schübelbach im Kanton Schwyz tätig. Er war ein überaus beliebter, charismatischer Seelsorger, der sich sogar mit dem Bischof von Chur anlegte, der ihm die Fasnachtsgottesdiente untersagen wollte. Von den Missbrauchsvorwürfen ahnte die Gemeinde nichts – bis Peter P. drohte, vor dem Sonntagsgottesdienst in Schübelbach zu demonstrieren. Den Text für sein Plakat hatte er bereits formuliert. "Hier zelebriert ein Kinderschänder."

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Peter P. kommt nicht zur Ruhe. Er recherchiert den Berufsweg seines Peinigers, bringt Neues ans Licht: Von 1971 bis 1987 war Pater Gregor in der Pfarrei Baden tätig, die zum Bistum Basel gehört. Er gründete dort einen Kinderchor und arbeitete mit Ministranten. Das Bistum Basel hatte den Pater 1971 eingestellt, obwohl die sexuellen Übergriffe in Birnau und in der Klosterschule Mehrerau bekannt waren.

"Aus heutiger Sicht ist dies eine unvertretbare Fehleinschätzung", sagt ein Sprecher des Basler Bistums. "Ein entsprechendes Beziehungsnetz, der Missbrauch von Autorität oder direkte Vertuschung machten es möglich." In Basel wird derzeit geprüft, ob sich der Pater auch dort an Kindern vergangen hat. Bislang liegen vier Meldungen vor, die dies nahelegen.

1987 verlässt Gregor M. die Pfarrgemeinde Baden. Er sei ins Kloster Mehrerau zurückgerufen worden, weil dort Personal fehlte, heißt es in Basel. 1992 taucht er als Seelsorger von Schübelbach wieder auf. Wo war er in den Jahren zwischen 1987 und 1992 eingesetzt? Peter P. wendet sich mit seinen Fragen abermals an die Erzdiözese Freiburg. Die Antwort kommt schnell: "Pater Gregor M. hat die Abtei Birnau 1968 verlassen und hielt sich seither nicht mehr in der Erzdiözese Freiburg und nicht mehr in Deutschland auf", heißt es in einem Schreiben von Domkapitular Eugen Maier vom 23. März 2010. Als Peter P. antwortet, er habe die Aussage eines Freundes, der bezeuge, dass Pater Gregor 1988 sein Kind in der Wallfahrtskirche getauft habe, korrigiert der Domkapitular am 9. April in einer E-Mail seine Aussage wie folgt: "In der Akte Birnau ist Pater Gregor für die von Ihnen benannten Jahre nicht nachweisbar. (…) In den Personalschematismen der Jahre 1989 bis 1995 ist Pater G. aufgeführt. Meine Aussage war also falsch. Die falsche Aussage entsprang nicht meiner Absicht, sondern den Angaben der Registratur. Die falsche Aussage bedauere ich, und ich bitte um Entschuldigung."

Auf Anfrage der Badischen Zeitung räumt das Erzbistum ein, dass Pater Gregor von 1989 bis 1995 Mitglied im Konvent der Zisterzienser in Birnau war. Also an jenem Ort, an dem er Jahre zuvor mindestens zwei Ministranten missbraucht hat. Für die Opfer ist dies wie ein Schlag ins Gesicht. Pater Gregor war aber nicht, und das ist für die Verantwortlichen in Freiburg bedeutsam, wie beim ersten Aufenthalt als Seelsorger der Erzdiözese, sondern als Mitglied der Zisterzienser tätig. "Hat Erzbischof Robert Zollitsch, in der fraglichen Zeit Personalreferent des Erzbistums, gewusst, dass ein in Basel aktenkundig bekannter Sexualstraftäter in der Wallfahrtskirche Birnau beschäftigt war? ", fragt sich Peter P. "Hätte er davon wissen können?" Die Seelsorgeeinheit in Meersburg wurde nach eigenen Angaben bis heute weder von der Abtei Mehrerau noch von der Erzdiözese Freiburg über den Vorfall unterrichtet. Das Erzbistum weist darauf hin, dass der Seelsorgeeinheit Birnau die Vorfälle gemeldet wurden.

Peter P. fühlt sich verhöhnt: "Die Kirche hat überhaupt kein Interesse an der Aufklärung. Warum startet die Erzdiözese Freiburg nicht wie Basel einen Aufruf und fordert mögliche Opfer auf, sich zu melden? Warum wird Pater Gregor nicht nach weiteren Opfern befragt?" Schließlich könne es Straftaten geben, die noch nicht verjährt sind. Die Staatsanwaltschaft Konstanz hat jetzt mit den Vorermittlungen begonnen. Am gestrigen Mittwoch erhielt die Staatsanwaltschaft einen Anruf aus dem Erzbischöflichen Ordinariat: Natürlich sei man jederzeit zur Kooperation bereit. Weitere Opfer haben sich bislang nicht gemeldet.

Ein Sieg für Peter P.? Das Schlimmste, sagt er, sei die Ungewissheit. Und das ständige Verleugnen und Vertuschen. Er macht weiter.

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Autor: Petra Kistler