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23. November 2009

Mit einem neuen Spitzenduo auf dem Weg zu Platz zwei

Die Freiburgerin Silke Krebs und der Tübinger Christian Kühn werden die Grünen in die Landtagswahl führen / Zuwachs bei den Mitgliedern

  1. Neue Parteispitze: Silke Krebs und Christian Kühn Foto: DPA

Sie hat es gespürt, sich getröstet mit dem Gedanken, als Krankenschwester ja noch einen ordentlichen Beruf neben der Politik zu haben und endlich auch mal wieder ruhig schlafen zu können. Vier Jahre war Petra Selg Parteichefin der Südwestgrünen – sie hält damit den Rekord in diesem Amt. Dann sprach am Samstag die Basis ein Machtwort: Selg hat ihre Schuldigkeit getan, die neue Hoffnung der erstarkten Partei heißt Silke Krebs.

Gleich im ersten Wahlgang wurde die alleinerziehende Mutter, von der Friedens- und Anti-Atom-Bewegung bis in die Spitzengremien der Grünen gespülte Freiburgerin, mit einer Dreiviertelmehrheit ins Amt gehievt. Und wenn man schon anderthalb Jahre vor der Landtagswahl das Führungspersonal tauscht, dann richtig: Auch der männliche Teil der Doppelspitze ist neu, mit dem Tübinger Soziologen Christian Kühn brachte der linke Flügel einen der ihren an die Parteispitze.

Abgekartet sei dies, klagten die Sympathisanten des alten Vorstands, zu glatt die Wahl. Aber die Verärgerung über mangelndes Zusammenspiel, fehlende Impulse und zu geringe öffentliche Präsenz überwog bei den Delegierten die Freude und den Dank darüber, dass sich unter Selg der Mitgliederstand ebenso in ungeahnte Höhen entwickelt hatte wie die Wahlergebnisse. An Letzteren ist der Vorstand nicht schuld, entgegnen die Kritiker, und aus der Welle, die die Grünen gerade trägt, hätte man mehr machen müssen.

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Was ändert sich mit den Neuen? Zunächst wohl die Zusammenarbeit mit der Fraktion. Dort kennt man die 43-jährige Krebs, weil sie ein Jahr für das Öffentlichkeitsressort der Landtagsfraktion gearbeitet hat. Ist sie die Wunschkandidatin der Fraktion? Nein, sagt die Bildungssprecherin Renate Rastätter, dazu sei die Fraktion viel zu wenig homogen. Und auch Fraktionschef Winfried Kretschmann wehrt vorsichtig ab: Es sei ja doch die Basis, die sie soeben zur neuen Frontfrau gekürt habe. Das natürliche Spannungsverhältnis zwischen der Fraktion und ihren auch in den Medien sehr viel präsentieren Mitgliedern auf der einen und der auf Mitwirkung und Egalität ausgerichteten Partei auf der anderen Seite werde aber mit Sicherheit "produktiv und professionell" sein. Und im Übrigen achte er darauf, dass man sich nicht in die Quere kommt.

Kretschmann will, daran ließ er keinen Zweifel, die Grünen erneut als Spitzenkandidat in die Landtagswahl führen: "Die Flamme der Politik brennt noch in mir, ich will gerne mit euch weitermachen." Was er nicht wollen kann, die Partei aber sehr wohl diskutiert: dem Altmeister eine weibliche Vizespitzenkandidatin beizugesellen. Entschieden wird allerdings erst im kommenden Herbst.

Fritz Kuhn, noch so ein Altmeister, erhofft sich vom Duo Krebs/Kühn an der Spitze des Landesverbandes nicht zuletzt Impulse für Berlin. "Die geben eine gute Parteiführung ab, und das heißt auf kommunaler, auf Landes- und auf Bundesebene." Auf die Partei kämen schwere Zeiten zu – gerade weil sie ordentlich zugelegt hat beim Wähler: "Man erwartet, dass das so weitergeht. Und da braucht der Vorstand Kraft."

Krebs, einst jüngste Stadträtin in Freiburg, hat schon unter Dieter Salomon gearbeitet, als der noch Fraktionschef im Landtag und nicht Oberbürgermeister von Freiburg war. Dem erweiterten Landesvorstand gehört sie seit vier Jahren an. Sie punktet vor allem mit ihrem Appell, "endlich aufzuhören, die Grünen als kleine Partei zu denken". Neben der Ökologie seien Sozial- und Wirtschaftspolitik die entscheidenden Felder, auf denen sie der CDU die Vorherrschaft streitig und die Grünen zur Volkspartei machen will.

Christian Kühn, der Kandidat des linken Flügels und unterstützt vom Tübinger Bundestagsabgeordneten Winfrid Hermann, will so links gar nicht sein: "Ein Landesvorsitzender kann nicht Vorsitzender nur eines Flügels sein, sondern muss alle repräsentieren." Für glaubwürdige Politik bedürfe es aber eines klaren Standpunktes, bei ihm zum Beispiel die Forderung nach einem Grundeinkommen. Dass auch er die Wahl im ersten Anlauf für sich entschied, führt er auf seine thematische Orientierung zurück und die Tatsache, auch bei den grünen Frauen überzeugt zu haben. Jetzt gilt es freilich, die Wähler zu gewinnen: Die Arbeit an einem Wahlprogramm wird die nächste große Herausforderung der neuen Parteispitze. Das Ziel, zweitstärkste Kraft zu werden im Land, eint jedenfalls den alten wie den neuen Vorstand.

Autor: Andreas Böhme