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23. Februar 2011

Stuttgart

S 21 erreicht die Literatur

Zum Stuttgarter Bahnhofsstreit liegt nun auch der erste Krimi vor – mit klarer Rollenverteilung.

  1. Heinrich Steinfest vor dem Bauzaun am Nordflügel des Stuttgarter Hauptbahnhofes Foto: dpa

STUTTGART. Morgen erscheint der neue Roman des Krimiautors Heinrich Steinfest, in dem Stuttgart 21 eine zentrale Rolle spielt. Es ist nicht das erste Buch mit Kriminalelementen zu dem Thema – aber das wohl lesenswerteste.

Als der Autor Heinrich Steinfest vor 13 Jahren erstmals am Stuttgarter Hauptbahnhof angekommen ist, hat es ihm die Aussicht angetan. Dieser Blick von der Plattform des Bahnhofsturms auf die Weinberge und den mittleren Schlossgarten, auf das Herz der Stadt. Jetzt steht Steinfest an gleicher Stelle, mit schwarzem Filzhut und schwarzem Mantel, nur dass er den Bahnhof und seine Umgebung inzwischen ganz anders wahrnimmt. Nicht mehr aus der Vogelperspektive, sondern aus einem speziellen Blickwinkel: dem des Autors und erklärten Stuttgart-21-Gegners.

Morgen erscheint das neue Buch des mehrfach preisgekrönten Krimiautors Steinfest mit dem Titel "Wo die Löwen weinen". Der in Stuttgart lebende Österreicher sieht seinen "Roman mit Krimielementen" als "engagiertes Buch" mit sehr dezidierter Meinung zu Stuttgart 21, die an manchen Stellen wie eine Mischung aus politischem Manifest und literarischer Generalabrechnung mit dem Bahnprojekt und seinen Befürwortern daherkommt. Im Klappentext liest sich das dann so: "Dies ist ein Roman über das Vorhaben, eine Stadt zu ermorden. Nie erschien mir die Form des Kriminalromans passender, zwingender, befreiender."

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In "Wo die Löwen wohnen" versetzt Steinfest seinen einst aus Stuttgart vertriebenen Kommissar Rosenblüt – eine Figur aus einem früheren Buch – zurück in die schwäbische Heimat, wo er prompt in den eskalierenden Konflikt um das Großvorhaben gerät. Ein kritischer Fachmann wird unter Druck gesetzt. Ein Durchschnittsbürger, der nach Frau und Beruf nicht auch noch den Bahnhof verlieren will, führt einen ganz persönlichen Rachefeldzug. Ein philosophischer Hund namens Kepler leistet sitzend Widerstand. Und ganz zum Schluss gibt es dann auch noch eine Leiche.

Dazwischen tauchen in dem Roman mit seiner Mischung aus realen Bezügen und fantastischen Einsprengseln allerlei Politiker auf, die nicht namentlich genannt, aber relativ einfach als Stuttgarter Oberbürgermeister Wolfgang Schuster, als (ehemaliger) Projektsprecher Wolfgang Drexler oder als Ministerpräsident Stefan Mappus identifiziert werden können. Sie werden allesamt unerbittlich und teils bitterböse bewertet. In seiner "österreichischen Radikalität der Personenbeschreibung" sieht sich Steinfest dabei in der Tradition seines Landsmanns Thomas Bernhardt. Für die so literarisch verarbeiteten Politiker dürfte das die Sache nicht besser machen.

"Wo die Löwen wohnen" ist bei weitem nicht der einzige Stuttgart-21-Roman. In den Buchhandlungen der Landeshauptstadt stapeln sich inzwischen die Bildbände, Essay-Bände, Comics, DVDs und eine Reihe von Regionalkrimis mit Bezug zum Bahnhofsprojekt. Während die Qualität der Werke erheblich variiert, sind die Rollen in der Regel klar verteilt: Die rebellierenden Gegner – Steinfest nennt sie "Bildungswutbürger" – sind die Guten, die Befürworter die Bösen. Dass das Klischee einer korrupten und verfilzten Politikerkaste gleich von mehreren Büchern bedient wird, zeigt, wie verlockend das Motiv ist. Origineller wird es deshalb auch bei Steinfest nicht.

Autor: Roland Muschel