Schulleiter als Einzelkämpfer

Sarah Trinler

Von Sarah Trinler

So, 14. Januar 2018

Südwest

Der Sonntag Zahlreiche Grundschulen ohne Rektor – Gehalt und Aufgabenfeld wird diskutiert.

Die Arbeit eines Schulleiters ist mittlerweile vergleichbar mit der eines Managers von einem Kleinunternehmen. Die Anforderungen sind gestiegen, das Gehalt ist geblieben: einer der Gründe, warum besonders an Grundschulen Schulleitermangel herrscht. Im Regierungsbezirk Freiburg sind aktuell knapp 50 Stellen nicht besetzt.

Besonders häufig bleiben Schulleiterstellen an kleinen Grundschulen im ländlichen Bereich unbesetzt. Das Regierungspräsidium (RP) Freiburg erklärt dies damit, dass der ländliche Raum als unattraktiv angesehen werde. Doch das ist längst nicht der einzige Grund. Kleine Schule, weniger Probleme, mag man meinen, doch weit gefehlt. An kleinen Schulen müssen Rektoren mehr unterrichten, haben also weniger Zeit für die Leitungsaufgaben. Gleichzeitig haben sie häufig weder Konrektor, Hausmeister noch Sekretärin zur Unterstützung.

Im Schnitt nur noch 1,4 Bewerber auf eine Stelle

Wie unattraktiv der Schulleiterposten an Grundschulen tatsächlich geworden ist, zeigt die aktuelle Bewerberlage: Nach Angaben des Kultusministeriums bewerben sich auf Führungspositionen an Grund-, Haupt-, Werkreal-, Real- und Gemeinschaftsschulen im Schnitt 1,4 Kandidaten. "Früher waren es vier bis fünf Bewerbungen auf eine Stelle, aber diese Zeiten sind längst vorbei", betont Thomas Stingl, Referat Schulleitung im Verband Bildung und Erziehung (VBE) Südbaden.

Doch was tun, wenn eine Stelle nicht besetzt werden kann? Das RP betont, dass eine Schule nie ohne Leitung sei: "Sollte die Schulleitungsstelle unbesetzt sein, dann leitet der Stellvertreter kommissarisch die Schule, oder eine entsprechende Lehrkraft wird beauftragt." Und so ist es nicht selten der Fall, dass Schulen kommissarisch geleitet werden – oftmals über Jahre hinweg. Ein besseres Gehalt gibt es dann aber erst einmal nicht. Die Bad Krozinger Johann-Heinrich-von-Landeck-Schule wurde von 2008 bis 2013 vom damaligen Konrektor Harald Höfler geleitet. Der eigentliche Schulleiter der Grund- und Werkrealschule war krank, aber weiterhin im Schuldienst als Rektor beschäftigt. De facto wurde die Schule aber von Höfler geleitet – nur ohne entsprechenden Titel und Vergütung. Erst nachdem sich Bürgermeister, Gemeinderat und Elternbeirat eingeschaltet hatten, konnte eine Lösung gefunden und die Schulleiterstelle neu besetzt werden – natürlich mit Höfler.

Eine turbulente Zeit hat auch der jetzige Rektor der Freiburger Hebelschule, Dennis Dietrich, hinter sich: Nachdem die damalige Schulleiterin weggezogen war, führte er als Konrektor ab Herbst 2010 kommissarisch für ein Dreivierteljahr die Grundschule. Seiner Bewerbung wurde dann eine externe Bewerberin vorgezogen, die jedoch nur bis Herbst 2014 an der Schule blieb. Nach einer erneuten Zeit als kommissarischer Schulleiter wurde Dietrich im Herbst 2015 dann schlussendlich offiziell zum Rektor ernannt. Dietrich nennt das "lange Besetzungsverfahren" als Grund für diese Verzögerung.

Auch Sonja Dannenberger, Rektorin der Talschule Wehr (Kreis Waldshut) sowie VBE-Schulkreisvorsitzende im Kreisverband Lörrach-Waldshut, kennt diese Erfahrung: Im Herbst 2017 leitete sie – zusätzlich zu Wehr – für einige Wochen kommissarisch die Nachbarschule in Schwörstadt. Die Zeit, bis das Verfahren abgeschlossen war und der neue Schulleiter seine Urkunde ausgestellt bekam, musste überbrückt werden. Ein Konrektor konnte diese Aufgabe nicht übernehmen, dazu ist die Schule in Schwörstadt zu klein. Laut RP steht die Stelle eines Konrektors einer Schule erst ab 181 Schülern zu.

Gehalt des Rektors richtet sich nach Schulgröße

Die Anreize, sich auf eine Leitungsstelle an einer Grundschule zu bewerben, sind gering. Wie bei Lehrern ist die Besoldung der Schulleitung tariflich nach dem geltenden Beamtenrecht geregelt. Wie viel ein Schulleiter verdient, ist jedoch abhängig von der Schulgröße. Hat die Grundschule weniger als 100 Schüler, gibt es zum Gehalt der Besoldungsgruppe A13 lediglich eine Zulage. Erst ab einer dreistelligen Schülerzahl werden Rektoren in eine höhere Besoldungsgruppe eingestuft. "An einer kleinen Schule verdient die Leitung im Schnitt 250 Euro monatlich mehr als die Kollegen – brutto", bringt es Stingl auf den Punkt. Zum Vergleich: Der Leiter eines Gymnasiums steigt bereits bei A15 ein – unabhängig von der Schülerzahl.

"Wir müssen den Schulleitern mehr bezahlen und ihnen die einfachen Verwaltungsarbeiten abnehmen", sagte Winfried Kretschmann, Ministerpräsident von Baden-Württemberg, Anfang Januar. Unter anderem reagiert er damit auf das schlechte Abschneiden baden-württembergischer Schüler in den jüngsten Bildungsstudien. Kultusministerin Susanne Eisenmann kündigte unterdessen an, bis zum Frühjahr ein entsprechendes Konzept zu erstellen.

Lehrerverbände begrüßen diesen Schritt, doch fordern sie noch mehr: Die Höhe der wöchentlichen Unterrichtsverpflichtung müsse ebenfalls geändert werden. Keine Überraschung: Auch diese richtet sich nach der Schülerzahl. Rektorin Dannenberger hat in Wehr beispielsweise ein Deputat von 18 Wochenstunden, bleiben ihr zehn für die Leitungsaufgaben. Dies reiche bei weitem nicht aus. "Ich habe oftmals eine 50- bis 60-Stunden-Woche", erklärt die 37-Jährige.

Doch warum haben die Tätigkeiten eines Schulleiters so erheblich zugenommen? Aufgrund des gesellschaftlichen Wandels habe sich auch die Schule "massiv" verändert, erklärt Stingl. Vor 20 Jahren habe es Themen wie Ganztagsbetrieb, Medienentwicklung und Gewaltprävention noch nicht gegeben. Von der Personalplanung über die Gebäudeerhaltung bis hin zur Unterrichtsentwicklung liege alles in der Hand der Schulleitung. "Sie ist die Schlüsselperson vor Ort", so Stingl.

Offensichtlich brauchen Rektoren eine große Portion Idealismus. "Ich liebe es, bei der Schulentwicklung mitwirken zu können", nennt Dannenberger ihre Motivation, "dafür nehme ich einiges in Kauf." Dietrich setzt auf Eigeninitiative: Als Konrektor absolvierte er in seiner Freizeit ein Schulmanagement-Fernstudium. Denn eines dürfe man nicht vergessen: Lehrer werden zu Pädagogen ausgebildet, nicht automatisch zu Schulleitern.