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08. Oktober 2016

Sehnsucht nach Südtirol

Im Schwarzwald blickt man neidisch über die Alpen / Tourismusgipfel in Müllheim.

  1. Drei Zinnen Foto: Helmuth Rier

MÜLLHEIM. Da sind Pinien, Palmen und ein strahlend blauer Himmel, da ist auf dem Werbefoto aber zugleich auch ein schneebedeckter Gipfel zu sehen. Anderes Foto, gleiche Botschaft: ein saftiges Gulasch mit Knödeln und daneben ein Teller mit dampfenden Spaghetti. So also sieht das Paradies für Touristiker aus.

"Alpin und mediterran, Natur und Kultur, Spontanität und Verlässlichkeit – diese kontrastreiche Symbiose kommunizieren wir unter der Dachmarke Südtirol", referiert Herbert Dorfmann, 1969 in Brixen als Bauernbub geboren, studierter Agronom und seit 2009 für die Südtiroler Volkspartei im Europäischen Parlament. Im Gewölbekeller des Markgräfler Museums in Müllheim lauschen ihm südbadische Gastronomen, Hoteliers, Bürgermeister, Vertreter des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes – und besonders aufmerksam Christopher Krull, Geschäftsführer der Schwarzwald Tourismus GmbH (STG) und zweiter Referent an diesem Nachmittag. Eingeladen zum Tourismusgipfel haben Patrick Rapp, CDU-Landtagsabgeordneter und tourismuspolitischer Sprecher seiner Fraktion, und dessen Parteikollege, der Bundestagsabgeordnete für den Wahlkreis Lörrach-Müllheim, Armin Schuster. "Vorbild Südtirol, Erfolgsgeschichte des Tourismus – Was können wir daraus lernen?", lautet der Titel der Veranstaltung. Es geht um Markenbildung und Authentizität – und wie man sie am besten verkauft.

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Dorfmann präsentiert die Erfolgsgeschichte der eine halbe Million Einwohner zählenden Region. Die Zeiten, in denen Südtirol das Armenhaus war, sind passé. In Zahlen: Fünf Milliarden Äpfel pro Saison ernten die Bauern am Kalterer See und anderswo, jährlich sorgen 6,5 Millionen Gäste – darunter mehr als die Hälfte aus Deutschland – in den gut 11 000 Betrieben für 30 Millionen Übernachtungen, 3,7 Milliarden Euro werden im Tourismus erwirtschaftet. Südtirol zieht, die Marke ist bekannt.

"Entscheidend jedoch ist, wie eine Region begehrt wird, nicht ihre Bekanntheit", sagt Dorfmann. Vor fünfzehn Jahren habe man begonnen, erzählt er, sich um diese Qualität Gedanken zu machen. Darum, wie man grüne und alpine Kompetenzen bündeln könne und dieses einzigartige Südtiroler Lebensgefühl ansprechend verpacke. Man habe verhindert, dass touristische Ballungsgebiete entstanden seien, dass sich der Tourismus vielmehr gleichmäßig in der Region verteilt. Man habe auch verhindert, dass in den Orten ein Markt für Zweitwohnsitze entstehe – was anderswo zur Folge hatte, dass Urlaubsorte außerhalb der Saison zu Geisterstädten wurden. Man habe geschafft, die Menschen mitzunehmen und aus Vermietern Gastgeber zu machen. Und nicht zuletzt sei es gelungen, dass alle verschiedenen Tourismusziele von Bozen bis zum Brenner ihren Egoismus zurückgestellt und sich unter der Dachmarke Südtirol versammelt hätten. Nicht zuletzt habe, so der EU-Parlamentarier Dorfmann, die Politik einiges Geld in die Hand genommen, um die Region zu vermarkten. Derzeit stehen in Südtirol zehn Millionen Euro jährlich für die Werbung zur Verfügung, finanziert durch Steuern.

"Wir können auch viel", entgegnet Krull, der seit Jahren ebenso erfolgreich Authentizität vermarktet, stets neue Rekordzahlen vermeldet – und dennoch nicht ganz zufrieden ist. Voller Demut stehe er hier, sagt der oberste Touristiker des Schwarzwaldes. Beeindruckend sei, wie in Südtirol die gesamte Region touristisch ticke, alle mitzögen und die Leistungsträger unterstützt würden.

Auch wenn der Schwarzwald die weltweit bekannteste deutsche Marke sei und überall als sympathisch wahrgenommen werde, habe man es noch nicht geschafft, alle unter das Dach dieser Marke zu bringen. Kleinteilige Identitäten würden stattdessen gepflegt, klagt Krull. Und weiter: "Uns fehlt schlicht das Geld". Zwei Millionen Euro habe er pro Jahr im Marketingbudget, den Großteil müsse die STG selber erwirtschaften. Er wäre gerne auf Augenhöhe mit der bevölkerungsmäßig kleineren Region Südtirol, er würde gerne auch Fernsehwerbung machen und effizienter Zielgruppen ansprechen – und nicht zuletzt mit mehr Geld mehr Verbündete ins Boot holen. Womit Krull bei den anwesenden CDU-Politikern mitfühlendes, zustimmendes Kopfnicken erntet.

Autor: Dominik Bloedner