Ohne Kneifen

So interpretieren sechs Südbadener das diesjährige Fastenmotto

BZ Redaktion

Von BZ Redaktion

Mi, 14. Februar 2018 um 16:36 Uhr

Südwest

Zeig dich! Sieben Wochen ohne Kneifen – So lautet das Fastenmotto der evangelischen Kirche in diesem Jahr. Diese sechs Menschen aus der Region erzählen, was sie darunter verstehen.

Heute, am Aschermittwoch, beginnt die Fastenzeit. Jedes Jahr ruft die evangelische Kirche zu einer Fastenaktion auf. Dieses Jahr heißt das Motto "Zeig dich! Sieben Wochen ohne Kneifen". Die Kirche will mit dieser Aktion dazu ermuntern, in Debatten Haltung zu zeigen und Hilfsbedürftige zu unterstützen. Diese sechs Menschen aus Südbaden erklären, wie sie das Motto für sich interpretieren.
"Vor diesem Problem sollten wir nicht die Augen verschließen" , sagt Robert L. (59). Er war obdachlos und engagiert sich heute für Obdachlose. Er möchte Ausgrenzung bekämpfen:

"Die Fastenzeit über werde ich mit offenem Visier unterwegs sein. Ich engagiere mich in verschiedenen sozialpolitischen Gremien gegen Armut und Ausgrenzung. Denn ich weiß, wie sich das anfühlt: Bis zum Jahresende 2009 arbeitete ich im Straßenbau. Dann ging ich Konkurs, auf einen Schlag verlor ich Arbeit, Wohnung und Auto. Die Finanzkrise, aber auch Alkohol spielten dabei eine Rolle. Selbst langjährige Freunde und Geschäftspartner wendeten sich von mir ab, als sei ich von einer ansteckenden Krankheit befallen gewesen. Sie klappten das Visier herunter. Aber ich kam wieder auf die Beine, heute arbeite ich in der Wohnungslosenhilfe, im Offenburger St. Ursula-Heim. Dort habe ich ständigen Kontakt zu den Ärmsten der Armen.

Es ist wichtig, Sprüchen wie ,Selbst schuld, du Penner’ etwas entgegenzusetzen. Niemand ist freiwillig obdachlos. Hier im Südwesten ist soziale Verdrängung auf der Tagesordnung. Um den verbliebenen bezahlbaren Wohnraum konkurriert eine Vielzahl einkommensschwacher Menschen. Vor diesem Problem sollten wir nicht die Augen verschließen, sondern etwas dagegen tun."

"Macht oder unterlasst Dinge nicht aus Angst", sagt Jonas Hoffmann (32), Jugendbeauftragter der SPD Lörrach:

"Nicht kneifen – das war für mich im vergangenen Jahr ein Hauptthema. Als politischer Quereinsteiger zog ich in den Wahlkampf, um fremdenfeindlichen Tendenzen etwas entgegenzusetzen. Oft musste ich mich überwinden, nicht zu kneifen. So bin ich zu AfD-Veranstaltungen gegangen, um mich der Debatte zu stellen. Im Wahlkampf war es immer wieder eine Herausforderung, nach vorne zu gehen und Haltung zu zeigen. Auch mit Blick auf die Regierungsbildung und die mögliche Groko möchte ich Haltung zeigen und sage: Wir dürfen uns nicht von unserem ursprünglichen Kurs abbringen lassen, nur weil wir eine Machtoption haben. Aber ich habe Verständnis für andere in der SPD, die ebenfalls Haltung zeigen, wenn sie sagen, die SPD müsse Verantwortung übernehmen.

Was für mich noch zum Thema kneifen gehört, ist der Umgang mit Angst. Ich sage den Leuten oft: Macht oder unterlasst Dinge nicht aus Angst! Ein Frau, die im dritten Reich ein jüdisches Kind aufnahm, begründete ihr Handeln mit einem Satz, der mich bis heute prägt: Manchmal muss man Angst aushalten, um Mensch zu bleiben."

"Viele Menschen akzeptieren es leider nicht, wenn Menschen anders sind als sie", sagt Betty BBQ (28), Dragqueen aus Freiburg. Sie sagt, man soll zu sich selbst stehen:

"Gesicht zeigen ist mein Job. Ich bin hauptberufliche Dragqueen – also ein Künstler, der in humoristischer Weise eine Frau darstellt. Zwar trete ich in erster Linie als Entertainerin auf und gebe Stadtführungen in Freiburg. Ich stehe aber auch für Akzeptanz und Gleichstellung von Menschen, die von der heterosexuellen Norm abweichen – die queer sind. Jede Woche wenden sich Menschen mit Fragen zu ihrer Sexualität an mich – weil sie zuvor keine Gelegenheit hatten, diese zu stellen. Ich sage ihnen: Kneift nicht, steht zu euch! So könnt ihr die Welt ein bisschen verändern.

In der öffentlichen Debatte werden queere Themen oft kleingeredet. Ich bin aber überzeugt: Es gibt keine Familie, die nicht mindestens einen nahen Verwandten hat, der queer ist. Viele Menschen akzeptieren es leider nicht, wenn Menschen anders sind als sie. Ich bekomme oft Briefe von Leuten, die mich beleidigen oder freundlich darum bitten, mit dem aufzuhören, was ich tue. Bei meinen Stadtführungen bin ich bespuckt worden. Betty BBQ ist für mich ein Sprachrohr, aber auch ein Schutzschild. Wenn ich die Anfeindungen, die ich als öffentliche Person erlebe, auch privat ertragen müsste, könnte ich das nicht machen."

"Wir wollen Kindern und Jugendlichen aufzeigen, dass es sich lohnt, für Werte einzustehen", sagt Philipp Walter (43), Leiter für Kommunikation beim SC Freiburg:

"Auf und neben dem Fußballplatz stehen wir für den Verein und die Mannschaft ein – und zwar das ganze Jahr über. Es ist eine unserer wichtigsten Prämissen, Fairplay jeden Tag vorzuleben. Der Sportclub Freiburg bekennt sich zu seiner gesellschaftlichen Verantwortung. So zeigen wir Kindern und Jugendlichen mit vielen Projekten und Aktionen, dass Fußball zwar unser Kerngeschäft ist, aber dass der SC Freiburg mehr ist als Fußball. Uns ist es wichtig, nicht gegen dieses oder jenes zu sein, sondern den Jungs und Mädels zu vermitteln, dass es sich lohnt, für etwas zu sein – sowohl auf als auch neben dem Platz.

Wir möchten über den Fußball Werte vermitteln, denen der Sportclub sich verpflichtet fühlt: zum Beispiel Toleranz, Respekt oder Fairplay. Wir wollen den Kindern und Jugendlichen aufzeigen, dass es sich lohnt, für diese Werte einzustehen. Fußball schafft Identität und Zusammenhalt. Mit diesem Sport lassen sich viele Dinge bewegen. Deswegen arbeitet der Verein eng mit Schulen und gemeinnützigen Institutionen der Region zusammen. Vom SC Freiburg geht eine große Strahlkraft aus, die in der Region eine unglaubliche Wirkung entfachen kann. Wir versuchen, diese pädagogisch zu begleiten."

"Manchmal braucht es Menschen, die Dinge hinterfragen", sagt Jutta Ziebold (50), Kirchengemeinderatsvorsitzende in Broggingen:

"Für mich geht es beim Fastenmotto darum, zu überlegen, wo man sich wegduckt und unbequemen Fragen aus dem Weg geht. Besonders als Christen sind wir gefordert, Flagge zu zeigen und für unseren Glauben einzutreten. Wie beim Reformationsjubiläum letztes Jahr: Luther ist ein großes Vorbild, weil er vieles angeprangert und dafür einiges in Kauf genommen hat.

Aber es geht bei dem Motto auch um Kleinigkeiten. Um das Gebet beim Mittagessen zum Beispiel, das vielen Christen wichtig ist und das manche in der Kantine aus Scheu weglassen. Ich habe schon erlebt, dass nachgefragt wird: Warum machst du das, was hat das für eine Bedeutung? Manchmal braucht es Menschen, die Dinge hinterfragen. Wie selbstverständlich wir mit Nahrung umgehen, zum Beispiel. Hier braucht man nur in den Supermarkt gehen, aber in anderen Ländern ist das nicht so selbstverständlich. Sich hinterfragen und sich austauschen, das machen wir auch in unserer Fastengruppe in Broggingen, wo unterschiedlichste Menschen zusammenkommen. Fasten ist etwas sehr persönliches, aber es gibt auch Impulse für die Gesellschaft."

"Gesellschaftspolitische Themen anzusprechen und die Gesellschaft wachzurütteln ist die Aufgabe von religiösen Gemeinschaften", sagt Mehmet Ziya Celik (40), Vorsitzender Islamisches Zentrum Freiburg:

"Mein erster Gedanke zu diesem Fastenmotto: das, was man sich vorgenommen hat, auch durchziehen. Natürlich gehört auch im Islam beim Fasten immer eine gesellschaftliche Ebene dazu. Dass man versucht, ein besserer Mensch zu werden und dem Nachbarn hilft. Gesellschaftspolitische Themen anzusprechen und die Gesellschaft wachzurütteln ist meiner Ansicht nach Aufgabe von religiösen Gemeinschaften. Da ist die Fastenzeit eine gute Gelegenheit, weil dann die öffentliche Aufmerksamkeit größer ist.

Aber bei uns im Islam muss man beim Fasten schon beides machen: geistig sein Leben und seine Handlungen reflektieren und sich körperlich enthalten. Mit dem Verzicht auf Essen und Trinken tagsüber reinigt man nicht nur den Körper, sondern auch den Geist. Man zügelt die eigenen Triebe, nicht nur in Bezug auf Essen, sondern auch auf alles andere, was schlecht ist am eigenen Charakter. Der körperliche Verzicht hilft einem dabei: Man gönnt dem Magen und dem Geist eine Ruhepause von allem Weltlichen. Außerdem weiß man nach einem heißen Tag ohne Wasser viel besser zu schätzen, was man hat."