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04. März 2016 15:21 Uhr

Kontrollverlust im Atomkraftwerk

Störfall in Fessenheim: Kritik an Vertuschungsversuch

Die neuen Details zum Störfall in Fessenheim 2014 lassen daran zweifeln, ob der Betreiber den Reaktor unter Kontrolle hatte. Politiker sind verärgert angesichts der beschwichtigenden Aufsichtsbehörde.

  1. Die neuen Details zum Störfall in Fessenheim 2014 lassen daran zweifeln, ob der Betreiber den Reaktor unter Kontrolle hatte. Foto: AFP

Am 9. April 2014 müssen die Betreiber des AKW Fessenheim den Reaktor 1 in einer Notaktion abschalten. Ein Abflussrohr ist verstopft, ein Kühlwasserreservoir läuft über. Es kommt zu einer Überflutung in mehreren Stockwerken, so dass eines der Systeme zur Notabschaltung versagt. Eine Neubewertung der Ereignisse von damals lässt nun daran zweifeln, ob der Betreiber den Reaktor noch unter Kontrolle hatte. Laut der Einschätzung des deutschen Nuklearsachverständigen Manfred Mertins hatte der Krisenstab vor Ort damals zeitweise keine Informationen über den Zustand des Reaktorkerns.

Die Mannschaft habe Block 1 zeitweise quasi blind gefahren, zitieren WDR und Süddeutsche Zeitung Mertins in Berichten vom Freitag. Nach dem Vorfall vom April 2014 waren Details zum Hergang des Zwischenfalls im ältesten französischen Akw erst nach und nach an die Öffentlichkeit gelangt. Thierry Rosso, damals Direktor des zu Electricité de France (EdF) gehörenden Akw Fessenheim, berichtete in der lokalen Informations- und Überwachungskommission wenige Wochen später von einer geringen Wassermenge, die sich nach dem Überlaufen eines Reservoirs angeblich nur im Maschinenraum ausgebreitet hatte. Er bezeichnete das Vorgehen seiner Leute als "zufriedenstellendes Management der Ereignisse durch den Betreiber".

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"Zufriedenstellendes Management"

Tatsächlich hatten Mitarbeiter zunächst Wasser auf dem Boden zum Kontrollraum von Block 1, danach auch auf den darunter liegenden Niveaus auf elf, sieben und vier Metern entdeckt. Ursache war eine 80 Zentimeter dicke Verstopfung aus Feilspäne und Schmutz in einem Abflussrohr. Die Überschwemmung erstreckte sich, wie aus einem Schreiben der französischen Atomaufsicht ASN vom 24. April 2014 hervorgeht, also weit über den Maschinenraum hinaus. Schlimmer: Sie zog wichtige Schaltschränke in Mitleidenschaft und machte eines von zwei Systemen zur Notschaltung unbrauchbar.

Handelte es sich tatsächlich um einen harmlosen Vorfall, wie die EdF vorgab? Manfred Mertins bezweifelt dies. Den der eilends zusammengestellte Krisenstab entschied sich für ein ungewöhnliches Mittel. Die Steuerstäbe, mit deren Absenken eigentlich die Leistung des Reaktors gedrosselt wird, waren nicht mehr manövrierbar, wie aus einem Brief des damaligen ASN-Chefs aus Straßburg ans EdF deutlich wird. Daraufhin entschloss man sich im AKW, dem Kühlkreislauf Bor zuzuführen. "Mir ist kein Fall bekannt, wo ein Leistungsreaktor hier in Westeuropa störfallbedingt durch Zugabe von Bor abgefahren werden musste", sagt dazu Manfred Mertins in der SZ.

Unkontrollierte Abkühlung

Der Nuklearexperte Christian Küppers vom deutschen Ökoinstitut kritisiert zudem, die Abkühlung erfolgte zu rasch und unkontrolliert. Er sprach schon im September 2014 in einem Interview mit dieser Zeitung von einer fatalen Schlamperei in Bezug auf den Vorfall und ist überzeugt: "Fessenheim wäre nach Fukushima in Deutschland garantiert unter den Anlagen gewesen, die sofort vom Netz genommen worden wären."

Florien Kraft, damals Chef der ASN in Straßburg, antwortete auf unsere Nachfrage, der Reaktor sei gemäß dem Betriebshandbuch heruntergefahren worden. "Eine Schnellabschaltung über die Steuerstäbe ist somit nicht nötig gewesen."

Die französische Atomaufsicht forderte im April 2014 zwar im Detail Erklärungen für die Panne und klassifizierte den Vorfall auf Stufe 1 der internationalen Meldeskala Ines. Einen Grund für eine schnelle Schließung, die Bürgerinitiativen im Elsass und Baden-Württemberg seit Jahren fordern, sieht die Aufsichtsbehörde allerdings bis heute nicht. Auch nicht, als sich die Reihe der Pannen mit mehreren Rohrbrüchen im Frühjahr 2015 fortsetzte.

Die aus Paris angekündigte Stilllegung des AKW Fessenheim ist angesichts dessen für die Kritiker keine Beruhigung, zumal sie immer weiter hinausgezögert wird. Derzeit ist von 2018 die Rede. BUND-Geschäftsführer Axel Mayer bemängelt deshalb neben dem "Monopol zur Auswertung und Bewertung von Störfällen" durch den Betreiber, dass die Atomaufsicht "wieder einmal weggeschaut und als Kontrollbehörde versagt."

Menschliches Versagen

Im Übrigen scheinen auch technische Nachrüstungen, die Millionenbeträge kosten - fast 70 Millionen waren es allein 2015 – menschliches Fehlverhalten nicht zu verhindern. Denn die Ursache des Zwischenfalls von 2014 war schlicht ein verstopftes, wohl länger nicht gereinigtes Rohr.

Deutsche Bundes- und Baden-Württembergische Landtagsabgeordnete reagieren über Parteigrenzen hinweg gereizt angesichts der neuen Vorwürfe gegen den verantwortlichen Akw-Betreiber EdF. "Es kann nicht sein, dass schwerwiegende Vorfälle – wenn sich dies bestätigt – bewusst von französischen Behörden heruntergespielt werden", sagt der CDU-Landtagsabgeordnete Patrick Rapp. "Einmal mehr zeigt sich, dass weder die Technik noch die französische Atomaufsicht funktionieren", stellen die beiden Grünen Abgeordneten Bärbl Mielich und Kerstin Andreae fest. Die EDF sei offenbar nicht bereit, die Karten auf den Tisch zu legen. Sylvia Kotting-Uhl, atompolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag, sagt, es sei angesichts der Alterung von Europas Atomkraftwerken nicht akzeptabel, dass Länder, die vom GAU eines Atomkraftwerks massiv betroffen wären, bei dessen Sicherheitsauslegung nichts mitzureden haben.

Salomon fordert grenzüberschreitende Sitzung

Freiburgs Oberbürgermeister Dieter Salomon fordert angesichts der aktuellen Fessenheim-Erkenntnisse das Regierungspräsidium auf, sofort eine grenzüberschreitende CLIS-Sitzung einzuberufen. CLIS ist die Abkürzung von "Commission Locale d´Information et de Surveillance". Dabei handelt es sich um einen regionalen Ausschuss
zur Beobachtung und Überwachung öffentlichkeits- und sicherheitsrelevanter Projekte und Anlagen. In der CLIS des elsässischen AKWS Fessenheim haben auch Vertreter aus Deutschland und der Schweiz einen Sitz. Salomon sagt: "Es ist unzumutbar, was hier von der französischen Atomaufsicht verschwiegen werden sollte. Wir wollen endlich Klarheit, was vor knapp zwei Jahren genau in
Fessenheim passiert ist. Es kann nicht sein, dass wir als betroffene Nachbarn aus den Medien erfahren müssen, was jenseits des Rheins geschieht."

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Autor: bnü, dad