Reaktorsicherheit

Stuttgart übt scharfe Kritik an Atom-Gutachten

Bärbel Krauß und dpa

Von Bärbel Krauß & dpa

Mi, 18. Juli 2018 um 20:31 Uhr

Südwest

Das Stuttgarter Umweltministerium hat in ungewohnt scharfer Form Kritik an der Reaktor-Sicherheitskommission (RSK) geübt. Es geht um die umstrittenen belgischen Meiler.

Die Atomaufsicht im Südwesten wirft der in Bonn ansässigen Kommission in einem Brief, der der BZ vorliegt, ein "unzureichendes Bewertungsverfahren" vor und zieht die Unabhängigkeit des Gremienvorsitzenden Rudolf Wieland in Zweifel.

Die Vorwürfe entzünden sich an sachlichen Differenzen in der Bewertung der umstrittenen belgischen Atomkraftwerke Tihange 2 und Doel 3 in einer Stellungnahme der Kommission vom 23. Mai. Konkret geht es um die Risikobewertung feiner Risse in den Druckbehältern. Die Kommission, die die Bundesregierung berät, kam in ihrem Gutachten zu dem Schluss, dass die Risse "herstellungsbedingt" seien und bisher kein "betriebsbedingtes Risswachstum" festzustellen sei.

Gerrit Niehaus, der im Stuttgarter Ministerium die Abteilung Kernenergieüberwachung leitet, wirft Wieland einen "rein ingenieurtechnischen Ansatz" vor. "Dass das Vorgehen der belgischen Behörde plausibel ist, wie ihr die RSK bescheinigt, und sich die Zahl der offenen Punkte reduziert habe, genügt nicht, die betroffenen Kernkraftwerke als hinreichend sicher einzustufen." Auch für die Vorsitzende des Umweltausschusses im Bundestag, Sylvia Kotting-Uhl (Grüne), ist klar: "Die Reaktorsicherheitskommission und insbesondere ihr Vorsitzender Wieland haben (...) versagt."

In Stuttgart ärgert man sich zudem über Medienberichte, die unter Berufung auf die RSK meldeten, Tihange und Doel seien sicher. Wieland betont dagegen in seinem Antwortschreiben, das der BZ ebenfalls vorliegt: "Weder die Kommission noch ich haben in Pressegesprächen eine Aussage zur Unbedenklichkeit oder Bedenklichkeit eines Weiterbetriebs der belgischen Reaktoren betroffen." Das Bundesumweltministerium hat ihm unterdessen den Rücken gestärkt. Die Kritik aus Stuttgart "geht ins Leere", ließ Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) ihr Haus auf Anfrage erklären.