Stuttgart

Uni entschuldigt sich für Nazi-Unrecht an 440 Menschen

epd

Von epd

Mo, 06. Februar 2017 um 15:18 Uhr

Südwest

Ein Forschungsprojekt der Uni Stuttgart zur Aufarbeitung von Verfolgung und Entrechtung im Nationalsozialismus zeigt: Mindestens 440 Menschen haben zur NS-Zeit Unrecht durch die Uni erlitten.

Das Ergebnis eines dreijährigen Projekts der Universität Stuttgart zur Aufarbeitung von Verfolgung und Entrechtung im Nationalsozialismus, teilte Uni-Rektor Wolfram Ressel am Montag in Stuttgart mit: Mindestens 440 Menschen haben zur NS-Zeit Unrecht durch die Universität erlitten. Ressel bat Betroffene und ihre Angehörigen im Namen der Universität um Entschuldigung.

Zwangsarbeiter, entlassene Lehrende und verfolgte Studenten

292 Geschädigte, und damit die weitaus meisten, waren Zwangsarbeiter aus besetzten Gebieten. Doch es traf mehrere Gruppen. Professoren und andere Lehrende wurden entlassen, jüdische oder nicht angepasste Studenten verfolgt, Doktorgrade und Ehrenwürden aberkannt. Gut 300 Betroffene sind namentlich bekannt.

Uni-Archivleiter Norbert Becker, der die Federführung des Projekts hatte, zeigt an mehreren Beispielen, wie weit die Benachteiligungen gehen konnten. So musste Erwin Schopper, wissenschaftlicher Assistent am physikalischen Institut, die Hochschule verlassen, weil er seine Verlobung beim Experimentalphysik-Professor Erich Regener gefeiert hatte. Dessen Frau Viktoria hatte jüdische Vorfahren. Der Hochschulverweis wurde mit dem Fest beim "jüdisch versippten Professor" begründet.

Uniarchiv bei einem Brand im Zweiten Weltkrieg zerstört

Da das Uniarchiv bei einem Brand im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde, haben Becker und seine wissenschaftliche Mitarbeiterin ab Mai 2013 hunderte Justizakten durchforstet, Zeitzeugenberichte ausgewertet und in Archiven der Landesämter für Wiedergutmachungsleistung gestöbert. Ihre Forschung sei im Vergleich zu anderen Aufarbeitungen besonders umfassend und betrachte gleich mehrere Formen des Nazi-Unrechts, erläuterte der Archivleiter. Die Dunkelziffer sei aber sehr hoch.

Wer waren die Täter?

"Ein Ziel war auch zu sehen, wer die Täter waren", erläuterte Becker zu dem rund 80.000 Euro teuren Projekt. Der damalige Universitätsrektor Wilhelm Storz sei beispielsweise ein überzeugter Nationalsozialist gewesen und habe die Uni mit sehr harter Hand geführt. In Tübingen hätten den angeschwärzten Mitarbeitern zur gleichen Zeit dagegen oft keine Konsequenzen gedroht. Viele Verantwortliche und Studenten der Stuttgarter Uni hätten sich schuldig gemacht, so Becker, doch ihr Tun sei in den Entnazifizierungsverfahren oft ohne ernsthafte Folgen geblieben.

Die Zeit des Nationalsozialismus sei ein dunkles Kapitel der Universitätsgeschichte, macht Rektor Ressel deutlich, und sagte: "Es ist Unrecht passiert, für das wir hier in aller Form um Entschuldigung bitten wollen." Die Erkenntnisse aus dem Forschungsprojekt sollten bei einer Gedenkveranstaltung thematisiert und in dem fast 600 Seiten starken Buch "Verfolgung und Entrechtung an der Technischen Hochschule Stuttgart während der NS-Zeit" zusammengefasst werden.

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