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15. Mai 2012

Buback-Mord

Verena Becker bricht ihr Schweigen: "Ich war nicht dabei."

Ehemalige RAF-Terroristin macht am 89. Prozesstag Aussage.

  1. Wer erschoss am Gründonnerstag 1977 in Karlsruhe den Generalbundesanwalt Siegfried Buback und seine beiden Begleiter? Das bleibt im Dunkeln. Foto: dpa

  2. Augen zu und durch: Verena Becker vor Gericht Foto: dpa

Nach 21 Minuten kommt das Schweigen zurück. Für 21 Minuten hat Verena Becker an diesem Verhandlungstag, es ist der neunundachtzigste, ihre Sonnenbrille abgelegt, als wolle sie ihr wahres Gesicht zeigen. Eigens für diesen Augenblick waren zusätzliche Stühle in den viel zu kleinen Verhandlungssaal des Oberlandesgerichts Stuttgart getragen worden, und dennoch bleibt eine Traube aus Zuschauern und Medienvertretern draußen stehen. Alle wollen hören, was Verena Becker zu sagen hat nach mehr als eineinhalb Jahren eines quälenden Verfahrens.

Nach 21 Minuten blickt der Vorsitzende in lauter fragende Gesichter. Verena Becker, früher Mitglied der Roten Armee Fraktion (RAF), steht wegen Beihilfe an der Ermordung des Generalbundesanwalts Siegfried Buback im April 1977 vor Gericht. Voraussichtlich ist es der letzte große Prozess gegen RAF-Mitglieder – ein von Erwartungen vielleicht überladener Prozess. Denn die Hoffnung steht im Raum, 35 Jahre nach den Mordanschlägen auf Buback, den Bankier Jürgen Ponto und den Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer, 35 Jahre nach dem deutschen Herbst, endlich etwas mehr Klarheit zu bekommen, endlich ein Stück mehr Wahrheit zu erfahren. Im Idealfall: die ganze Wahrheit.

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Für all die, die dies gehofft haben, ist die Erklärung Verena Beckers ernüchternd, eine Enttäuschung. Becker hat nicht gesagt, wer am 7. April 1977, einem Gründonnerstag, in Karlsruhe den Generalbundesanwalt erschoss. "Ich war nicht dabei", sagt die kleine, schmächtige Frau. Wie fast immer trägt sie einen dünnen, grauen Wollpullover über einer hellen Bluse. An jenem Apriltag sei sie im Nahen Osten gewesen – den Ort verrät sie nicht, aber nach den Andeutungen ihres Anwalts darf man Bagdad vermuten. Zusammen mit Brigitte Mohnhaupt und Peter Jürgen Boock. Das würde sich mit anderen Aussagen decken. Immerhin.

Klar ist auch, dass die "Offensive 77" bei verschiedenen Treffen vorbereitet wurde. Das erste war im Herbst 1976 im Jemen. "Es war unser großes Bedürfnis, die Gefangenen frei zu bekommen", sagt Becker. Sie meint die in Stammheim sitzende RAF-Spitze. Konkrete Pläne habe es nicht gegeben. Bei einem zweiten Treffen Ende 1976 im Harz seien Pläne besprochen worden, aber nicht konkret. Sie habe sich in der Diskussion nicht hervorgetan. Immerhin hatten die "Stammheimer" Andreas Baader und Gudrun Ensslin unmissverständlich gefordert: "Der General muss weg." Und in Unterlagen des kurz darauf festgenommenen Anwalts Siegfried Haag finden sich Hinweise auf eine Operation Margarine, was auf die Anfangsbuchstaben von Siegfried Buback hinweist. Bei einem letzten Treffen in Holland, sagt Becker, sei sie nur zu Beginn anwesend gewesen. Sie habe eine Verabredung gehabt, sagt Becker, aber sie sagt nicht mit wem, wozu, und wann genau. Wie sie überhaupt vieles offenlässt und nur sagt, was sie sagen will.

Warum beschäftigt sich ein Obergericht so lange und intensiv mit derartigen Details, die 35 Jahre zurückliegen, um die Frage, wer genau am 7. April in Bagdad war oder nicht und wer dort wen getroffen hat? Das ist nur erklärbar mit einem kollektiven Trauma in der Geschichte der Bundesrepublik: Das Klima der 70er Jahre war beherrscht von den Morden und Anschlägen der RAF sowie der Reaktion des Staates, welcher im Kampf gegen den Terror den Rechtsstaat oft bis an die Grenze strapazierte – und manchmal darüber hinaus. Die Jahre haben die Republik geprägt. Zudem sind zahlreiche der Morde nicht aufgeklärt. Zwar sind Christian Klar, Knut Volkerts und Brigitte Mohnhaupt 1985 unter anderem wegen der Ermordung Bubacks verurteilt worden. Aber weder ist der Todesschütze bekannt, dem Buback und seine Begleiter Stefan Wurster und Wolfgang Göbel in dem Dienstmercedes zum Opfer fielen, noch alle Mittäter und Helfer. Zahlreiche Akten sind verschwunden, andere rückt das Bundesamt für Verfassungsschutz nicht heraus.

Verena Becker war im Mai 1977 in Singen festgenommen worden, nach einem Schusswechsel mit der Polizei. Sie wurde durch eine Kugel verletzt und später wegen versuchten Mordes an den Polizisten verurteilt. Sie und ihr Begleiter Günther Sonnenberg trugen die Buback-Tatwaffe aus Karlsruhe bei sich. Heute steht fest, dass Becker die Bekennerschreiben abgeschickt hat, die nach dem Mord an Buback verbreitet wurden. Zum Prozessbeginn im September 2010 hatte Becker erklärt, sie wolle von ihrem Recht Gebrauch machen, vor Gericht zu schweigen. Sie schloss aber nicht aus, sich zu einem späteren Zeitpunkt zu äußern. Das Schweigen hat sie an 88 Verhandlungstagen durchgehalten, jetzt, am 89., hat sie sich geäußert, kurz vor dem Ende des Prozesses. 21 Minuten lang. Aber wie glaubwürdig ist das?

Inzwischen sind alle Zeugen gehört. Sofern sie Mitglieder der RAF waren, ist der Begriff nicht ganz angemessen. Gehört hat man nichts, denn gesagt haben sie nichts. Sie haben geschwiegen, wie sie es sich einst geschworen haben. Das war der Grund, weshalb Gerichte in den RAF-Urteilen auf das Benennen des detaillierten Tatbeitrags verzichteten. Demonstrativ am 3. Mai 2010, zum 33 Jahrestag der Festnahme Verena Beckers, bekräftigten die ehemaligen Terroristen dieses Gelübde noch einmal. "Keine Aussage zu machen ist keine Erfindung der RAF. Es hat die Erfahrung der Befreiungsbewegung und Guerillagruppen gegeben, dass es lebenswichtig ist, in der Gefangenschaft nichts zu sagen, um die, die weiterkämpfen, zu schützen." Die Omertá, wie das bei der Mafia heißt, hat das längst verkündete Ende der RAF also überdauert.

Deshalb also war die Erwartung groß an die Erklärung Beckers. Sie wandte sich tatsächlich ganz kurz und direkt, mit Blickkontakt, an Michael Buback, der in diesem Prozess als Nebenkläger auftritt. "Sie wollen wissen, wer Ihren Vater getötet hat. Diese Frage kann ich nicht beantworten, denn ich war nicht dabei." Ein klares Wort, aber ist es die Wahrheit?
"Sie wissen, wer es war, und viele haben das drängende Bedürfnis, es zu erfahren."
Walter Hemberger, Bundesanwalt
Buback hatte stets die These vertreten, Becker habe auf dem Motorrad gesessen und vom Rücksitz aus die Schüsse abgegeben. Dann fährt Becker vieldeutig fort: "Es ist eine Erklärung nicht an Sie persönlich, sondern an das Gericht." Verteidiger Hans Wolfgang Euler wird später die Bedeutung dieses Satzes juristisch gewunden erläutern. Frau Becker sei an diesem Ort Angeklagte, werde mithin nur Dinge sagen, die sie selbst nicht belasten. Er weckt damit die Erwartung, dass Becker nach Schluss des Verfahrens sich an den Sohn des Mordopfers und weitere Angehörige wenden wird. Die Frage der persönlichen Schuld belaste sie, versichert der Anwalt, sie habe ein Interesse daran, mit sich ins Reine zu kommen. Sie selbst sagt, sie habe sich früh von der RAF distanziert, "ich gehe seit den 80er Jahren meinen eigenen Weg".

Nach ihrer Darstellung ist Becker bis zum Tag ihrer Festnahme nie in Karlsruhe gewesen, also auch nicht am 7. April. Sie sei erst am 8. April mit einem zypriotischen Pass, ausgestellt auf den Namen Stella Ratzon, aus dem Nahen Osten – "ich glaube über Jugoslawien" – nach Rom gereist, wo sie aus der Presse von dem Anschlag erfahren haben will. Wann sie nach Deutschland weiterreiste, sagt sie nicht. Sie habe die Mitglieder des Kommandos getroffen, die Buback erschossen. Wer das war, auch das sagt Becker nicht. Sie habe die Bekennerschreiben in Umschläge gesteckt, dies sei ihr Beitrag gewesen. An den Umschlägen fanden sich später DNA-Spuren von ihr. Ihr nächster Auftrag sei gewesen, die Tatwaffe, ein Schnellfeuergewehr HK 43, in ein Depot im Ausland zu bringen. Dabei wurde sie in Singen festgenommen. Von wem hatte sie die Waffe und den Auftrag? Fragen werde sie nicht beantworten, stellten ihre Verteidiger klar. Was soll man von dieser Darstellung halten? Lassen sich die Aussagen belegen? Sagt Becker die Wahrheit, und sei es nur in den Teilen, die sie preisgeben will? Hermann Wieland, der Vorsitzende Richter, unterbricht die Verhandlung für 20 Minuten, damit sich ein Teil der im Saal sich ausbreitenden Ratlosigkeit auflösen kann.

"Sie haben nur den halben Weg beschritten", hält Walter Hemberger, der Vertreter der Bundesanwaltschaft, ihr anschließend vor. "Sie wissen, wer es war, und es gibt viele Angehörige, die ein drängendes Bedürfnis haben, das zu erfahren." Dem sei sie nicht nachgekommen. Er hätte gar ein Wort des Bedauerns erwartet, setzt Hemberger hinzu. Ähnlich äußert sich Michael Buback. "Sie sind sehr sehr weit hinter den Erwartungen zurückgeblieben. Dass Sie nicht dabei waren, reicht nicht. Wir sind nicht auf eine Person fixiert, wir wollen wissen, wer die Attentäter waren", sagt Buback und blickt dabei direkt zu Becker. Die hat sich wieder hinter ihrer Sonnenbrille verschanzt, die Lippen bleiben schmal und verschlossen und es ist nicht zu erkennen, ob die Bitten und Mahnungen, das Drängen bei ihr ankommen.

Buback will von Becker auch wissen, warum sie diese Erklärung nicht zu Prozessbeginn abgegeben hat, "Sie hätten sich und uns diese quälenden Tage erspart." Zweimal pro Woche fährt der 67 Jahre alte pensionierte Chemieprofessor Buback frühmorgens von Göttingen nach Stuttgart; mit der Penetranz, mit der er fragt und seine These vertritt, Becker habe seinen Vater erschossen, hat er sich wenig neue Freunde gemacht. Seit Beginn des Prozesses ist die Stimmung zwischen Anklagevertretung und Nebenkläger gereizt, Buback hat den Prozess mit seinen eigenen Recherchen erzwungen und die Bundesanwaltschaft angetrieben. Hemberger und seine Vertreterin Silke Ritzert lassen ihren Unmut immer wieder anklingen – am Nachmittag widersprechen sie wieder einmal einem Beweisantrag Bubacks.

Er könne Bubacks Wunsch verstehen, räumt Verteidiger Euler ein, auch Becker verstehe das, aber Buback seinerseits müsse verstehen, dass Verena Becker in diesem Verfahren angeklagt sei. "Was Sie erwarten, gehört nicht in den Gerichtssaal." Euler benennt damit das Problem, das diesen Prozess von Beginn an lähmt: Auch unabhängig vom Schweigegelübde wird keiner der damals Beteiligten zur Sache aussagen, so lange einem aus der Gruppe strafrechtliche Ermittlungen drohen. Die Täter von damals aber sind in vielen Punkten die einzigen, die etwas wissen. In Aufzeichnungen, die in Beckers Wohnung beschlagnahmt wurden und von ihr stammen, ist davon die Rede, sie habe Täterwissen. Ohne dieses Täterwissen wird es letztlich keine Klarheit geben, werden also die Angehörigen der Opfer vergebens hoffen.

Vor Jahren wurde der Vorschlag gemacht, die bleierne Zeit des RAF-Terrors mit einer Art Wahrheitskommission aufzuarbeiten: Alles auf den Tisch, im Gegenzug Straffreiheit. Es wäre ein Tabubruch: Mord soll nicht straffrei bleiben. Und er verjährt nicht.

ROTE ARMEE-FRAKTION (RAF)

So nannte sich eine linksextreme Terrorgruppe in der Bundesrepublik. Die RAF war verantwortlich für 34 Morde sowie Entführungen, Banküberfälle und Sprengstoffattentate. Sie wurde 1970 von Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Horst Mahler, Ulrike Meinhof und anderen gegründet. Zum "harten Kern" gehörten zwischen 1970 und den 90er-Jahren etwa 80 Personen. 1998 erklärte die RAF sich für aufgelöst.  

Autor: BZ

Autor: Franz Schmider