Verhindern lässt sich der Wandel längst nicht mehr

Bernhard Walker

Von Bernhard Walker

Mo, 06. August 2018

Südwest

Bedarfsnahe Basisversorgung für Kranke einerseits, spezialisierte Schwerpunktkliniken anderseits: So könnte die Zukunft aussehen.

Es gibt kaum etwas, was so viel Unmut der Bürger auslöst wie eine Zusammenlegung von Klinikabteilungen oder gar die Schließung eines ganzen Krankenhauses. Viele Bürger sehen darin den Verlust eines Stücks Heimat. In vielen Bundesländern hat sich deshalb die Kliniklandschaft in den letzten Jahren kaum verändert. Eine Ausnahme bildet Baden-Württemberg, wo Sozialminister Manfred Lucha (Grüne) den Wandel angepackt hat.

Dieser Wandel hat auch mit Geld zu tun. Schon vor einigen Jahren wurde die Finanzierung der Kliniken auf Pauschalen umgestellt. Ein bestimmter Eingriff wird also mit einem fixen Betrag vergütet, der für jede Klinik gleich ist. Dahinter stand das Kalkül, einen ökonomischen Druck auszulösen, der vielerorts zu Klinikschließungen führen sollte.

Der Idealfall wäre, dass die Länder, die für die Klinikplanung zuständig sind, sie mit den Bürgern erörtern – und den Mut haben, etwa in Regionen, wo viele Häuser ähnliche Schwerpunkte haben, diesen auf einen Standort zu konzentrieren. Auf dem Papier ist die beste Struktur schnell gezeichnet: Es gibt eine flächendeckende Basisversorgung, für die Bürger und Politik aushandeln müssten, wie weit sie höchstens entfernt sein darf. Daneben gibt es in den Mittelzentren spezialisiertere Kliniken (mit Urologie oder HNO beispielsweise) und dann einige Maximalversorger wie Unikliniken. In der Realität lässt sich das aber sehr schwer umsetzen, weil es Verlierer oder Gewinner gibt. Vor allem für den ländlichen Raum schafft dieser Wandel Probleme. Denn in Ballungsräumen, die Häuser der drei Versorgungsstufen haben, bleiben die Wege kurz.

Verhindern lässt sich der Wandel nicht. Das zeigt allein der rasante medizinische Fortschritt, der die Heilkunde immer weiter spezialisiert. Schlaganfallpatienten werden heute in einer "stroke unit" behandelt – eine Einrichtung, die es vor einigen Jahren noch gar nicht gab. Nur kann diese Versorgungsform eben nicht überall entstehen. Seltsamerweise hat sich nicht herumgesprochen, dass es für Kranke gut ist, spezialisiert versorgt zu werden – auch wenn dann die Wege zur Klinik weiter sind. Dabei ist dieser Ansatz keineswegs neu. Zentriert an bundesweit 13 Standorten versorgen die berufsgenossenschaftlichen Kliniken (BG-Kliniken) Patienten, die beispielsweise an einer Berufskrankheit leiden, einen schweren Unfall oder massive Brandverletzungen erlitten haben.

Lange haben sich auch die Vertreter der Kliniken gegen den Wandel gesperrt. Inzwischen argumentieren sie differenzierter. "Natürlich sollen und müssen nicht alle Kliniken alles machen. Das ist allein wegen des Personalproblems gar nicht durchzuhalten", sagt Gerald Gaß, Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft. Es gehe nicht darum, ob hier oder da ein Bett stehe: "Die große Frage wird sein, wie es den Kliniken gelingt, überhaupt das nötige Personal für den Betrieb einer Fachabteilung zu finden."

Gaß’ Hinweis wird den Zorn vieler Betroffener bei einer Klinik- oder Abteilungsschließung wohl nicht besänftigen. Der rührt auch daher, dass viele Angst davor haben, dass ein Haus, das sie gut kennen und das vielleicht seit vielen Jahrzehnten in ihrem Ort besteht, zur hässlichen Ruine wird. Deshalb hatte die Große Koalition in Berlin eine Milliarde Euro bereitgestellt, um eine neue Nutzung möglich zu machen – sei es als soziale Einrichtung oder als Ärztezentrum.