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06. April 2013 00:00 Uhr

Bundschuh-Gründer

Vor 500 Jahren zettelte der Lehener Jos Fritz einen Aufstand an

Von ihm wissen wir nur, was andere von ihm sagen: Vor 500 Jahren zettelte der Bundschuh-Gründer Jos Fritz in Lehen bei Freiburg einen Aufstand an. Sein Vermächtnis wirkt bis heute nach.

  1. Jos Fritz auf dem Flugblatt von 1535 Foto: -

Weiß eigentlich jemand, wie er wirklich ausgesehen hat, Jos Fritz, der Lehener "Bauernführer" von 1513? Von anderen Rebellen hat uns die Filmindustrie unvergessliche Porträts geliefert: Spartakus sieht aus wie Kirk Douglas, Andreas Hofer wie Luis Trenker und Cartouche wie Jean-Paul Belmondo in seinen besten Jahren. Aber Jos Fritz? Es gibt kein Bild von ihm. Sein Gesicht liegt für immer im Dunkeln unter dem Schlapphut. Er sei 1525 noch einmal gesehen worden, an irgendeinem Waldrand, auf irgendeinem Markt, dann war er verschwunden im Gedränge – und wusch! – um die Ecke. Möglicherweise war er 1849 Carl Schurz behilflich bei dessen berühmter Flucht aus der Festung Rastatt, und im Sommer 1976, heißt es, sei er in Bottingen am Kaiserstuhl gesehen worden – Arm in Arm mit Karl Meyer Junior und Rudi Dutschke. Kann ja alles sein. Vielleicht steckt er neuerdings auch hinter der Maske des Anonymus? Wir hören, er sei ein großer Verschwörer und Netzwerker gewesen, aber niemand hat je gewusst, wer Jos Fritz wirklich war – und wenn ja, wie viele?

Kein O-Ton, kein Bekennerschreiben

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Auch kennen wir keinen O-Ton von ihm, kein Bekennerschreiben, wir wissen nur dies und das aus zweiter Hand, was andere über ihn gesagt haben, im Small Talk, im Suff, in der Beichte, unter der Folter – und die Polizei hat das dann alles aufgeschrieben und ein halbes Jahrtausend lang in ihren Archiven aufbewahrt. Aus diesem Material haben die Historiker ihre Jos-Fritz-Erzählungen verfertigt, als nach den romantischen deutschen Volksliedern, Volkssagen und Volksmärchen die fast vergessene Volksrevolution von 1525 an der Reihe war.

Zwei Achtundvierziger haben Standardwerke über den Bauernkrieg herausgebracht, der Schwabe Wilhelm Zimmermann und der Rheinpreuße Friedrich Engels, aber schon 1824 hatte der Freiburger Lokalhistoriker Heinrich Schreiber eine ziemlich tendenziöse, der Idee von "Law and Order" verpflichtete Studie über Jos Fritz und den Bundschuh zu Lehen veröffentlicht. Seine Forschungsergebnisse waren dann das Ausgangsmaterial für ein Theaterprojekt des Freiburger Chorleiters und Komponisten Alexander Adam. Titel: "Jos Fritz". Uraufführung zur Jahrhundertwende 1900. Das Stück wurde am 30. November 1912 noch einmal in der Freiburger Festhalle aufgeführt, mit gewaltig vielen Chorsängern (120 Männerstimmen, 90 Frauen), mit Perkussion, Holz- und Blechbläsern, einem Streichorchester und drei Gesangs-Solisten, insgesamt 300 Mitwirkende. Die Solo-Partien: eine liebende und leidende Else Schmidin (Sopran), ein düsterer, sowohl dämonischer als auch messianischer Führer und Verführer namens Jos Fritz (Bariton) – für Wagnerianer leicht erkennbar konzipiert als eine Art "Fliegender Breisgauer" – und auch ein beleidigter Vater kommt kurz zu Wort (Bass). Die Textdichterin hieß Maidy Koch. Das war 1912, zwei Jahre vor dem Weltkrieg.

In der Zwischenkriegszeit hat sich auch das bündische Liedschaffen für den Stoff interessiert. Das Szenario Bauernkrieg schien wohl besonders gut geeignet für allerlei Gewaltfantasien. Der bekannteste Song, das Florian-Geyer-Lied, enthält beispielsweise diese Strophe: "Des Edelmannes Töchterlein / Kyrieleis! / Wir schickten’s in die Höll hinein / Kyrieleis!" Die Strophe wird in den Liederbüchern gelegentlich wegzensiert, gelegentlich aber auch noch brutalisiert. Der seinerzeit sehr bekannte deutsche Dichter Börries Freiherr von Münchhausen reimte: "Dem Ritter fuhr ein Schlag ins Gesicht / Ein Spaten zwischen die Rippen, / Er brachte das Schwert aus der Scheide nicht / Und nicht den Fluch von den Lippen." Um fröhliche Brandstiftung ging es in jedem dieser Lieder: "Spieß voran! Drauf und dran! Setzt aufs Klosterdach den roten Hahn!" So sangen die bündischen Gruppen, so sangen die Sozis, so sang die SS, so sang in ihrer Frühzeit die Bundeswehr, so sangen FDJ und NVA, so sang im Jahr 1957 auch die Jungschar der evangelischen Ludwigsgemeinde in Freiburg.

Offenbar hat die Erinnerung an den Bauernkrieg die Deutschen nicht in Pro- und Contra-Parteien aufgespalten, vielmehr unter dem Bundschuh nachträglich geeint, jedenfalls wollte jeder partizipieren am Auftrumpf: "Ja, gnade dir Gott, du Ritterschaft! / Der Bauer stund auf im Lande!" Nach dem Ersten Weltkrieg kamen die Bundschuhstraßen in Mode.

So gönnte sich beispielsweise 1921 das schwäbische Weilimdorf (heute ein Stadtteil von Stuttgart) eine solche. Den Salzburgern stifteten die Nazis 1940 eine Bundschuhstraße, kurz nach der "Wiedervereinigung" Österreichs mit dem Reich, und 1946 tat die zwangsvereinigte SED den Dresdnern denselben Gefallen.

In ihrer Ausgabe vom 12. März 1934 schrieb die Freiburger Zeitung, da ja nun das Dorf Lehen bald eingemeindet würde, bräuchte man künftig keine Lehener Straße mehr, man dürfte sie also getrost in voller Länge Bundschuhstraße nennen. Heute heißt die betreffende Straße im oberen Teil immer noch Lehener Straße.
Aber im Stadtteil Lehen gibt es wirklich alles, was das Herz der Brauchtumspflege begehrt.

Eine Bundschuhstraße gibt es da, eine Bundschuhhalle, einen Bundschuhplatz, ein Bundschuhjubiläum nebst Bundschuhkalender und Bundschuhpfad und Bundschuhbier aus Bundschuhkrügen, einen Els-Schmidin-Weg, eine Jos-Fritz-Straße, eine Buchhandlung Jos Fritz – pardon, nein, ganz falsch – der Buchladen gehört nicht dazu. Er befindet sich ja auch nicht in Lehen, sondern im Freiburger Szeneviertel "Im Grün", und mit Brauchtumspflege sind die Buchhändler bislang noch nicht hervorgetreten. Aber wie kam ausgerechnet dieser Buchladen zu diesem Namen?

Im Archiv Soziale Bewegungen findet sich ein Dokument aus dem Mai 1975, eine Erklärung der Gesellschafterversammlung des linken Buchladens, in dem ankündigt wird, man wolle den Laden in absehbarer Zeit "Jos Fritz Buchhandlung" nennen. Begründung: "Jos Fritz war ein Bauernführer aus Lehen, aktiv während der Bauernkriege und jetzt wieder in Wyhl". Das passte offenbar dem Buchladenkollektiv in den Kram. Aber wie wurde eigentlich Jos Fritz "aktiv in Wyhl"? Diese Frage führt uns zu einer ganz anderen Jos-Fritz-Erzählung und zu der Chiffre "Ökologie", die in den frühen siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts aufkam.

Ende August 1974 kündigten die Badisch-Elsässischen Bürgerinitiativen in ihrer "Erklärung der 21" auf 30 000 Plakaten rechtsrheinisch und linksrheinisch an, sie würden sowohl den Bauplatz für das geplante Bleiwerk in Marckolsheim als auch den Bauplatz für das Atomkraftwerk in Wyhl besetzen, sobald dort die Bagger anrollten. Und weil die Bagger zuerst nach Marckolsheim kamen, besetzten die Bürgerinitiativen am 20. September 1974 zuerst den Platz im Elsass. Von nun an rollten aufständische Trecker sowohl mit französischen als auch mit deutschen Kennzeichen nach Marckolsheim, und sie vereinigten sich auf dem Platz zu einer eindrucksvollen "Kavallerie der Bewegung". Und anstatt die in drei Kriegen gestählte deutsch-französische "Erbfeindschaft" weiter zu pflegen, bauten die Besetzer ein "Frendschaftshüss", der Name war Programm. Der elsässische Schullehrer Jean Gilg pflanzte ein Transparent in den Schlamm: "Deutsche und Franzosen gemeinsam: die Wacht am Rhein", das heißt, er verkehrte die Parole der Franzosenfresser-Hymne von 1854 in ihr Gegenteil. Denn die "Neue Wacht am Rhein" war kein feindseliger Aufmarsch der Rechtsrheinischen gegen die Linksrheinischen, sondern eine gemeinsame Aktion, Schulter an Schulter, und die neue "Hymne", wie die Pariser Tageszeitung Le Monde den Besetzer-Song nannte, war zu singen auf die Melodie eines amerikanischen Streikliedes "Which Side Are You On? – Auf welcher Seite stehst du? Hier wird ein Platz besetzt!" Voilà!

Und nun kommt wieder einmal Jos Fritz ins Spiel. Am 15. Oktober 1974 tauchte sein erstes Flugblatt auf, überschrieben mit: "Die Wacht am Rhein", und unterschrieben mit: "v.i.S.d.P. Jos Fritz, FR-Lehen, Bundschuhstraße 1525".

In lockerer Folge wurden dann bis zum Sommer 1975 auf den besetzten Plätzen Zehntausende von Flugblättern verteilt, die Jos Fritz allesamt "im Sinne des Presserechts" zu verantworten hatte – weiße, gelbe, blaue, pinkfarbene Flugblätter, insgesamt zwölf Ausgaben.

Auch in Wyhl standen Bauern in der ersten Reihe

Der historische Jos Fritz hatte bekanntlich 1513 und 1517 den Plan entwickelt, die sesshaften Leute mit den beweglichen zusammen zu spannen, auch wenn sie sich teilweise spinnefeind waren, und die linksrheinischen mit den rechtsrheinischen, und die Leute vom Dorf mit Sympathisanten aus der Stadt. Ganz ähnlich funktionierte das Netzwerk der Bürgerinitiativen am Oberrhein in den 70er Jahren. Die Bürgerinitiativen brauchten kein Zentralkomitee und keinen charismatischen "Fliegenden Breisgauer". Wer damals die Frage gestellt hätte: "Wer ist denn nun Jos Fritz in Wirklichkeit, und wenn ja, wie viele?", hätte eine Antwort gekriegt, die auf keine Kuhhaut passt: Annemarie, Carola, Solange, Meinrad, Bernd, Raymond, Lore, Jean-Jacques, Marie-Reine, Balthasar, Siegfried, Bruno, Ida, Sully, Roland, Heinz und 28 000 weitere Fritzen.

Auf dem Jos-Fritz-Flugblatt Nr. 8 vom Juli 1975 war das wirkungsmächtige Poem "Rhingold" des elsässischen Dichters André Weckmann abgedruckt (siehe rechte Spalte). Weckmann trug es gelegentlich selbst vor, beispielsweise in den Freundschaftshäusern der besetzten Plätze von Wyhl (D) und Gerstheim (F) oder im Studio des illegalen Radio Verte Fessenheim, und Kollegen wie François Brumbt oder Roland Burkhart rezitierten oder sangen es bei den Großkundgebungen der Bürgerinitiativen.

Erstaunlicherweise entsprang das neue Denken jener Epoche nicht den Metropolen Paris, Wien, Berlin, vielmehr erwiesen sich als Kristallisationspunkte der ökologischen Modernisierung bisher ganz unbekannten Orte wie Le Larzac, Kaiseraugst, Fessenheim, Wyhl, Gorleben, und immer standen dort auch Bauern in der ersten Reihe. Im August 1973 rief ein begeisterter französischer Jos Fritz namens Bernard Lambert beim Meeting im Rajal del Guorp (Larzac) vor 60 000 Zuhörern ins Mikro: "Jamais plus les paysans ne seront des Versaillais!", womit er meinte: Nie wieder werden sich die Bauern als Erfüllungsgehilfen der Reaktion missbrauchen lassen.

Der oberrheinische Jos Fritz brachte zum Abschluss seines Wirkens in Marckolsheim im Dezember 1974 die erste Anti-AKW-Schallplatte heraus, Auflage 5000, Vertriebskanäle das Netzwerk der Bürgerinitiativen. In den meisten Rundfunkanstalten stand die Platte im sogenannten "Giftschrank" und durfte nicht gesendet werden, in der DDR sowieso nicht. Trotzdem gerieten die ersten Songs von Marckolsheim und Wyhl auch überregional unter die Leute, wurden umgeschrieben, umgesungen, angepasst an die jeweiligen Bedingungen in Brokdorf, Kalkar, Mörfelden oder Zwentendorf.

Im linken Buchladen in der Freiburger Wilhelmstraße lagen die Jos-Fritz-Flugblätter und die Jos-Fritz-Schallplatten aus, und im Mai 1975 benannte sich der Buchladen nach Jos Fritz, weil, wie gesagt, Jos Fritz "jetzt wieder aktiv in Wyhl" war. Christian Petty, der die meisten Jos-Fritz-Flugblätter gedruckt hatte, gründete 1976 in der Spechtpassage eine "Bundschuhdruckerei", und im selben Jahr gab Edwin Gantert aus dem Buchladen-Kollektiv seine Zulassungsarbeit zur Wissenschaftlichen Prüfung für das Lehramt an Gymnasien ab, Thema: Jos Fritz und der Bundschuh.

Im September 1975 verschickte der Grafiker HAP Grieshaber von der Achalm aus weltweit seine aktuelle Mappe Nr. 22 aus der Serie "Engel der Geschichte", Thema: "deutscher bauernkrieg 450 jahre". Die Mappe enthielt neben Farbholzschnitten und Fotos auch eine umfängliche Textcollage von Margarete Hannsmann, in der sie Passagen eines Berichts über Wyhl und Marckolsheim aus Kursbuch 39 mit Dokumenten aus dem Bauernkrieg verschnitten hatte. HAP Grieshaber war noch vergleichsweise vorsichtig, aber schon damals kam im Feuilleton eine recht banale Überblendung Wyhl/Bauernkrieg auf, die das altbekannte Klischee bediente: "Der Bauer stund auf im Lande".

So setzte sich beispielsweise im Lauf der 1970er Jahre das Stereotyp vom Bauernkrieger durch, der eher an einen berufsmäßigen Landsknecht erinnerte als an einen Menschen, der berufsmäßig pflügt, sät und erntet, und sowieso nicht an die bunt durchmischte Menge aus Wyhl. Perfekt bedient wurde das Bauernkriegs-Klischee schließlich von einem Holzschnitt, der angeblich einen bäuerlichen Krieger von 1525 zeigt. Diese Figur schreitet stramm militärisch fürbass und schwenkt eine Fahne mit der Aufschrift "fryheit". Die Grafik wurde überall nachgedruckt, sie passte einfach zu gut, und sie war falsch.

In Wirklichkeit handelt es sich nämlich um die Illustration zu einer Satire von Thomas Murner gegen die Lutheraner aus dem Jahr 1522. Titel: "Von dem großen Lutherischen Narren". Was die ahnungslosen AKW-Gegner als authentische Ikone des Bauernkriegs ansahen, meint nach dem Willen des Satirikers einen von Luther verführten dummdreisten Bauernlümmel. Nach dem Sommer 1975 tauchten am Oberrhein keine Flugblätter mehr auf "v.i.S.d.P. Jos Fritz", nur noch eine zweite Schallplatte. Darauf unter anderem eine deftige Polemik gegen den Stuttgarter Wirtschaftsminister Rudolf Eberle, Titel des Songs: "Rudi Ratlos", nach einem Hit von Udo Lindenberg. Und der Autor dieses Liedes, steht auf der Platte zu lesen, heiße Udo Fritz.
Zum Autor

Walter Mossmann (71) ist Schriftsteller, Journalist und Regisseur. Bekannt wurde er in den 70er Jahren zudem als Liedermacher der "Alternativen". 1974 war er Mitbegründer der Badisch-Elsässischen Bürgerinitiativen, die sich sich gegen den Bau eines Atomkraftwerks in Wyhl am Kaiserstuhl und gegen das AKW Fessenheim im Elsass engagierten. Er lebt in Freiburg.

Jos Fritz

Jos Fritz (geboren um 1470 bei Bruchsal, gestorben um 1525) war in den Jahrzehnten vor dem Deutschen Bauernkrieg (ab 1524) Rädelsführer bei mehreren Bundschuh-Verschwörungen, so auch vor exakt 500 Jahren im damaligen Dorf Lehen, aus dem inzwischen ein Freiburger Stadtteil geworden ist. Dort wird 2013 mit zahlreichen Veranstaltungen an das Ereignis erinnert. Die Verschwörung in Lehen war jedoch verraten und am 6. Oktober 1513 niedergeschlagen worden. Jos Fritz floh und verschwand. Die Stadt Freiburg jagte ihn und seine Mitstreiter noch jahrelang. Eine Folge des versuchten Aufstands war, dass kein Lehener mit Waffen nach Freiburg durfte.

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Autor: Walter Mossmann