Sohn des Altkanzlers

Walter Kohl überbringt in Rust seine Botschaft von Versöhnung

Dominik Bloedner

Von Dominik Bloedner

Fr, 15. März 2013 um 00:00 Uhr

Südwest

Er ist der Sohn von Helmut und Hannelore Kohl – vor allem aber ist er Walter Kohl. Im Europa-Park in Rust hat der Sohn des Altkanzlers eine Botschaft von der Versöhnung überbracht.

RUST. Er hat Opferland verlassen. So bezeichnet Walter Kohl in seinem 2011 erschienenen Buch "Leben oder gelebt werden" rückblickend sein jahrelanges Martyrium – bevor er den Schalter umgelegt hat, bevor er wieder zurück ins Leben fand. Hinter dem 49-Jährigen liegen eine Kindheit im Hochsicherheitstrakt der Kanzlerfamilie, das schmerzhafte Nicht-Verhältnis zum übermächtigen Vater Helmut, der nie da war und der die Familie als Fototapete für seine politische Karriere inszeniert hat, natürlich der Suizid seiner Mutter Hannelore im Jahr 2001 und seine eigenen, schon ausgereiften Selbsttötungspläne. Auch dass der Vater mit ihm gebrochen hat und durch seine neue Frau Maike Kohl-Richter von ihm und dem Rest der Kohls abgeschottet wird – damit kann Walter inzwischen umgehen. Im Familiendrama hat sich so etwas wie eine Routine entwickelt.

Heute behauptet er mit fester Stimme: "Der Sohn von Helmut Kohl? Stimmt, aber ich bin auch der Sohn von Hannelore. Und ich bin Walter Kohl. Es hat lange gedauert, bis ich dies ohne Schmerzen sagen konnte." An diesem Abend im Europa-Park Rust ist er zwar schwer erkältet, aber das Herz tut nicht mehr weh.

Neben Walter Kohl, der in seinem Pfälzer Dialekt und in seiner massigen Statur seinem Vater frappierend ähnelt, steht die ehemalige Personenschützerin Heidi Prochaska auf der Bühne. Auch sie hat etwas zu sagen über Schmerzen, Leidensdruck und die Volten des Lebens, sie schreibt Ratgeber mit Titeln wie "Ändere Dich!" und "Entscheide Dich!". Beide haben sich auf einer Personenschützerkonferenz kennengelernt. Prochaska ist beeindruckt gewesen, wie Kohl aus der Sicht "eines hilflosen Kindes" in seiner Autobiografie das Leben als "Zielperson des Terrorismus" in den 70er-Jahren schildert.

Über die Stiefmutter mag er nicht reden

Da waren schutzsichere Scheiben im Haus in Oggersheim, da waren ständig wechselnde Wege in die Grundschule, da waren die Leibwächter mit ihren Maschinenpistolen, da waren die Instruktionen, was im Fall einer Entführung zu tun sei. Aber da war vor allem eine Kindheit, die keine war. "Die Sicherheit war mein Gefängnis", sagt Kohl. Er sagt das nicht anklagend. Im Gegenteil, er scherzt viel in seinem Vortrag, er ist jovial, er kann über sich selber lachen, er wirkt befreit. Und er hat eine Botschaft, die er Versöhnung nennt. Er sagt, er habe sein Herz aufgeräumt und durchgelüftet, die Vergangenheit erdrücke ihn nicht mehr, Sprachlosigkeit, Ohnmacht und Einsamkeit seien passé.

Die geliebte Mutter Hannelore wäre in diesen Tagen 80 Jahre alt geworden, sein jüngerer Bruder Peter hat unlängst ihre Biografie neu aufgelegt und um ein pikantes Detail im Vorwort ergänzt: Demnach soll Helmut Kohl schon in den 90er-Jahren ein Verhältnis mit Maike Richter gehabt haben. Die Gebrüder Kohl waren unlängst in dieser Angelegenheit in der ZDF-Talkshow von Markus Lanz: Die Geschichte der zerrütteten Familie des Kanzlers der Einheit fasziniert nach wie vor die Öffentlichkeit.

Doch über die neue Frau will Walter Kohl in Rust nicht sprechen. "Hierzu ist alles gesagt", sagt er etwas unwirsch. Und erinnert dabei ein bisschen an seinen Vater, den Machtpolitiker. Auch die Frage, ob der Vater endlich sein Buch gelesen habe, ist Walter Kohl lästig. "Das habe ich schon hundertmal beantwortet. Nein, hat er nicht, will er nicht."

Er hat einen einseitigen Friedensvertrag geschlossen, der an keinerlei Bedingung geknüpft ist. Er liest fürs Publikum aus seinem Buch: "Er bleibt mein Vater, aber er ist weit weg. Heute habe ich losgelassen, und das fühlt sich gut an." Er will vermitteln, dass zu hohe Erwartungen nicht gut sind. Eine Aussprache mit dem Vater? Irgendwann? "Was kommt, das kommt", sagt der Sohn. Er jedenfalls ist versöhnt mit sich, der Familie und der Welt.

Kohl – bekennender Christ, in zweiter Ehe mit einer Koreanerin verheiratet und inzwischen selbstständiger Unternehmer in der Automobilzuliefererbranche – versteht sein Buch ohnehin nicht als Abrechnung, sondern eher als Anleitung. Im Juni erscheint mit "Leben, was Du fühlst" der Nachfolgeband. "Das ist ein Praxisbuch zur Versöhnung, darüber, wie man aus einer inneren Sackgasse herauskommt", sagt er. Knapp 400 Menschen sind im Saal, einige von ihnen haben Sorgen, sie suchen Rat, sie wollen, dass Kohl ihnen Wege zeigt. Sie warten später geduldig in der Schlange, bis ihr Buch vom Autor signiert ist. Und sie sind nicht gekommen, weil er der Sohn von Helmut Kohl ist – sondern wegen ihm als einem Menschen, der nach vorne blicken will.