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26. August 2016 15:21 Uhr

Verkehr

Warum es wichtig ist, im Stau eine Rettungsgasse zu bilden

Bei zwei schweren Unfällen auf der A5 hatten Rettungskräfte Probleme, zur Unfallstelle zu gelangen – Autofahrer bildeten keine Rettungsgasse. Im BZ-Interview erklärt Kai Ullwer von der DRK Müllheim, wie man sich richtig verhält.

  1. Auf mehrspurigen Straßen muss für Einsatzfahrzeuge eine Rettungsgasse in der Mitte gebildet werden. Foto: ADAC

  2. Kai Ullwer, DRK Müllheim vor einem seiner Fahrzeuge. Sie tragen seit dem vergangenen Sommer Sticker, mit denen Autofahrer an Rettungsgassen erinnert werden sollen. Foto: Alexander Huber

  3. Über eine offene Rettungsgasse kommen Ersthelfer auch im Stau schnell zu einer Unfallstelle. Auto- und LKW-Fahrer sollten allerdings immer in ihren Fahrzeugen bleiben. Foto: dpa-tmn

BZ: Herr Ullwer ich fahre mit meinem Auto auf der A5 und höre Sirenen. Was muss ich tun?
Kai Ullwer: Man muss zwischen fließendem Verkehr und Stau unterscheiden. Wenn der Verkehr normal fließt und ein Rettungsfahrzeug mit Blaulicht und Martinshorn kommt, gilt das Gebot "Fahr nach rechts". Das Rettungsfahrzeug fährt für gewöhnlich auf der linken Spur, die sollten Autofahrer dann frei geben und nach rechts fahren. Dabei muss man natürlich vorsichtig sein und sich an alle Regeln des Straßenverkehrs halten.

"Wir standen ein bis zwei Minuten und konnten nicht weiter – und das, während zwei Personen auf einer Autobahn lagen und dringend Hilfe benötigten." Kai Ullwer
BZ: Wie sieht es aus, wenn Stau ist?
Ullwer: Wenn das erste Fahrzeug mit Blaulicht und Martinshorn kommt, muss ich als Autofahrer davon ausgehen, dass weitere unterwegs sind. Dann muss eine Rettungsgasse gebildet werden. Auf der linken Spur fährt man so weit wie möglich nach links, auf der rechten Spur so weit wie möglich nach rechts; dabei kann auch der Standstreifen genutzt werden. Gibt es mehr als zwei Spuren, wird die Rettungsgasse zwischen linker Spur und der daneben gebildet. Die Rettungsgasse sollte eine richtige Spur sein, groß genug, dass auch ein LKW durchpasst, denn die Kollegen von der Feuerwehr wollen möglicherweise mit einem Löschfahrzeug durch. Die Spur muss die ganze Zeit offen bleiben.

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BZ: Das war bei dem Unfall am Mittwoch allerdings nicht so. Was ist dort geschehen?
Ullwer: Ein Kollege stand zufällig im Stau und konnte beschreiben, was passiert ist. Er sah, dass die Spur mehrere Male hinter jedem Rettungsfahrzeug zuging – und dann für das nächste wieder auf, wie eine Ziehharmonika. Das kostet nicht nur Zeit und erschwert die Durchfahrt, dadurch können sich auch Wagen im Stau verkeilen – und dann ist möglicherweise für uns Rettungskräfte gar kein Durchkommen mehr. Ich war am Mittwoch selbst auf einem der Rettungswagen, und wir konnten für ein oder zwei Minuten nicht weiter – und das, während zwei Personen auf einer Autobahn lagen und dringend Hilfe benötigten. Da ist selbst eine Minute zu lang.

"Den Wagen sollte man im Stau natürlich nie verlassen, erst recht nicht zum Gaffen." Kai Ullwer

BZ: Woran liegt es, dass die Autofahrer keine Rettungsgasse bilden?
Ullwer: Es ist fehlende Kenntnis und Unbedachtheit. Wir sehen viel Fehlverhalten in solchen Situationen. Am Mittwoch stand ein Auto zum Beispiel auch mit offenen Türen da – und niemand war da. Wir fahren mit dreißig, vierzig, fünfzig Kilometer pro Stunde durch eine Rettungsgasse, da sorgt man sich bei jeder halboffenen Autotür, dass einem gleich jemand vor den Wagen läuft. Den Wagen sollte man im Stau natürlich nie verlassen, erst recht nicht zum Gaffen. Aber das passiert wirklich, manchmal gehen selbst Familien mit Kindern zu einer Unfallstelle vor. Außerdem werden Autos heutzutage immer schallisolierter, für mehr Fahrkomfort. Wenn man dann die Klimaanlage und das Radio an hat, hört man möglicherweise das Martinshorn gar nicht und jemand steht mit dem Wagen im Weg herum.

BZ: Wie ist es, als Retter durch eine Rettungsgasse zu fahren? Gewöhnt man sich daran?
Ullwer: Nein. Wir machen das ja nicht so selten, aber ein Kollege hat das ausgerechnet am Mittwoch auf der Anfahrt zum Unfall auf der A5 noch gesagt "Daran gewöhne ich mich nie." Für uns sind das ja Fahrten über mehrere Kilometer, am Mittwoch waren es sicher drei oder vier. Wenn dann mehrfach jemand quer steht oder nicht richtig nach links oder rechts rangefahren ist, fragt man sich schon, was mit den Autofahrern nicht stimmt. Wir waren der sechste Rettungswagen, und kamen nicht gut durch. Wie kann das sein?

BZ: Seit einem Jahr haben Sie beim DRK in Müllheim Sticker auf den Rettungsfahrzeugen, die Fahrer zur Rettungsgasse mahnen. Haben die geholfen?
Ullwer: Feedback gab’s nicht, aber wir hoffen, dass die Leute das lesen. Vielleicht sollten die Sticker noch größer werden. Letztendlich könnte es helfen, wenn schon bei den Unfallmeldungen im Radio zur Rettungsgasse gemahnt wird. Da zählt einfach jede Minute.
Zur Person

Kai Ullwer, 35, ist Leiter des Rettungsdienstes und Geschäftsführer des Deutschen Roten Kreuz in Müllheim.

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Autor: cabu