Baden-Württemberg

Gesundheitszentren nach skandinavischem Vorbild sollen Arztmangel auf dem Land mildern

Jens Schmitz

Von Jens Schmitz

Di, 17. Juli 2018 um 11:29 Uhr

Südwest

Neue Gesundheitszentren, Fallbetreuer für die Patienten, mehr Vorbeugung: Ein bundesweit einmaliges Modellprojekt aus Baden-Württemberg will Wege ins Gesundheitssystem der Zukunft zeigen. Ein Überblick.

Sozialminister Manfred Lucha (Grüne) hat am Montag den Abschlussbericht vorgestellt. "Sektorenübergreifende Versorgung in Baden-Württemberg" lautet der Titel des Unterfangens, für das das Land in den Landkreisen Reutlingen, Biberach und Ravensburg eine Million Euro investiert hat.

"Es muss sich alles verändern, damit es so bleibt, wie es ist", Manfred Lucha (Grüne)
Dahinter verbirgt sich die Einsicht, dass das Gesundheitswesen nicht weitermachen kann wie bisher: Der Altersschnitt der Bevölkerung steigt, chronische Erkrankungen nehmen zu, beim Personal werden Engpässe herrschen. In allen Bereichen müssen alte Grenzen überwunden werden – zwischen ärztlichen Fachrichtungen, Einrichtungen des Gesundheitswesens, Landkreisen und Kostenträgern. Lucha betonte: "Es muss sich alles verändern, damit es so bleibt, wie es ist." Das neue Konzept wurde mit Krankenhausträgern, Krankenkassen, Vertretern der Gesundheits- und Pflegeberufe sowie in Bürgergesprächen erarbeitet.

Primärversorgungszentren:
Fachleute aus Gesundheits-, Sozial- und anderen Berufen sollen hier in Teams zusammenarbeiten und zusätzlich zur existierenden Versorgung in solchen Zentren auch strukturschwache Regionen erreichen. Die Zentren wären mit stationären Einrichtungen verbunden; Vorbilder gibt es etwa in Skandinavien. Nicht zuletzt dort, wo sich Krankenhäuser nicht halten könnten, biete sich künftig ein entsprechender Service an, sagte Lucha.

Kooperation:
Der Bericht schlägt verschiedene Wege zur überregionalen Vernetzung von kommunalen Gesundheitskonferenzen, Ärzten, Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen vor. Die Notfallversorgung soll neu geordnet werden, es soll ein Entlassmanagement eingeführt werden, um die Versorgung zu gewährleisten. Lucha kündigte an, das kommende Landespflegestrukturgesetz werde bereits einen entsprechenden Patientenanspruch enthalten. Der Bericht regt einen Modellversuch für persönliche Fallbetreuer an.

Gesundheitsförderung :
Prävention soll stärker integriert werden. Kurzfristig könnten die Kommunen Angebote koordinieren, mittelfristig Kitas und Schulen eingebunden werden. Eine Sensibilisierung für betriebliches Gesundheitsmanagement sei vor allem in kleinen und mittleren Betrieben notwendig. Der Text regt außerdem an, das Honorierungssystem grundsätzlich zu ändern, damit Ärzte nicht nur die Krankheitsbehandlung individueller Praxisbesucher im Blick haben, sondern auch die Gesunderhaltung in ihrem Einzugsgebiet. Denkbar seien regionale Budgets, die eine bestimmte Bevölkerungsgruppe berufsgruppenübergreifend versorgten. Auch dafür gibt es in Skandinavien Vorbilder; dort ist die freie Arztwahl oft eingeschränkt.

Kommunikation und Erreichbarkeit:
Koordination und Bürgernähe will der Bericht auch mit Hilfe von optimierter Datenverarbeitung, Telemedizin oder der elektronischen Gesundheitsakte fördern. Der Bericht spricht sich langfristig für eine bessere Bezahlung der Pflegeberufe und eine transparente Zertifizierung aus. Kurz- und mittelfristig sollen niederschwellige, soziale und ehrenamtliche Angebote gerade im Bereich Wohnen und Betreuung gestärkt werden.