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29. Februar 2012 22:21 Uhr

BZ-Interview

Wie die Landesregierung Twitter versteht

Seit einem halben Jahr twittert die grün-rote Landesregierung. Ob soziale Netzwerke ein Muss für Politiker sind und welche Inhalte verbreitet werden, erklärt Regierungssprecher Rudi Hoogvliet im Interview.

  1. Rudi Hoogvliet: „Vollends abgestimmte Pressemitteilungen zu twittern, ist irgendwie unlustig.“ Foto: Privat

BZ: Herr Hoogvliet, wer steht hinter dem Twitter-Account der Landesregierung?
Rudi Hoogvliet: Mit dem Antritt der neuen Landesregierung haben wir die Aktivitäten im Internet ausgeweitet und in diesem Zusammenhang ein eigenes Referat eingerichtet, dass sich um die Online-Kommunikation kümmert. Von dort wird getwittert, teilweise mache ich das auch selbst.

BZ: Wie kann man sich das vorstellen? Twittern Sie live von politischen Ereignissen oder vom Rücksitz des Dienstwagens?
Hoogvliet: Neben tagesaktuellen News twittern wir auch von Veranstaltungen, wie zum Beispiel aus Regierungs-Pressekonferenzen oder beim Papstbesuch, direkt vom roten Teppich. Kleine Impressionen twitterten wir auch vom Besuch des türkischen Staatspräsidenten, zum Beispiel.

BZ: Sie sagten, dass bei Antritt der Landesregierung zum ersten Mal ein eigenes Referat für Online-Kommunikation eingerichtet wurde. Sind soziale Netzwerke mittlerweile ein Muss für Politiker?

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Hoogvliet: Das Referat ist verantwortlich für die gesamte Online-Kommunikation, die Mitarbeiter kümmern sich auch um Facebook, bestücken den YouTube-Kanal und pflegen den Flickr-Account. Ich bin durchaus der Meinung, dass Online-Kommunikation genauso dazugehört wie die herkömmliche Pressekommunikation oder sonstige Öffentlichkeitsarbeit, heute geht es nicht mehr ohne. Es reicht nicht aus, nur ein Informationsangebot zu haben. Die Möglichkeit, in einen Dialog zu treten, ist ebenso wichtig. Es handelt sich hier keinesfalls um Frontal-Kommunikation oder einen Newsfeed. Wenn die Möglichkeit besteht, zu reagieren, dann reagieren wir auch. Der Ministerpräsident spricht oft von der "Politik des Gehörtwerdens", gerade Twitter und die anderen Social-Media-Kanäle sind dafür ein wunderbares Instrument.

BZ: Twitter wird nun immer häufiger zum Hilfsmittel politischer Kommunikation. Merkels Regierungssprecher hat es vorgemacht, sich aber auch einen Schnitzer geleistet, als er Osama mit Obama verwechselte. Wie groß ist der Schaden, der bei fehlerhaften Tweets entstehen kann?
Hoogvliet: Ich glaube in der Tat, dass die Gefahr oder das Risiko Fehler zu machen größer ist. Zugleich ist die Fehlertoleranz höher, man macht sich mal eine Zeitlang über solche Schnitzer lustig. Wenn man aber ein so schnelles Medium für sich nutzt, sollte man auch allgemein bereit sein, Fehler zu begehen und mal daneben zu liegen. Vollends abgestimmte Pressemitteilungen zu twittern, ist irgendwie unlustig und entspricht nicht den Anforderungen und den Erwartungen des Mediums. Bei Twitter geht es um Geschwindigkeit, um eine schnelle subjektive Interpretation, und auch darum, selbst ein Mittler zu sein zwischen Online- und Offline-Medien. Ich twittere zum Beispiel gerne ab und zu einen interessanten Artikel oder mache auf einen Redebeitrag bei einem Kongress aufmerksam.

BZ: Um bei Steffen Seibert zu bleiben, nach einer Äußerung zum ACTA-Gesetz musste sich der Regierungssprecher am Montag einen sogenannten Shitstorm gefallen lassen, das heißt, er wurde mit negativen Tweets bombardiert. Was tun in so einem Fall? Wie weit darf man Ihrer Meinung nach im politischen Dialog gehen? 
Hoogvliet: Wir erleben es natürlich auch immer wieder, dass wir auf Twitter oder Facebook negative Rückmeldungen bekommen. Das gehört zu Meinungsvielfalt dazu. In den letzten Wochen haben wir auf den Social-Media-Kanälen viele Beiträge von Bürgern erhalten, die fordern, dass Stuttgart 21 auch nach dem Ergebnis der Volksabstimmung nicht gebaut werden dürfe. Wir haben deshalb mit einem offenen Brief von Ministerpräsident Kretschmann auf Facebook reagiert, der auch große Resonanz fand. Wie weit sollte der Dialog gehen? Letztlich sollten im Netz die gleichen Regeln gelten, wie in einem Gespräch oder einer Diskussion: Man sollte fair bleiben, andere nicht beleidigen – und trotzdem engagiert diskutieren.

BZ: Wurde der offene Brief zum Thema Stuttgart 21 auch von Herrn Kretschmann persönlich verfasst? 
Hoogvliet: Er hat den Brief nicht vom ersten bis zum letzten Satz selbst entworfen – das ist in einem eng getakteten Ministerpräsidentenalltag gar nicht möglich. Aber er hat sich den Brief durchaus genau angeschaut und auch überarbeitet.

BZ: Die Landesregierung hat nicht nur 3500 Follower, sie folgt auch selbst rund 500 Twitterern aus den unterschiedlichsten Bereichen. Dazu gehört zum Beispiel auch die Band "Die Fantastischen 4". Handelt es sich hierbei um persönliche Vorlieben Ihrer Mitarbeiter?
Hoogvliet: Das ist immer eine Mischung, denke ich. Es ist wahrscheinlich nicht ganz zu vermeiden, dass die persönlichen Vorlieben in diese Auswahl von Twitter-Kanälen mit einbezogen werden. Natürlich steht aber auch die Überlegung im Vordergrund, welche Akteure und welche Informationen für uns interessant sind. Da die Fantastischen 4 eine der bekanntesten Gruppen des Südwestens sind, kann man da schon mal hinschauen.

BZ: Barack Obama twittert manchmal sogar höchstpersönlich vom Account seiner Kampagne für die Präsidentschaftswahl 2012. Findet man bei der Landesregierung auch Tweets vom Ministerpräsidenten?
Hoogvliet: Nein, Winfried Kretschmann twittert nicht. Ich weiß nicht, ob es zu ihm passt, er hat es glaube ich noch nie gemacht. Es ist doch so, entweder man nutzt das Medium aus eigenem Antrieb, findet es spannend und entdeckt es für sich, oder man lässt es lieber bleiben. Ich finde Politiker, die sich gezwungenermaßen halbherzig in sozialen Medien in Szene setzen, irgendwie peinlich. Das ist etwas anderes als bei den Politikern, die das Medium für sich entdeckt haben, wie zum Beispiel unser grüner Landwirtschaftsminister Alex Bonde. Er nutzt Twitter auf seine eigene Weise und ist da sehr engagiert unterwegs. Hier merkt man, dass er gerne twittert und Spaß daran hat, und das ist dann auch gut so.
Wer ist Rudi Hoogvliet?
Der 53-Jährige ist seit dem Wahlsieg der Grünen 2011 Regierungssprecher. Sein erstes Online-Erlebnis hatte er Mitte der 90er Jahre. Einen bleibenden Eindruck hinterließ damals besonders die Internetseite der Bibliothek Amsterdam – weniger der Inhalt als die Tatsache, von Stuttgart aus die weit entfernte Bücherei durchstöbern zu können. Sein Lieblings-YouTube-Video ist der Erklär-Spot der Landesregierung zur Volksabstimmung über das S21-Kündigungsgesetz, "weil der Spot auf einfache und unterhaltsame Art und Weise eine komplexe politische Materie – nämlich die Volksabstimmung – erklärt." Auf die Frage, wie lange er es ohne Internet aushält, bot er ein Experiment an: Ab Aschermittwoch will er vom Internet fasten. Seine Prognose: Der Fleischentzug wird ihm wahrscheinlich leichter fallen, als offline zu sein. Wir sind gespannt.

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Autor: Andrea Schäfer