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07. Februar 2015 14:20 Uhr

BZ-Interview

Hubert Burda über Medienwandel, Offenburg und seinen Geburtstag

Bildschirm oder Papier? Für Hubert Burda hat beides seine Berechtigung. Die BZ-Redakteure Holger Knöferl und Ralf Burgmaier sprachen mit dem Verleger über die digitale Revolution.

  1. Wandler zwischen Welten: Hubert Burda schätzt bedrucktes Papier genauso wie die digitale Revolution. Foto: Iris Rothe

  2. Hubert Burda und BZ-Redakteur Holger Knöferl im Selfie. Foto: Holger Knöferl

Mit gedruckten Magazinen verdient der Offenburger Verleger Hubert Burda gutes Geld. Doch die große Herausforderung und die Märkte der Gegenwart und der Zukunft sieht Burda im Digitalen. Dort ereigne sich nicht weniger als eine Revolution. Darüber – und über Wünsche zu seinem 75. Geburtstag, den er am Montag, 9. Februar, feiert – sprachen die BZ-Redakteure Holger Knöferl und Ralf Burgmaier mit Burda.

BZ: Herr Burda, würden Sie mit mir ein Selfie machen?
Hubert Burda: Ja, selbstverständlich.

BZ:
Ich nehme Sie beim Wort.
Burda: Ja, natürlich.

BZ: Sind auch diese Selfies ein Symptom des "Iconic Turns", der radikalen Visualisierung der Welt, die der Siegeszug des Digitalen mit sich bringt? Sie selbst haben dieses Prinzip mehrfach beleuchtet, zuletzt in Ihrem Buch "Notizen zur digitalen Revolution".
Burda: In den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts hat sich etwas ereignet, das die Dimension der Erfindung des Buchdrucks durch Johannes Gutenberg hat. Das verstehe ich unter der digitalen Revolution. Sie ist heute, 2015, voll da. Zum ersten Mal geht das Bild der Welt, wie Sie es haben, per Knopfdruck überall hin. Das hat es vorher nie gegeben. Dieser "Iconic Turn" ist aber bereits für die Generation meiner Enkel gang und gäbe. Die Kommunikation der Menschen hat sich also fundamental verändert.

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BZ: Sie sprechen von Revolution. Wäre es nicht besser, den Prozess als Evolution zu beschreiben? Schon, weil das nicht so bedrohlich klingt angesichts der Veränderungen, die unserer Gesellschaft bevorstehen?
Burda: Die Heftigkeit einer Revolution ist in der digitalen Welt schon da. Google hat zum Beispiel die Dominanz der Printmedien durchbrochen. Bis dahin waren die Chefredakteure die Herrscher, ob in Freiburg oder in Köln. Die stellen plötzlich fest, dass die Auflagen bestenfalls stagnieren. Wenn Sie aber durch die Stadt gehen, dann gibt es ganz viele lokale digitale Netze in Bereichen, die früher das Monopol der Zeitung waren. Und das ist erst der Anfang. Eines ist klar: Das Geschäftsmodell der gedruckten Zeitung oder Zeitschrift mit dieser Rendite wird es nicht mehr so wie früher geben – da muss man neue Geschäftsfelder erschließen.
"Die 68er-Generation war

eigentlich technologiefeindlich."
BZ: Bei Burda wurde unendlich viel Papier bedruckt. Kann Papier überhaupt gegen Bildschirme bestehen?
Burda: (lacht) Naja, insgesamt steigt der Papierverbrauch sogar. Denn alles, was im Netz passiert, wird doch von manchen sofort ausgedruckt. Papier hat nach wie vor seine Berechtigung. Deshalb habe ich ja auch mein aktuelles Buch gemacht. Ich schiebe etwas Online an, aber irgendwann will ich auch etwas sehen, etwas auf dem Tisch liegen haben. Aber das wird sich sicher bei späteren Generationen verändern. Und natürlich: Der Papierverbrauch für Zeitungs- und Zeitschriftendruck ist zurückgegangen.

BZ: Welche Rolle spielt in einer digitalisierten Nachrichtenwelt der Journalismus? Reichen in Zukunft "Fakten, Fakten, Fakten" noch, um einmal den langjährigen "Focus"-Chef Helmut Markwort zu zitieren?
Burda: Die Arbeit des Journalisten wird immer darin bestehen zu prüfen, was ihm vorliegt und das dann umzusetzen, egal ob für eine Website oder eine Zeitungsseite. Die Grundbegriffe des Handwerks ändern sich nicht: Wie sind die Fakten, wie sind sie zu bewerten, was will man mir da sagen, will man mich beeinflussen? Was sich aber ändert, ist die primäre Kommunikation der Menschen in der Familie, im Freundeskreis. Die fand natürlich schon immer statt, aber nie in dieser Quantität wie heute. Wenn du morgens ins Netz gehst, ist alles voller Empfehlungen aus deinem Bekanntenkreis. Das kann keine Zeitung abbilden. Aber wenn eine Zeitung zum Beispiel stark aufs Lokale ausgerichtet ist und die Journalisten die lokalen digitalen Netze gut auswerten können, kann ich mir gut vorstellen, dass die Zeitung bleibt – als ein Organizer der Community. Also ich würde in diese Richtung gehen.

BZ: "Lügenpresse" ist das Unwort des Jahres 2014. Hat der Journalismus ein Problem mit der Glaubwürdigkeit? Oder der Legitimation?
Burda: Das glaube ich schon. Die großen Nachrichtenmagazine zum Beispiel, die stehen untereinander in einer harten Konkurrenz. Wenn du da etwas nicht ganz handfest beieinander hast, dann fliegt dir das um die Ohren. Aber Lügenpresse? Ich weiß nicht. Man muss sich natürlich bewusst machen, dass man als Reporter, als Chefredakteur sehr viel Macht hat. Die Kehrseite der Medaille ist dann eben, dass Betroffene über das "Käseblättle", das "Lügenblättle" schimpfen. Medien stehen in der Öffentlichkeit und teilen aus. Dann müssen sie auch einstecken. Und ganz ehrlich: Es hat mich noch nie so richtig interessiert, wie es zu diesen Unworten des Jahres kommt.

BZ: Die Lage bleibt angespannt. Dem Journalismus droht auch Gefahr von wirtschaftlicher Seite. Zumindest in Deutschland verdienen viele Verlage in der digitalen Welt kein Geld, während die Kundschaft für die gedruckten Produkte schmilzt. Wo liegt das Problem?
Burda: Das Problem ist Google. Google greift den Content ab, vernetzt ihn, und die Werbung geht an Google. Du bekommst zwar einen gewissen Anteil, Google hat mir am Ende eines Jahres einmal gratuliert für meinen gewaltigen Anteil von drei Millionen Euro. Ich habe denen geantwortet: Hören Sie mal, die Redaktionskosten liegen bei etwa 32 Millionen. Aber Burda ist nach wie vor ein sehr erfolgreiches Unternehmen auch und gerade im Geschäft mit Magazinen.

BZ: Aber fehlt es der Medienbranche nicht auch an Innovationskraft? Im Silicon Valley funktionieren die Mechanismen anders. Brillante Köpfe treffen auf potente und risikobereite Geldgeber, die bereit sind zu experimentieren.
Burda: Da haben Sie Recht. In Europa wird das Ausmaß der digitalen Revolution vielleicht erst jetzt so richtig verstanden.

BZ: Wie erklären Sie sich das?
Burda: Wir hatten in den Fünfziger Jahren das erste Wirtschaftswunder. Mein Vater war tüchtig genug, das auszunutzen, denn davor hatten wir keine allzu große Druckerei. Ende der Fünfziger, Anfang der Sechziger Jahre kam dann die politische Linke auf. Ich habe das als Student ja selbst erlebt. Mit 22, 23 Jahren stand ich den marxistischen Ideen sehr nahe. Die Debatten waren stark geprägt von der Entwicklung des Wirtschaftssystems. Die meisten von uns haben aber beim Prager Frühling 1968 kapiert, dass das keine Sache sein kann, die für uns als intellektuelles Muster ausreicht. Aber einige sind dabei geblieben. Und der Kreis derjenigen, die man im weitesten Sinne als 68er bezeichnet, hielt sich sehr lang, bis weit in die achtziger Jahre. Diese 68er-Generation war eigentlich technologiefeindlich. Die ging nicht in den Maschinenbau, nie in unsere Druckereien. Viele gingen aber in die Redaktionen, in die Jurisprudenz und in die Politik. Diese Technologiefeindlichkeit gab es in Kalifornien nicht. Spätestens Anfang der Achtziger brach dort das Zeitalter des Digitalen an. Das ist bei uns nicht geschehen. Und so liegen wir zehn bis fünfzehn Jahre zurück.

BZ: Wären Sie als Unternehmer bereit, in eine gute Idee zu investieren, wenn da zwei junge Typen vor Ihnen stehen, die so richtig brennen?
Burda: Das machen wir pausenlos. Nehmen Sie Lars Hinrichs mit "Xing". Da war überhaupt nicht abzusehen, wie dieser Laden sich entwickelt. Die liegen jetzt bei über 500 Millionen, wir sind bei 160 rein. Aber man muss auch sehen: Leute wie Marc Zuckerberg oder Jeff Bezos – das sind Unternehmer von einer Dimension wie Siemens oder Bayer. Wir bei Burda kamen auch aufgrund der Tatsache voran, dass ich alleine entscheiden konnte und alleine das finanzielle Risiko übernommen habe. Und mittlerweile ist es natürlich für andere auch sehr spät, um einzusteigen. Eine Company, die was taugt, kostet mal schnell eine Milliarde.

BZ: Im BZ-Interview zu Ihrem 70. Geburtstag sagten Sie, dass Sie Ihren Kindern an deren 27. Geburtstag das Unternehmen übertragen werden. Bei Jacob (25) sind es bis dahin noch zwei Jahre bei Elisabeth (23) noch vier. Bleibt es bei dem Plan?
Burda: Inzwischen haben die Kinder 49 Prozent des Unternehmens. Aber die Entscheidung liegt bei mir. Ich werde beide einarbeiten und sehr frühzeitig an die Aufgaben heranführen. Schauen Sie in mein jüngstes Buch. Das Schlusswort zur Informationssphäre ist von Jacob. Er wird in diese Richtung promovieren. Und gleichzeitig landen die beiden bei Martin Heidegger aus Meßkirch. Denn es ist nach wie vor so, dass der große Philosoph die entscheidenden Fragen stellt.

BZ: Wenn man Offenburger Burda-Mitarbeitern sagt: Ich treffe Hubert Burda, was würdet ihr ihn gerne fragen? Dann kommt immer: Was wird aus Offenburg?
Burda: Der Standort Offenburg ist stabil. Wir haben im Medienpark schon sehr früh eine Einheit geschaffen, die nicht von Anzeigen abhängig ist. Schon 1992/93 war mir klar, irgendwann bricht das Anzeigengeschäft weg, wir müssen Zeitschriften machen, die ohne Anzeigen auskommen. Freizeit Revue, Neue Woche – von solchen Titeln haben wir eine ganze Reihe. Die Umsätze liegen deutlich im dreistelligen Millionenbereich. Das ist die profitabelste Einheit bei uns und vollkommen stabil. Die Erlöse stammen aus dem Verkauf. Daran wird sich auch nicht viel ändern. Ich habe einen Freund im Krankenhaus besucht. Da kam die Visite und ich musste aus dem Zimmer. Ich bin einen Kaffee trinken gegangen. Am Kiosk gab es lauter solche Heftle. Die Leute kaufen da sechs oder acht und gehen zurück auf ihre Zimmer. Das ist Entspannung.

BZ: Und wirtschaftlich stabil.
Burda: Ja, das ist stabil und damit auch der Standort Offenburg. Mein Vater war ein Drucker. Der hat gesagt: Komm, wir machen ein Heftle. Der war doch kein Augstein, der Sturm geschossen hat. Meinen Sie, ich wäre ruhig, wenn ich Spiegel-Eigner wäre? Wenn das Anzeigengeschäft wegbricht, sind die schnell in den roten Zahlen. Auch wenn der Spiegel mit die besten Journalisten in Deutschland hat.

BZ: Zieht man mit 75 Jahren Bilanz über das eigene Leben? Und entscheidet etwa, ob man lieber Kunsthistoriker gewesen wäre denn erfolgreicher Verleger?
Burda: Sie müssen beides sein, anders geht es nicht. Sie können ein Medienunternehmen nicht führen, wenn Sie nicht auf der Höhe der Ideen ihrer Zeit sind. Und als Verleger müssen Sie wissen, was in der Philosophie, was in der Ästhetik passiert. Auch mein Vater hatte beides in sich. Der Badener in meinem Vater hat immer gesagt: "Jetzt sei doch kei Großgosch! Jetzt bleibet doch mal uffm Boden!" Und gleichzeitig ist er morgens aufgestanden und hat   Mahler gehört oder eine Beethoven-Symphonie. Gespräche mit ihm bestanden, je älter er wurde, zunehmend aus Faust I und II. Er konnte seitenlang rezitieren (und fängt selbst damit an, Anm. der Red.).

BZ: Was wünschen Sie sich denn zum Geburtstag?
Burda: An materiellen Sachen – ein Paar Ski oder einen Anorak.

BZ: Na, das sollte machbar sein.
Burda: Nein, nein. Ich wünsche mir, dass ich nach wie vor jeden Donnerstag so gut Tennis spiele wie im Moment und schnell auf den Beinen bin. Ich hatte zwar nie große sportliche Erfolge. Aber ich habe, glaube ich, eine ganz ordentliche berufliche Laufbahn hingelegt.

Autor: Holger Knöferl, Ralf Burgmaier