Technische Brillanz und ungeheure Ausdruckskraft

Karin Steinebrunner

Von Karin Steinebrunner

Sa, 20. Oktober 2018

St. Blasien

Die Geschwister Kirill (Violine) und Alexandra (Klavier) Troussov lassen das Publikum am Ende des Konzerts von den Sitzen schnellen.

ST. BLASIEN. Ein absolutes Ausnahmekonzert bekamen die Zuhörer im gut gefüllten Kollegsfestsaal am Donnerstag zu hören. Die Geschwister Kirill (Violine) und Alexandra (Klavier) Troussov spielten Beethovens Kreutzersonate, Mendelssohns F-Dur-Sonate sowie zwei Stücke von Tschaikowsky. Kirill Troussov, der in St. Blasien auch schon Meisterkurse geleitet hat, lobte das besondere Flair der Stadt und schwärmte von der hervorragenden Akustik des Saals für Kammermusik.

Das hoch differenzierte Spiel des Geschwisterpaares, Pianistin Alexandra stets mit einem aufmerksamen Blick in Richtung ihres Bruders, die technische Brillanz und die ungeheure Ausdruckskraft des Geigers Kirill Troussov ließen das Publikum am Ende der drei Programmpunkte von den Sitzen schnellen, und aus der zuvor angekündigten Auswahl der Zugaben zwischen langsam und schnell wurden selbstverständlich am Schluss zwei, der aberwitzig rasende Säbeltanz aus dem Ballett "Gajaneh" von Aram Chatschaturian und die gefühlsinnige "Vocalise" von Sergej Rachmaninow.

Unbändiges Temperament, innige Empfindsamkeit und eine vor Spielfreude schier überbordende Präsenz, gepaart mit absolut souveränem Können, zeichnete indes nicht nur die Zugaben, sondern das gesamte Programm aus. Selbst die Bogenführung – ein wahres Fest für die Augen. Da stehen flinke kleine Floskeln, gespielt auf minimalstem Raum an der Bogenspitze neben dem schier endlosen Strich zart gehauchter langer Noten, kräftig akzentuierte Striche von vehementer Geschwindigkeit neben solchen von hauchfeiner, kaum zu erahnender Berührung der Saite. Dazu die Prägnanz und Virtuosität der Griffhand, die mit einer selbstverständlichen Leichtigkeit Lauf an Lauf reiht, glasklar bis in die höchsten Regionen. Nicht zu vergessen die kongeniale Partnerschaft mit Pianistin Alexandra Troussova, die jeden Akzent, jede kleinste Andeutung dynamischer Variation mitträgt, deren immense Ausdrucksskala der ihres Bruders an keiner Stelle nachsteht.

Gleich zu Beginn machte das Künstlerpaar dies deutlich mit der gefühlsintensiven Adagioeinleitung der Kreutzersonate, gefolgt von dem stark kontrastiven, zupackenden Presto, das indes auch innig weiche Zwischentöne offenbarte. Besonders eindrücklich wurde die große Intensität spürbar in den scharf angerissenen Pizzicati, als gelte es, sich gerade mit ihnen Gehör zu verschaffen. Rührend liedhaft der Beginn des Andante im Klavier, liebkosend umspielt von weichen Geigenkommentaren. In den folgenden Variationen zu diesem Themenanhub perlte, trillerte, frohlockte das Paar mit verspielten Einwürfen geradezu um die Wette, mal federleicht, mal melancholisch angehaucht, dann in fast kindlich naivem Spieluhrenklang oder als sanft wiegendes Schlaflied. In herrlichem Kontrast wiederum hierzu die kräftigen Akzente des abschließenden Prestosatzes mit passgenau abgestimmten kurzen Ausbrüchen.

Mit Schwung und Esprit begann das Geschwisterpaar Mendelssohns Sonate, deren erster Satz sich zu einem wahren Parforceritt entwickelte. Fast gebetshaft erklang dagegen das Adagio, mit sehnsuchtsvoller Kantilene der Geige. Virtuose Springbögen, dazu fliegende Staccati im Klavier kennzeichneten den dritten Satz als pure Lebenslust.

Die Verbindung zum folgenden Programmpunkt, Tschaikowskys "Meditation" Nr. 1, op. 42, erläuterte Troussov dem Publikum vorab. Der Komponist nämlich hatte dieses Stück ursprünglich als zweiten Satz seines Violinkonzertes konzipiert, sich dann aber letztlich für einen kürzeren zweiten Satz entschieden. Das Violinkonzert aber wurde mit eben der Geige – einer Antonio Stradivari von 1702 – am 4. Dezember 1881 von Adolph Brodsky uraufgeführt, auf der Kirill Troussov heute spielt.

Mit seiner eher düster dramatisch wirkenden Pianoeinleitung und der schmelzenden Geigenmelodie, die zu unglaublichen Höhenflügen ansetzt, ist dieses Stück ein Musterbeispiel dessen, was man landläufig unter der berühmten "russischen Seele" versteht – und das Geschwisterpaar brachte sie in Vollendung zum Klingen. Das folgende "Valse-Scherzo" von Tschaikowsky rundete diesen Eindruck von Temperament und Grazie im Klavier, und von Geigenschmelz, gepaart mit aberwitziger Virtuosität, nochmals ab.