Eigentlich war Hilla von Rebay ihrer Epoche voraus

Dagmar Barber

Von Dagmar Barber

Mo, 28. November 2016

Teningen

Sie wollte immer im Jahr 2000 leben / Gut besuchte Ausstellung "Lebensabschnitte" mit Fotografien, die Hilla von Rebay zeigen.

TENINGEN. "Ich war immer ein aufgewecktes Kind", sagte Hilla von sich. Sie liebte es , sich fotografieren zu lassen. Mit Familie und Freunden hatte sie äußerst regen Briefkontakt: "Zwei bis drei Briefe pro Tag, immer an die gleichen Personen". Bei der gut besuchten Ausstellungseröffnung "Lebensabschnitte" mit privaten Porträtfotos aus verschiedenen Lebensabschnitten Hilla von Rebays hatten die Zuhörer Gelegenheit, deren Großnichte Konstanze Rebay von Ehrenwiesen kennenzulernen.

Diese war aus Bayern angereist und las aus privaten Briefen, die sie im Nachlass ihrer Großtante Gabriele auf dem Speicher gefunden hat. Später konnte Hilla Rebay ihre riesige Korrespondenz kaum noch bewältigen und schickte Serienbriefe mit teilweise 18 Seiten an Hunderte von Menschen in der alten Heimat. "Tante Gabriela hat Hilla verehrt und alles von ihr gesammelt. Es war ein Wust an Zeug, teilweise von Mäusen zerfressen."

Zahlreiche persönliche Erlebnisse erwähnt Hilla, auch dass ihr Hund "Gassy" Zoff mit einem Stachelschwein hatte. Mehrere Stachel hat Peggy Guggenheim ihm aus dem Näschen gezogen, einer davon fand sich im Nachlass. Oder sie stöhnt über die viele Arbeit: Bisweilen schläft sie nur vier Stunden und steht nachts um 2 Uhr auf. Sie liebte große Feste mit ihren Freunden, braucht aber auch die Ruhe. Einmal trifft sie Marlene Dietrich und ahmt ihre "herrlich dünnen Augenbrauen" nach, indem sie ihre abrasiert und nachzeichnet. Sie will Erfolg haben und hört auf seinen Rat: "Herr von Tabora hat Recht. Er sagt, nur die Damen, die auch elegant auftreten, imponieren und können große Preise verlangen. Er sagt, bei meinem großen Können hängt mein Erfolg nur noch vom Auftreten ab. Ich habe vieles gelernt hier."

Hilla Rebays Briefe belegen, sie war zweifellos eine außergewöhnliche, für notleidende Menschen aufopferungsvolle und äußerst großzügige Frau. Und sie hat jedem, den sie geliebt hat, Spitznamen gegeben. "Sie hatte allerdings auch das Talent, sich Feinde zu machen und falschen Freunden zu lange die Treue zu halten", beginnt Konstanze ihren Vortrag. Sie selbst war sieben Jahre alt, als ihre berühmte Großtante starb.

Hilla war eines jener jungen Mädchen aus gutem Haus, die nach der Wende zum 20. Jahrhundert die Kunstakademien in Europa bevölkerten. Hilla von Rebay (1890-1967), geboren in Straßburg, kam schon frühzeitig mit Künstlern der damaligen Avantgarde in Kontakt, obwohl sie zu Beginn eher konventionellen Porträts und Bilder schuf. Jean Arp verschaffte ihr Zugang zu Dada-Zirkeln. Durch ihren Kontakt zu Künstlern der Avantgarde beginnt sie ab 1917 mit abstrakten Collagen und kleineren Bildern.

Gesundheitlich geht es ihr nicht gut und sie "flieht" in die Vereinigten Staaten. Freunde stellen ihr den Mann vor, der ihr die Chance bietet, ihre Ideen über die Kunst, die sie aus Europa mitgebracht hat, umzusetzen: Solomon R. Guggenheim. Der Milliardär hat zwar bereits eine Kunstsammlung, gilt aber nicht als Kenner. Hilla von Rebay wird seine Kunstberaterin und beginnt, eine Sammlung abstrakter Kunst, die sie "Non-Objective-Art" nennt, aufzubauen. Guggenheim läßt sie gewähren, und Hilla von Rebay avanciert so auch auf dem Kunstmarkt zu einer der gefragtesten Frauen ihrer Zeit.

Nach dem Krieg gewinnt sie den berühmten Architekten Frank Lloyd Wright für den Plan, ein Solomon R. Guggenheim Museum in New York zu bauen: Ohne sie wäre es nie gebaut worden.Bei der Eröffnungsfeier des berühmten Rundbaus 1962 ist sie nicht einmal eingeladen. Nachdem ihr Mentor Guggenheim 1949 starb, ist sie entnervt von den darauf folgenden Streitereien als Kuratorin zurückgetreten. Als sie 1967 stirbt, ist Hilla von Rebay verbittert, "vielleicht auch depressiv" mutmaßt ihre Großnichte. In Teningen ist sie nicht vergessen: "Hilla wäre hocherfreut, hätte sie diese Ausstellung noch erlebt. Sie wollte ja immer in einer späteren Zeit leben - so um 2000, wie sie in ihren Briefen schrieb. Eigentlich war sie ihrer Kunstepoche voraus."