Höhere Tochter mit spitzer Zunge

Markus Zimmermann

Von Markus Zimmermann

Di, 05. Juli 2016

Teningen

Sigrid Faltin sprach in Teningen über Hilla von Rebay – mit Zuneigung und Distanz.

TENINGEN. Freundinnen wären Hilla von Rebay und Sigrid Faltin wohl nie geworden. "Ich hätte sie zu Lebzeiten wohl eher gemieden", sagt die Historikerin und Fernsehjournalistin am Freitag bei ihrem Vortrag im Rebay-Haus. Da mag es Glück sein, dass die Frauen unterschiedlichen Generationen angehören – dass Hilla von Rebay 1890 geboren wurde und Sigrid Faltin erst 66 Jahre später. Nur mit der Distanz war es möglich, dass die Baroness die "große Schwäche" und "große Schwester" der in Freiburg lebenden Autorin wurde, wie diese erzählt.

Mit mehr als 50 Besuchern ist der Saal im Erdgeschoss des Rebay-Hauses ausverkauft. Das Interesse an der "Teningerin", deren Eltern 1919 ein von der Unternehmerfamilie Tscheulin bewohntes Haus bezogen hatten und die – mal kurz, mal länger – immer wieder zurückgekommen waren, ist groß. Schließlich weht mit von Rebay, die auf ihren Wunsch hin in Teningen ihre letzte Ruhe fand, ein Hauch von großer Welt, mondäner Extravaganz und Kulturhochburg. Es könnte verführerisch sein, die Gründungsdirektorin des New Yorker Guggenheim-Museums zur heimischen Ikone zu stilisieren, sich in ihrem Licht zu sonnen – doch solchen Anflügen setzt Faltin klare Grenzen.

Ihre Beschreibung der Person, die sie liebevoll immer wieder beim Vornamen nennt, holt das Kind aus bourgeoiser Familie, das ebenso in der künstlerischen Bohème zuhause war, immer wieder auf den Boden zurück. Schon früh hatte die "höhere Tochter", die Privatunterricht erhielt, ihre spitze Zunge gezeigt. "Es war schwer, es ihr Recht zu machen", beschreibt Faltin "unsere Hilla" als "exzentrisch, launisch und dickköpfig". Mit ihrer Vehemenz habe sie sich selbst zeitlebens Türen verschlossen – ihrer "großen Schwester" hätte Faltin ganz gerne ein bisschen Gelassenheit gewünscht.

Ein Leben des "Ganz oder gar nicht" scheint Hilla von Rebay gelebt zu haben. Zum Schicksal wurden ihr Rudolf Bauer und die gegenstandslose Kunst: Sie vergötterte den Maler und sein Werk, was ihr offensichtlich auch ein wenig den Verstand raubte. "Ein typisches Frauenschicksal", sagt Faltin. Hilla konnte nicht mit ihm, konnte aber auch nicht ohne ihn. "Sie tat alles, um Rudolf Bauer ein Denkmal zu setzen". So hing wohl letztlich ihr gesamtes Engagement für die moderne Kunst an diesem Maler und seinem Werk. Fast schon beiläufig gelang es ihr, dabei den Grundstock für die weltberühmte Guggenheim-Sammlung zu legen und dabei auch viele Werke vor dem Zugriff der Nazis zu retten – Werke, die von diesen als "entartete Kunst" bezeichnet wurden. Schicksalhaft, dass gerade der von ihr Vergötterte sie hinterging, sie bei Guggenheim in Ungnade fiel – und das von ihr grundgelegte Guggenheim-Museum in New York wohl nie betrat.

"Sie hat viel geschaffen, war Visionärin und hat zugleich vielen Hilfsbedürftigen geholfen", sagt Faltin über die besondere Persönlichkeit, die zugleich aristokratische Attitüden gegenüber ihrem Personal pflegte. Auch sei es Hillas Problem gewesen, viel zu behaupten und gerne ihre Rolle zu überhöhen, sei doch manches, was von ihr berichtet wird, mit einem Fragezeichen zu versehen. Bei aller spürbaren Empathie für Hilla von Rebay unterliegt die Journalistin Faltin nicht der Versuchung, Ungeprüftes zu behaupten. Die Frage, ob Hilla mit ihrem großen Förderer Solomon Guggenheim ein Verhältnis hatte, lässt sie an diesem Abend lieber unbeantwortet.