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24. Juli 2017

Freiburg

„The Black Rider“ in einer Schwarzwaldversion im Wallgraben Theater

Das Freiburger Wallgraben Theater präsentiert "The Black Rider" in einer Schwarzwaldversion als umwerfendes Sommervergnügen.

  1. - Foto: Hermann Posch h.posch@t-online.d

Dass es 41 Jahre lang gutgegangen ist, fällt einem erst auf, wenn diese ganz und erstaunliche Serie unterbrochen ist: Zum ersten Mal musste die Premiere der sommerlichen Open-Air-Aufführung des Wallgraben Theaters vom Innenhof des Freiburger Rathauses auf die Kellerbühne an der Rathausgasse verlegt werden. Zwei Stunden vor der Premiere am Freitagabend war mit ziemlicher Sicherheit zu erwarten, dass auf einen schwülen Tag der große Regen folgen würde. Und ganz spontane Entscheidungen lässt diese aufwändige Produktion nicht zu: Zum Auftakt des Musicals "Black Rider" also kein Teufelspakt in der Wolfsschlucht....

Mit solchen Risiken müssen Freilichtaufführungen leben – und dass sich ihr Charme, der viel mit dem Übergang vom Abendlicht in die Nacht, mit den heranwehenden Geräuschen von draußen, mit der Offenheit des freien Himmels zu tun hat, in einem geschlossenen Raum nur bedingt entfalten kann, versteht sich von selbst. Doch die Akteure des Abends überspielten – im wahrsten Sinn des Wortes – den Umzug vom Innenhof ins Souterrain so bravourös, dass der Saal am Ende vollständig gerockt war. Dass auf der kammerspieltauglichen Bühne bei einem so großen Ensemble fast nur Stehtheater möglich war: egal. Dass die drei Musiker so in die Ecke gequetscht waren, dass man den Pianisten und Arrangeur Andreas Binder von einem Teil der Plätze aus überhaupt nicht sehen konnte: na und. Dass das Bühnenbild – ein mannshohes Wetterhäuschen mit zwei hölzernen Tannen davor – fast den kompletten Raum einnahm: na gut.

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Dafür war man nah dran am gruseligen Geschehen frei nach Carl Maria von Webers Oper "Der Freischütz". In dem gemeinsam vom Sänger Tom Waits, dem früheren Underground-Schriftsteller William S. Burroughs und dem Regisseur Robert Wilson erdachten und 1990 in Hamburg uraufgeführten Musiktheaterstück hat sich die Hauptfigur, der fesche Jägerbursche Max, in einen Schreiberling verwandelt, der vermutlich nicht zufällig den Vornamen mit seinem Autor teilt. Wilhelm also, bei Tobias Ziebold ein bebrillter Hänfling mit staunenden Augen, hat sich ausgerechnet in das blutjunge Kätchen (entzückend naiv mit zunehmend ahndungsvollem Entsetzen im Apfelbäckchengesicht: Anastasia Hille) die Tochter des Försters, verliebt. Kann das gutgehen?

Wenn Martin Schurr und Nicole Haas, die in Schurrs Inszenierung die Eltern der Erwählten mimen, mit starrer Miene wie Puppen aus dem Wetterhäuschen treten, ahnt man schon: Gegen die Sturheit des standesbewussten Mannes, für den nur ein Angehöriger seiner eigenen Profession als Ehemann in Frage kommt, ist kein Kraut gewachsen. Die in ihrer Tracht (für die phantasievoll ironischen Kostüme zeichnet Katja Weeke verantwortlich) volkstümlich daherkommenden Eltern opfern ihre Tochter auf dem Altar der Konventionen: Das ist die abgründige Botschaft des unterhaltsamen Abends.

Das Schwarzwaldmädel ist auch dabei

Regie und Ausstattung verlegen "The Black Rider" in den Schwarzwald: Herrlich, wie sich die als Zimmerleute kostümierten Musiker nach der Pause ins Geschehen einmischen und Andreas Binder auf dem Akkordeon die "Schwarzwaldmädel"-Melodie anspielt. Die kennt natürlich jeder. Der Inszenierung gelingt eine tolle Mischung von amerikanischer Unterhaltungskunst – Stefanie Verkerk ist eine Wucht als Entertainerin mit rosa Perücke (und Minibollenhut) und als dämonischer Verführer Stelzfuß, der sich die Teufelskugeln für den Kopfarbeiter Wilhelm direkt aus dem Leib herauswürgt – und volkstümlicher Atmosphäre mit einem kleinen subversiven Unterton. Dazu trägt auch Binders Arrangement für Piano, Kontrabass (Markus Lechner) und Saxophon (Mike Schweizer) bei. Waits’ Lieder swingen, grooven, walzern, chansonnieren balladesk, je nachdem. Das fabelhafte Trio glänzt in Stilvielfalt.

Den wunderbaren Songs, die auf ihre unnachahmliche Weise Ohrwurmqualität besitzen, kommt diese kammermusikalische Verdichtung zugute. Sie sind das Herzstück des hinreißenden Abends. Man kann die Inhaber des Theaters, die selbst keinen Anteil an dieser Produktion haben, beglückwünschen, dass sie dieses Musical-Wagnis eingegangen sind. Und wenn man dann noch die rotäugigen Wölfe richtig loslassen kann, Tierlaute und zischende Schüsse von den Wänden des Rathaushofs in den Nachthimmel aufsteigen und sich die mächtige Präsenz von Wilhelms Gegenspieler Robert (ein toller Sänger: Michael Gugel) richtig ausbreiten kann: Dann wird sich erst das ganze Suchtpotenzial dieser "Black Rider in the Black Forest"-Geschichte entfalten.

Aufführungen bis Anfang September.


Autor: Bettina Schulte