Augenblicke des Lebens

Roswitha Frey

Von Roswitha Frey

Fr, 20. Juli 2018

Theater

Internationales Festival "Tanz.Kultur.Dialog" auf der Freilichtbühne des Rosenhofs in Schwand.

Vier Stühle, verstreute Kleidung, ein Besen und ein tickender Wecker sind die Requisiten für das Stück des italienischen Duos Rifili, das beim internationalen Tanzfestival im Rosenhof in Tegernau-Schwand seine Weltpremiere erlebte. Riccardo Maffiotti aus Turin kommt vom Schauspiel her, sein Partner Filippo Bandiera vom Tanz, er hat beim Nederlands Dans Theater getanzt und ist am Opernhaus in Genua engagiert.

In dem Stück "Incartati", das sie speziell für diesen Auftritt auf der Freilichtbühne choreografiert haben, kombinieren sie Schauspiel, Sprechtheater und Tanz. Die Stimmung kippt immer wieder jäh von der Komödie in die Tragödie, vom Humorvollen ins Dramatische. Die beiden Tänzer tragen Alltagskleidung, Hemd, Hose, tanzen barfuß, bringen Elemente der Komik ein, wenn sie als Retter bei allen möglichen Problemen agieren. Sie schultern die Stühle, tragen sie auf dem Kopf, als suchten sie darunter Schutz, sie ziehen sie hinter sich her, türmen sie auf, tanzen mit den Stühlen. Dann werden der Tanz, die theatralen Gesten konfliktgeladener, Bandiera kauert wie gefangen unter einer durchsichtigen Plastikplane, während sein Partner leichtfüßig mit lässiger Eleganz mit dem Besen tanzt. Quer über den Tanzboden werden Klebebänder ausgelegt, auf denen Bandiera wie ein Hochseilartist balanciert. Maffiotti wickelt sich in Folie ein und singt den Schlager "Volare". Die beiden Protagonisten umkreisen sich, symbolisieren Beziehungsgeflechte, brechen das Stück mit ironischen Szenen und mehrsprachigen Dialogen auf.

Um Berührung, Umarmung, die existenzielle Sprache der Körper geht es in dem Stück des zweiten Duos. Neus Exposito und Albert Garrell aus Katalonien führen atemberaubend expressiv ihre Choreografie "Abraca’m" auf, sie mit durchsichtigem hautfarbenem Top, er mit nacktem Oberkörper. Unter die Haut geht dieses emotional aufgeladene Stück, in dem in den fulminanten Pas de deux sichtbar wird, dass die beiden vom klassischen Tanz herkommen und diese Basis mit neuen Bewegungsformen des zeitgenössischen Tanzes verbinden. Auch Einflüsse von Martha Graham, die den Modern Dance revolutioniert hat, sind erkennbar, denn im modernen Tanzstil von Exposito und Garrell wird die Bewegungssprache des Körpers zum Ausdruck des Inneren, der Gefühle, Seelenqualen und Sehnsüchte. Anfänglich tanzt sie in roboterhaften Bewegungen und Zuckungen wie eine aufgezogene Marionette, er verzweifelt im vergeblichen Bemühen, die Barriere der Distanz zu überwinden. Dann streckt sie die Arme aus und die beiden finden zu hochexplosiven Pas de deux zusammen, die in den Figuren tanztechnisch superb getanzt sind, athletisch biegsam und zum Zerreißen gespannt im Ringen um Nähe, um Berührung, um synchrone Herzschlag-Momente, um Zweisamkeit, um Anziehung und Loslassen.

Dass Tanztheater magische Geschichten erzählen kann, zeigt sich bei einbrechender Dunkelheit in der Premiere des Stücks "Dona’ m la Ma", das die Rosenhof-Leiterin, Choreografin und Tanzpädagogin Pilar Buira Ferre mit der neuen Gruppe des Projekts "In-Zeit-Sprung" für Menschen ab 40 Jahre erarbeitet hat. Dieses Mal ist es ein reines Frauenensemble, was dem Stück einen eigenen Charme, Charakter und eine eigene Dynamik verleiht. Als Choreografin ist Pilar Buira Ferre von der großen Pionierin des Tanztheaters, Pina Bausch, geprägt und inspiriert.

Wie Bausch gelingt es Pilar Buira mit ihren zwölf Tänzerinnen, poetische Bilder zu entwerfen und Erfahrungen, Themen und Inspirationen aus dem Alltag in geheimnisvolle Tanzbilder umzusetzen, Momente aus dem Alltag, Augenblicke des Lebens in Kunst zu verwandeln. Die erste Szene ist inspiriert von traditionellen Menschentürmen in Katalonien: Am Baum sitzen die Frauen auf Holzleitern, bilden eine Pyramide von Körpern und lassen Seifenblasen in die Luft wehen, während die Musiker Gesine Bänfer und Ian Harrison auf Dudelsäcken, Flöte, Schalmei und Rahmentrommel das Stück mit eigens komponierten Klängen, Melodien und Liedern stimmungsvoll begleiten. Reich mir die Hand ist der Inhalt dieses Tanztheaters, in dem behutsame Annäherung, Berührung und Gemeinschaft ausgedrückt wird. Holzstämme säumen die Tanzfläche, dienen als Hocker, auf denen sich die Frauen zuerst in Filzteile einhüllen, um dann aufeinander zuzugehen, die Hand nach der Anderen, der Fremden auszustrecken. In starken Ensemblechoreografien bilden die Tanzenden einen Kokon, ein dichtes Gebilde von Körpern, aus dem immer wieder eine Einzelne herausschlüpft.

Am Ende sitzen die Tänzerinnen wieder auf den Baumleitern und fangen Seifenblasen ein, während die Dudelsackspieler über die Wiese laufen und in der Dunkelheit verschwinden. Ein magischer Moment bei diesem Tanzfestival, bei dem an den Folgeabenden auch Ali Mehamad aus Syrien und das Ensemble "Vis à vie" aus dem Dreiländereck weitere Facetten des zeitgenössischen Tanzes zeigen.

Termine: Aufführungen am 20. und 21. Juli, 20 Uhr, 22. Juli, 11.30 Uhr, Rosenhof, Schwand 8, Tegernau (Kleines Wiesental)