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08. Juni 2015

Basel

Basler Festival thematisiert Flüchtlingskrise

Zum Auftakt des Basler Wildwuchs-Festivals geht es im Birsfelder Theater Roxy um die Themen Flucht, Asyl und Abschiebung.

  1. Daniel Hellmann und Ursina Greuel in „Nach Lampedusa – Wandererfantasien“ Foto: Annette Mahro

Normalität ist nicht allein im aufgeklärten Europa eine Frage des Blickwinkels. Wer jedoch legal oder illegal innerhalb unserer Grenzen lebt, das ist klar definiert. Das Basler Wildwuchs-Festival hinterfragt Definitionen und hat sich deshalb in seiner aktuellen Ausgabe noch einmal weiter geöffnet. Seit seinem Gründungsjahr 2001 geht es der Frage nach, wer wen und was uns wie und warum behindert. Und weil Fragen wie diese wortwörtlich ins Uferlose führen können, sind 2015 auch diejenigen mit im Boot, die an den Ufern Europas stranden, falls sie sie überhaupt erreichen.

Zum Festivalstart ging es deshalb am Donnerstag und Freitag im Birsfelder Roxy-Theater gleich sehr vielfarbig und -sprachig zu, verstörend empörend aber auch musikalisch hochkarätig. Ursina Greuels "Nach Lampedusa – Wandererfantasien" bringt einerseits Franz Schuberts romantisches Klavieropus von 1822 mit Texten aus Werken von Robert Schumann ("In der Fremde") und Johannes Brahms ("Heimweh") zusammen, andererseits legt sie Protokolle, Interviews und Anklageschriften aus laufenden Schweizer Asylverfahren wie Blaupausen darüber. Schubert machen sie unangenehm aktuell.

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Greuel, die auf der Bühne selbst die Rolle der Anklägerin übernimmt, befragt zuerst mit immer kürzer werdenden Pausen zwischen den Sätzen einen Asylsuchenden, der bald alle Flüchtenden dieser Welt in sich vereinigt. Der Schweizer Bass-Bariton Daniel Hellmann antwortet auf Greuels Fragen mit einem ganzen Schwall von Herkunftsländern. Er komme aus Ghana, aus Syrien, Mazedonien, Afghanistan und so fort. Pianist Samuel Fried echot weitere Länder, während die Fragen der Interviewerin ihrerseits kein Ende nehmen wollen. Sie will schmerzvoll genau wissen, wie denn Mutter und Schwester nun etwa ermordet wurden und wie er das gesehen habe. Hellmann wechselt zwischen Spiel und Gesang, er ist der Verzweifelte, Verlorene, Verstockte und beschreibt schließlich seine Flucht übers Meer. Fünf Tage ohne Trinkwasser, bis sein Schiff kentert. Er klammert sich ans Klavier.

Unvermittelt beginnt jetzt der Mann am Piano, der eben noch so wunderbar gespielt hart, seinen Schubert nach allen Regeln der Kunst zu analysieren. Sehr kenntnisreich unternimmt er das und bis ins Detail. Der Spieler wendet sich damit ab von allen Flüchtlingsdramen dieser Welt, um sich stattdessen den Fragen zuzuwenden, die den klassisch gebildeten Europäer doch eigentlich mehr interessieren. Oder nicht? Die Anklägerin beginnt sich indes auch für Schubert zu interessieren. Wann und wo geboren, Eltern, Geschwister, letzte Adresse bei Freunden. Ohne festen Wohnsitz? Später wird sie eine Akte nach der anderen vom Stapel nehmen und aus Folter- und anderen Berichten Asylsuchender zitieren. Nur versteht man sie, von Frieds meisterlich virtuosem Spiel bald vollständig überdeckt und aufgesogen, nicht mehr. So kann sich denn auch die Anklage kein Gehör mehr verschaffen und geht unter wie das Flüchtlingsboot, nur nicht im Meer, sondern in der hehren Kultur. Am Tag davor war dem Publikum noch kein solcher Ausweg geblieben. In "Starboy Productions", hinter denen der Belgier Ahilan Ratnamohan und drei aus Westafrika stammende Spezialisten in Sachen Asyl stehen, hatten die Drei, die sich Junior, Alois und Lateef nennen, ihren Zuschauern das zweifelhafte Vergnügen gegönnt, sich ganz in ihre Rolle zu versetzen. Was unerlässlich für den sei, der an eine Aufenthaltserlaubnis in einem Land auf dem gelobten Kontinent auch nur denken wollte, was unbedingt vermieden werden müsse und welche Chancen es ebenso ohne jede Frage zu ergreifen gelte. Greifbar wurde hier ebenso die oft genug absurde Lage derer, die ins Land wollen, wie auch die vollkommen verschiedene Ausgangssituation hier wie dort, die sich so leicht nicht passgenau zueinander bringen lässt.

Draußen vor der Tür sprechen an beiden Tagen knapp bekleidete Schönheiten Roxy-Gäste an. Ihr Outfit ist weniger den tropischen Temperaturen geschuldet, die zum Wildwuchs-Beginn in und um Basel herrschen, als dem Beruf der Frauen. Als Striptease-Tänzerinnen durften sie bisher in der Schweiz arbeiten. Das galt auch, wenn sie über keinen EU- oder Efta-Pass verfügten. Zum Jahresende ändert sich das Gesetz und die Tänzerinnen müssen die Schweiz, ähnlich wie Musiker aus Drittstaaten, verlassen. 17 Konzertmusiker wurden zuletzt in Basel-Stadt immerhin noch als Härtefälle anerkannt. Das Projekt "Ausländer ausziehen" des Schweizer Regie-Duos Thom Truong nimmt statt ihrer ganz bildlich die Stripperinnen ins Visier und lässt sie nach Nachfolgern und Nachfolgerinnen suchen, die bereit wären, ihren Job zu übernehmen. Gesucht wird symbolisch, versteht sich.
– Wildwuchs-Festival Basel, noch bis Sonntag, 14. Juni. Programm und alle Informationen unter: http://www.wildwuchs.ch

Autor: ama