Bebildert statt interpretiert

Georg Rudiger

Von Georg Rudiger

Mi, 28. Juni 2017

Theater

"Die Perlenfischer": Der Filmemacher Wim Wenders inszenierte in Berlin seine erste Oper.

Wenn Filmemacher Oper inszenieren, ist das kein Selbstläufer. Häufig scheitern die Regisseure an den eigenen Gesetzen des anderen Genres. Dass dabei Revolutionäres entsteht wie Patrice Chéreaus Jahrhundert-"Ring", ist die Ausnahme. Auch Wim Wenders hatte 2013 das Angebot, einen "Ring des Nibelungen" bei den Bayreuther Festspielen zu inszenieren. Das Projekt kam nicht zustande, so dass der renommierte Filmregisseur nun an der Berliner Staatsoper im Schiller-Theater mit Georges Bizets "Les pêcheurs de perles" (Die Perlenfischer) sein Operndebüt feierte. Das selten gespielte Werk hatte er sich gewünscht, weil er Ende der 70er Jahre in San Francisco die Arie des Nadir täglich in einer Opernbar hörte und davon tief berührt war.

Auch für Dirigent Daniel Barenboim ist die Oper ein Debüt. Während er mit seiner Staatskapelle Berlin gerade in den dramatischen Passagen des zweiten und dritten Aktes scharfe Kanten und Kontraste sucht und neben dem zarten Streicherglück auch verstörende Härten entwickelt, bleibt Wim Wenders’ seltsam altbackene Inszenierung im schönen Schein stecken. Der leere, schräg abfallende Strand von Bühnenbildner David Regehr wird durch die angrenzenden schwarzen Vorhänge seiner Wirkung beraubt und erinnert so eher an einen Theaterabend im katholischen Gemeindezentrum, zu dem auch die Langhaarperücken und die wallenden Gewänder von Montserrat Casanova gut passen würden. Nur Olaf Freeses subtile Lichtregie schützt vor zu viel Biederkeit.

Wenders möchte die in Ceylon spielende Geschichte, in der zwei Männer um die Liebe der Priesterin Leila konkurrieren, nicht in die Gegenwart holen, sondern die Dreiecksgeschichte archaisch erzählen und vor allem die Musik in den Vordergrund rücken. Deshalb interpretiert er nicht, sondern bebildert das Libretto – lässt Leila bei ihren Gebeten, die die Bewohner der Insel schützen sollen, vor einem kitschig-schönen Sternenhimmel knien oder gefilmte Wellen anrollen, wenn vom Meer gesungen wird. Immer wieder arbeitet er mit einem Gazevorhang, der die Szenerie weich zeichnet und Projektionsfläche für kurze Videosequenzen in Schwarz-Weiß bietet, in denen die Vorgeschichte erzählt wird. Das ist schön anzuschauen, handwerklich solide gearbeitet und dezent präsentiert – eine Deutung des Geschehens bewirkt es nicht. Wie überhaupt Wenders’ Opernregiedebüt zu fantasielos und konventionell ausfällt, um haften zu bleiben.

Zwischen Liebe,
Freundschaft und Eifersucht

Es sind musikalische Momente, die sich einprägen. Olga Peretyatko-Mariottis beweglicher Sopran hat in den letzten Jahren noch an Geschmeidigkeit und satter Tiefe gewonnen, so dass sie als Leila die gesamte Bandbreite der Emotionen in modellierte Linien bringen kann. Bei der hoch liegenden Arie "Je crois entendre encore", die Wenders einst in San Francisco zu Tränen rührte, hat Francesco Demuro zwar ein paar Wackler, aber das besondere Timbre des Italieners und die Fragilität seines Tenors macht seine Interpretation des Nadir zu etwas Kostbarem. Gyula Orendt bietet als zwischen Liebe, Freundschaft und Eifersucht hin- und hergerissener Dorfführer Zurga das packendste Rollenporträt. Wolfgang Schöne gibt Nourabad als mosesgleichen Dorfältesten mit Stab, weißer Mähne und kräftigem Bassbariton. Nach Intonationsschwächen zu Beginn steigert sich der Chor (Einstudierung: Martin Wright) zu einem klanggewaltigen Kollektiv, das durchaus bedrohlich werden kann. Am Ende gibt es im Schiller-Theater Bravos für die Musik und höflichen, mit wenigen Buhs angereicherten Beifall für Wim Wenders und sein Team.

Wer elektrisierendes Musiktheater sehen möchte, der sollte beim Schiller-Theater den Nebeneingang zur Werkstatt wählen. Bevor die Staatsoper in der neuen Saison nach sieben Jahren wieder in ihr renoviertes Stammhaus "Unter den Linden" zieht, ist hier als Eröffnung des Musikfestivals "Infektion" (bis 14. Juli) noch eine großartige Produktion von Aribert Reimanns "Gespenstersonate" zu sehen. Die 1984 in Berlin uraufgeführte Kammeroper nach August Strindberg kommt einem auf der kleinen Bühne der Werkstatt im Schiller-Theater schmerzhaft nahe. Es geht um kaputte Beziehungen, das Grauen hinter der bürgerlichen Fassade und einen tiefen Pessimismus. Der dubiose Aufklärer Direktor Hummel (mit baritonaler Wucht: David Ostrek) wird am Ende selbst von seiner dunklen Vergangenheit eingeholt und von der Mumie genannten Frau des Obersts (mit mächtigem Mezzo und enorm fokussiert: Alexandra Ionis) zum Suizid aufgefordert. Otto Katzameiers Inszenierung (Ausstattung: Stephan von Wedel) fordert von den stimmlich wie darstellerisch überragenden Akteuren große Körperlichkeit.

Auch zarte Momente zwischen dem Studenten Arkenholz (souverän bis zum letzten hohen Ton: Matthew Pena) und dem Fräulein (verlockend: die Sopranistin Paula Rummel) finden Raum in der aufgeheizten Atmosphäre. Und wenn Natalia Skrychka als stimmgewaltige Vampirköchin ihre Sonnenbrille abnimmt und mit stahlblauem Blick die nächsten Opfer fixiert, dann geht das Grauen weiter.

Das auf einer Empore postierte vierzehnköpfige Instrumentalensemble der Berliner Staatskapelle und Orchesterakademie ist unter der Leitung von Michael Wendeberg nah am Geschehen. Reimanns hochexpressive, sehr variable Musiksprache wird präzise und plastisch umgesetzt. Am Ende wandelt sich der Schrecken in Erleichterung über die gelungene Premiere. Reimann strahlt mit den Mitwirkenden um die Wette.