Oper

Chaya Czernowins „Infinite now“ in Gent uraufgeführt

Georg Rudiger

Von Georg Rudiger

Mo, 24. April 2017

Theater

Morsezeichen und ein Hauch von Trost: Chaya Czernowins Oper "Infinite now" wurde in Gent uraufgeführt. Mitte Juni feiert "Zaide/Adama" Premiere am Theater Freiburg.

Zwölf Menschen stehen in einer Reihe auf der Bühne und halten sich die Hände vors Gesicht. Die Metallklänge aus dem Lautsprechern werden durch Schlagzeug-Attacken aus dem Orchestergraben verstärkt. Gemeinsam mit den Stimmen der beiden Gesangstrios, die zwischen Singen, Sprechen und Flüstern wechseln, entsteht eine bedrohliche Atmosphäre, die "Infinite now" von Chaya Czernowin an der Oper Gent von Beginn an unter Spannung setzt. Die Personen bewegen sich in Zeitlupe.

Alles scheint unendlich langsam vor sich zu gehen. Die Glissandi in den Streichern des symphonischen Orchesters der flämischen Oper (Leitung: Titus Engel) ziehen den Boden unter den Füßen weg. Die Repetitionen im Schlagzeug erscheinen wie Morsezeichen. Das Rauschen, das die Klangtüftler vom Ircam Paris immer wieder über die Boxen schicken, erinnert an Wind, der über die düstere Szenerie streift (Regie: Luc Perceval, Bühne: Philip Bussmann, Kostüme: Ilse Vandenbussche). Für ihre neue, dritte Oper "Infinite now" hat die israelische Komponistin, die bald am Theater Freiburg zu diskutieren sein wird, zwei verschiedene Geschichten miteinander verbunden.

Zum einen erzählt sie, basierend auf der Kurzgeschichte "Homecoming" von Can Xue, von einer Frau, die nachts ein vertrautes Haus betritt und entdeckt, dass es an einem Abgrund steht und sie nicht mehr herauskommt. Zum anderen geht es um die Grenzerfahrungen von Soldaten im Ersten Weltkrieg in Flandern, von denen Luc Percevals Drama "Front" nach Erich Maria Remarques Roman "Im Westen nichts Neues" berichtet.

Eine Reise in die Dunkelheit

Auch Originalbriefe von Soldaten werden von den sechs Schauspielern auf Flämisch, Französisch und Deutsch vorgelesen. "Jeder Soldat bleibt nur durch Zufälle am Leben", heißt es. "Der Körper ist eine dünne Haut über unterdrücktem Wahnsinn." Chaya Czernowin interessiert sich in ihren Opern für Menschen in existenziellen Situationen. In "Pnima...ins Innere" (2000) ging es ihr um die Vergegenwärtigung des Holocausts und den Umgang mit traumatischen Erfahrungen. In der für die Salzburger Festspiele im Jahr 2006 entstandenen Oper "Zaide/Adama" ergänzte sie Wolfgang Amadeus Mozarts Fragment mit einem eigenen Fragment und erzählte von der unmöglichen Liebe zwischen einer Israelin und einem Palästinenser.

Für das Freiburger Theater hat sie nun gemeinsam mit dem Regisseur Ludger Engels eine zusätzliche Chorstimme geschrieben (Premiere der Freiburger Neufassung ist am 16. Juni). "Was mir in der ersten Version gefehlt hat, war ein Chor. Ich brauche einen Mob. Die Oper ist eine Studie über die Gewalt der Masse. Die Chöre zeigen, wie sich eine Volksmasse fanatisiert und aggressiv wird", sagt die Komponistin beim Gespräch in Gent.

Dass sie auch in der neuen Oper "Infinite now" auf zwei getrennte Geschichten setzt, die sich im Lauf der der Zeit annähern, hat mit ihrer Erfahrung mit "Zaide/Adama" zu tun. "Dichotomien sind eine Grundstruktur menschlichen Lebens. Das beobachte ich auch als Kompositionslehrerin. Entweder ich bin ein Genie – oder ich muss aufhören zu komponieren, weil ich nichts zu sagen habe. Entweder bin ich das eine – oder das Gegenteil davon. Ich interessiere mich für das Feld dazwischen. Das möchte ich in meinen Kompositionen entdecken. Die Extreme sind falsch. Es gibt so viele verschiedene Schichten, die sie miteinander verbinden." Die Komponistin, geboren 1957 in Haifa, hat nach ihrem Studium bei Dieter Schnebel und Brian Ferneyhough eine ganz eigene musikalische Sprache entwickelt, die das Unterbewusste artikuliert, den Gesang atomisiert und instrumentale Geräusche mit Elektronik verbindet.

In "Infinite now" kann man häufig nicht genau sagen, ob ein Rauschen akustisch oder digital erzeugt wird. Man muss sich einlassen auf diese fremde musikalische Sprache, die Hörgewohnheiten negiert, Geräusche emanzipiert und immer zerbrechlich bleibt. Zweieinhalb Stunden dauert die musikalische Reise bei "Infinite now". Sie ist mühevoll, herausfordernd und auch ermüdend in ihrer Langsamkeit, kann aber auch bis zur Schmerzgrenze gehen in musikalisch extremen Momenten, wenn die hohen Frequenzen zum Tinnitus werden. Dann ist es wieder so still, dass man nur noch den Atem hört – wie im Schützengraben.

In diesem unbehausten Terrain kann schon ein einzelner, schlichter Ton von Altus Terry Wey berühren oder eine Gesangslinie von Noa Frenkel Sinn stiften. Schmerz wird mimisch gezeigt und musikalisch erlebt. "Nie ist uns das Leben in seiner kargen Gestalt so begehrenswert erschienen wie jetzt", sagt Rainer Süßmilch als Soldat Paul Bäumer. Die wenigen Verbliebenen stehen zusammen und geben sich gegenseitig Halt. Ein Hauch von Trost am Ende einer Reise in die Dunkelheit.

Premiere von "Infinite now" am Nationaltheater Mannheim am 26. Mai. Uraufführung der Neufassung von "Zaide/Adama" am 16. Juni am Theater Freiburg.