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02. Mai 2016

Drama

Christian Lugerts "Gift" am Freiburger Wallgraben-Theater

Christian Lugert inszeniert das Drama "Gift" im Freiburger Wallgraben-Theater.

Wie weiterleben? Wie umgehen? Wie aushalten? Um einen geliebten Menschen zu trauern bedeutet immer: Eine soeben noch vertraute Welt ist zusammengebrochen, was war ist ab sofort und für alle Zeit unwiderruflich anders. Diese Situation bringt jede und jeden von uns aus dem Gleichgewicht. Aber was das konkret mit uns macht, das ist so unterschiedlich wie wir verschieden sind. Trauer ist individuell. Dennoch: Gibt es Muster? Trauern Frauen grundsätzlich anders als Männer? Ist es so, dass Frauen länger trauern, intensiver, verzweifelter, dass es ihnen schwerer fällt als Männern, in ein neues Leben zu starten, das man sich nicht ausgesucht hat, aber das darauf wartet, gelebt zu werden?

Bei Lot Vekemans Bühnendrama ist das genau so. Der Sohn eines Paares ist bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Zehn Jahre ist das her. Die Ehe zerbrach bald nach dem Verlust. In Vekemans’ mit dem niederländischen Theaterpreis auszeichneten Stück "Gift", das Christian Lugerth jetzt für die Kammerbühne im Wallgraben-Theater inszenierte, hält die Frau am Schmerz so lange fest, bis von ihrem Leben nur noch der Schmerz übrig ist. Der Mann hat es schließlich in ein anderes Leben geschafft: Er hat noch einmal geheiratet, er wird noch einmal Vater.

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Zum ersten Mal seit der Trennung treffen die Frau (Regine Effinger) und der Mann (Hans Poeschl) wieder aufeinander. Der Mann hat den Brief dabei, der ihn in die Friedhofskapelle geführt hat. Darin steht, das Grundwasser des Friedhofs enthalte Gift, nun müssten 200 Tote umgebettet werden. Jacob, der Sohn, ist wohl darunter. Von der Friedhofsverwaltung lässt sich jedoch niemand blicken – der Mann und seine Ex-Frau sind allein an diesem Ort, "der sich gar nicht verändert hat", wie er sinnfrei bemerkt.

Was sich hingegen alles verändert hat – und was eben nicht, das verhandelt das Paar in den nächsten knapp zwei Stunden. Begleitet wird das von merkwürdigen Aktionen: Er rückt Stühle, sie putzt rasend den Boden, auf dem sie nur einen Tropfen Wasser verspritzt hat. Sie weist ihn körperlich zurück – dabei ist in Wahrheit sie es, die das Treffen arrangiert hat. Sehnt sie sich nach ihm?

Der Raum, den Regisseur Lugerth geschaffen hat, ist denkbar karg. Das Kreuz, das in der Friedhofskapelle über dem Eingang leuchtet, wird gleich von ihr ausgeschaltet: kein Trost von dieser Stelle. Die Stühle sind gestapelt, auf einem Tisch in der Ecke stehen Getränke. Die Seitenfenster sind mittels blauer Farbe abgedunkelt, ihre längliche Form erinnert an Sargdeckel. So unbehaust dieser Ort, der stets nur Trauernde beherbergt, nur Weinen hört, nie ein Lachen, so heimatlos erscheinen die beiden Figuren des Stücks.

Dennoch kommen sie einander näher. Nach Ausbrüchen folgt Einlenken. Das tröstliche an "Gift" sind die Dialoge. Das Paar redet miteinander, auch, wenn es zunächst Vorwürfe hagelt, wenn Wut, Verzweiflung, Unverständnis sich Bahn brechen – sie kämpfen mit Worten.

Als Zuschauer lässt sich nur erahnen, wie schwierig es ist, sich als Schauspieler einzulassen in solche existenziellen Situationen. Regine Effinger und Hans Poeschl meistern sie professionell. Die Verletztheit unter erstarrten Gesichtszügen zu verstecken gelingt Effinger eindrucksvoll, doch erst, als ihre Figur auf das Gegenüber zugehen kann, rührt das ans Herz. Poeschl hat es in seiner Rolle womöglich etwas leichter – sein Charakter ist durchlässiger, lebenszugewandter, was gut zu sehen ist. Beiden Schauspielern gelingt es, mit Pausen Zäsuren zu setzen. Ums Aushalten geht es schließlich beim Umgang mit dem Tod. Langer Schlussapplaus.

Weitere Termine bis 15. Mai.
http://www.wallgraben-theater.com

Autor: Heidi Ossenberg