Deutschsprachige Erstaufführung

Das Broadway-Stück "Love Life" am Theater Freiburg

Alexander Dick

Von Alexander Dick

Mo, 11. Dezember 2017 um 00:00 Uhr

Theater

Joan Anton Rechi inszeniert die deutschsprachige Erstaufführung von Kurt Weills bereits 1948 uraufgeführtem Broadway-Stück "Love Life" am Theater Freiburg.

So unterschiedlich können Urteile ausfallen: "…entstanden war eine der – künstlerisch gesehen – unbedeutendsten Partituren, die er je geschrieben hatte…". Er, das ist Kurt Weill. Der, der dieses vernichtende Urteil fällte, war sein amerikanischer Biograph Ronald Sanders. Und die Partitur, von der die Rede ist, ist die von Weills und Alan Jay Lerners Vaudeville "Love Life", uraufgeführt 1948 am New Yorker Forty-sixth Street Theatre und dort "nur" 252 mal gespielt. Und damit auch das gleich abgehandelt wird: Die amerikanische Form des Vaudeville meint eine Art Bühnenstück in Variété-Form, also ohne richtige Handlung. Was für "Love Life" zutrifft. Und auch wieder nicht, je nach nachdem, wie man Handlung definiert. Nach der deutschsprachigen Erstaufführung dieses Werks am Samstagabend am Theater Freiburg war von manchem Besucher zu vernehmen, "Love Life" verhandle sogar mehr als nur eine Handlung – das gesamte Leben und dessen (An)Triebe. Siehe Titel. So unterschiedlich können Urteile ausfallen.

Unstrittig dagegen dürfte sein, dass diese Premiere ein richtiger Erfolg war. Und dass der Produktion, so viel sei an dieser Stelle prophezeit, eine glänzende Zukunft beschieden sein dürfte. Hier leistet das gesamte Ensemble Außergewöhnliches, und das in einem Metier, das sich das deutsche Stadttheater etwas entgleiten hat lassen: das unterhaltende Musiktheater. Denn ganz gleich, wie man zur szenischen und musikalischen Faktur von "Love Life" am Ende stehen mag: Sie fordert von allen Beteiligten auf der Bühne höchste und höchst unterschiedliche Qualitäten ein: singen, tanzen, spielen. Und das bei großem Tempo und viel Präzision – ein Kraftakt ebenso für alle Gewerke hinter der Bühne. Und nicht zuletzt für das Orchester, dem ein Großer wie Kurt Weill auch in einer Arbeit für den Broadway ein Maximum an stilistischer Flexibilität, Virtuosität und Konzentration abverlangt. Mit all dem kann dieser Theaterabend wuchern. Theaterabend? Oder Hommage ans amerikanische Kino?

Regisseur Joan Anton Rechi – unvergessen bleibt sein Freiburger "Barbier von Sevilla" – hat dieses Massenmedium als Transmissionsriemen für Weills und Lerners Geschichte(n) ausgewählt. Dort geht es im Grunde ja um die immer gleiche Konstellation: Ehefrau und Ehemann. Festgemacht an der US-Geschichte seit dem späten 18. Jahrhundert. Ein Paar, Samuel und Susan Cooper, durchlebt Gemeinsamkeit und Trennung, Realität und Illusion, Liebe und Ernüchterung in verschiedenen Stationen des American Way of Live. Das ist Hollywood, das ist großes Kino, und ein solches ist, angesiedelt auf der perfekt eingesetzten Drehbühne (Bühne: Alfons Flores) auch zentraler Ort des Geschehens.

Trotz fehlender Hits:

Weill jongliert mit den Stilen

Immer wieder flimmern über den riesigen weißen Rundhorizont Ausschnitte aus oder Assoziationen zu berühmten Filmen: Von Charlie Chaplins "Modern Times" über "Vom Winde verweht", "Casablanca". Aber auch die üppigen, prächtigen Kostüme Mercé Palomas fordern den Zuschauer zum heiteren "Erkennen Sie…"-Raten auf: Alice im Wunderland, Marx Brothers, Frankenstein, Doris Day und eine Mischung aus Marilyn Monroe und Miss Piggy werden da zu Begleitern oder Alter Egos der Coopers. In der Parodie auf die O-beinigen Western-Helden und deren martialische Prosa setzen Rechi – und die Coopers – der Traumfabrik ein herrlich komisches Denkmal.

Es ist also einiges geboten fürs Auge. Aber "Love Life" ist mehr als eine – gemessen am Aktionsradius eines Stadttheaters – opulente, im Laufe des Abends auch immer bewegtere Show. Mit Blick aufs Uraufführungsjahr 1948 verhandeln die Szenen reichlich modernes Denken: Frauenrechte, Gleichberechtigung, Partnerbeziehungen, Kapitalismuskritik. Rüdiger Bering, Chefdramaturg am Theater und unermüdlicher Kämpfer für diese Produktion, hat den amerikanischen Texten ein inhaltlich wie sprachlich elegantes deutsches Gewand verliehen. Da holpert nichts, da regieren Ironie, Beziehungsreichtum und Berliner Schnauze. Dass in einem der Hits, "Green-up Time", plötzlich ganz sinnig ein "Es grünt so grün" zu vernehmen ist, ist natürlich eine charmante Hommage an "My Fair Lady". Und dessen Librettisten – Alan Jay Lerner.

Es ist also auch genug geboten fürs Ohr. Weills "unbedeutendste Partitur"? Was fehlt, sind die ganz großen Hits, die Ohrwürmer à la "Mahagonny" oder "Dreigroschenoper". Mitunter gibt’s Déja-vus: Der Walzer "Mutter kriegt ’ne Krise" klingt stark nach "Schlag nach bei Shakespeare" von Cole Porter, uraufgeführt im selben Jahr, zwei Monate später. Weill beherrscht sein Handwerk, jongliert mit den Stilen. Beim hinreißenden Women Club Blues knüpft er an die Zeit mit Bert Brecht an, modernere Filmsounds und Melodram beherrscht er ebenso wie die Satzkunst eines (ironisierten) A-cappella-Madrigals. Manch zeitgenössischem Musicalschreiber reichten die Einfälle für dieses einzige Stück wohl für ein komplettes Lebenswerk…

Auch das führt die Freiburger Interpretation plastisch vor. Nachdem der Kurt Weill-Experte James Holmes bei den Proben schwer erkrankte, übernahm der Erste Kapellmeister Daniel Carter die Premiere. Das Verdienst eines stimmigen, ungemein vielseitigen Broadway-Klangs gebührt wohl beiden – und dem mit spürbarer Lust musizierenden Philharmonischen Orchester. Manchmal, gerade zu Beginn, könnten die Sounds beim Blech noch etwas gestählter wirken, aber in der Gesamtschau bleiben kaum Wünsche offen. Das gilt auch für den von Norbert Kleinschmidt klanglich professionell aufgestellten Chor (mit zahlreichen Solopartien), der die einfallsreichen Choreographien Emma-Louise Jordans bemerkenswert reif umsetzt. Ein getanztes Zuckerl: Graham Smiths (Choreographie) und Maria Pires’ Scheidungs-Pas de deux im Roaring Twenties Outfit. Rebecca Jo Loeb und David Arnsperger setzen als Susan und Sam Maßstäbe. Sie wirbeln in oft rasant wechselnden Outfits über die Bühne, sie singen, tanzen und spielen mit Verve. Die Spielfreude steckt gegenseitig an, hervorgehoben aus einem rundum tollen ensemble seien Tim Al-Windawe, John Carpenter, Susana Schnell und Samantha Gaul mit ihren präzisen Koloraturen.

Nachsatz. Kurt Weills Vater kam aus Kippenheim und war wohl auch eine Zeit lang Kantor der jüdischen Gemeinde in Eichstetten. Schön, dass ein Werk seines großen Sohns nun auch im Badischen dem Vergessen entrissen wurde. Zumal in solcher Qualität.

Weitere Aufführungen: 14., 16., 21., 31.12.; 14., 31.1.; 11., 16., 22.2.; 3., 11.3.; 6.4. Tel. 0761/ 201 28 53.
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