Theater

Das Bühnenspektakel "Factory" am Theater Freiburg

Jürgen Reuß

Von Jürgen Reuß

So, 02. Dezember 2018 um 20:22 Uhr

Theater

Die Musik schreit nach Reduktion, die Regie kleistert Operettenkomik drüber: Der belgische Regisseur Stef Lernous hat mit Schauspielern und Musikern "Factory" am Theater Freiburg inszeniert.

Gerade wurde die Freiburger "Ultra-Dark-Lounge-Band" BAR mit dem Reinhold-Schneider-Preis ausgezeichnet, während die 68er Jahre jubiläumsbedingt im Fokus der Aufmerksamkeit stehen. Ist es da nicht eine gute Idee, den regelmäßigen Gastregisseur Stef Lernous mit seiner plakativen, bildgewaltigen, in "Lulu" und "Black Forest Chainsaw Oper" bereits am Theater Freiburg erprobten Bühnenspektakelsprache die prämierten "Afterhour Slowrocker" mit Velvet Undergrounds legendärer "Bananen-Platte" von 1967 zu einem Reenactment des damaligen Sound-Soziotops in Andy Warhols "Factory" genannten Atelier-Kommune verkoppeln zu lassen?

17 Songs in eineinhalb Stunden

So cool, wie sich BAR-Frontman Jens Teichmann durch die von der Band quasi chirurgisch entbreiteten Eröffnungsnummer "All Tomorrow’s Parties" stöckelt, ist der Auftakt vielversprechend. Bühnenbildner Sven Van Kuijk hat die Schwarz gekleidet Band in eine Factory gestellt, die seit damals von allen gebieterischen Andy-Geistern verlassen worden zu sein scheint und wo seitdem degenerierte Superstar-Wiedergänger jahrzehntelang Warhols Ateliers zugemüllt haben. Körpersprache und Kostüme des Ensembles orientieren sich erkennbar an Factory-Ikonen wie Gerard Malanga und Edie Sedgwick.

Der düstere, flächige, antiutopistische, kommerzaffine, großstädtisch-selbstzerstörerische Newyorker Gegenentwurf auf Kokain und Heroin zum Flowerpower-Aufbruch auf Dope und LSD an der Westküste wird auf der Bühne des Kleinen Hauses allerdings eher als opulente Müllpunkkarikatur zelebriert. Wo in der historischen Factory existenziell-exaltiert stilisierte Leere herrschte, wuchert bei Stef Lernous operettenhafter Zeichenüberfluss, der sich eher an Filme wie "Trainspotting" orientiert als an Warhol. Dagegen ist an sich auch nichts einzuwenden, nur gibt der Abend keinen Raum, daraus eine eigenständige Idee zu entwickeln. Das scheint zwei Gründe zu haben.
Der Erste ist struktureller Natur. Wenn in einem anderthalbstündigen Abend 17 Songs gespielt werden, bleibt für die Schauspielerei wenig mehr als dekorativer Raum. Ein paar Running Gags wie vom Klavier fallen oder immer groberes Aufeinandereinschlagen hier, tänzerische oder posende historische Anspielungen während des Singens da. Vielleicht hätte auch das zu einem stimmigen Gesamtbild zusammengefunden, wenn nicht zweitens das Konzept von Band und Regie nahezu antagonistisch funktionierten.

Das Ohr guckt auch mit

Wo Lernous auf Überfülle und Drastik setzt, formuliert BAR-Bassist Markus Heinzel das Bandkonzept bei der Umsetzung der Songs von Velvet Underground so: "Wir haben uns immer gefragt: Was kann man denn noch weglassen? Muss das sein? Ist es nicht besser, weniger zu machen?" Das hört man ihren Interpretationen an, und das funktioniert sehr beeindruckend.

Leider ist der Kontrast zwischen Weglassen und Aufpumpen an diesem Abend nicht konstruktiv. Während die Musik nach Reduktion schreit, kleistert die Regie Operettenkomik drüber. Die Auseinandersetzung ist bis zu den Stimmen spürbar. Man hört es den Schauspielern und Schauspielerinnen an, wie hart sie gegen ihre Musicalschulung ankämpfen und den Kampf meist heroisch verlieren. Tolle Ausnahme ist Anja Schweitzer.

Die Frage, die man sich nach so einem Abend zwangsläufig stellt, ist die, ob die inszenierte Bebilderung nun einen Mehrwert für das 17-Songs-Konzert bietet. In dieser Form wohl eher nicht. Die Fragen von Markus Heinzel an die Musik hätten auch der Inszenierung gutgetan. Dazu kommt, dass der Titel etwas irreführend ist, denn das Guckkastenprinzip des Theaters beißt sich auch grundsätzlich mit Warhols Factory-Prinzip. Das lebte davon, das ständig Leute rein und raus liefen, mitwirkten, mitarbeiten, sabotierten oder sonst was taten, aber nicht distanziert zuschauten.

Trotz allem ist es ja so, dass das Ohr auch mitguckt, und das wird über weite Strecken großartig bedient. Alles in allem also ein hörenswerter Abend.

Nächste Vorstellungen: 5., 12.12., 20 Uhr, 16.12., 19 Uhr, Kleines Haus, Theater Freiburg