Das Drama „Endstation Sehnsucht“ am Theater Freiburg

Bettina Schulte

Von Bettina Schulte

Di, 14. Februar 2017

Theater

Nein, diese Blanche ist kein kultiviertes, zartes, verwöhntes Wesen, das wie vom anderen Stern in die Wohnung ihrer bodenständigen Schwester Stella hineinschwebt und sich vor Schmutz, Gewöhnlichkeit und Armut ekelt.

Die Freiburger Blanche, wie sie Johanna Eiworth spielt, ist ein Sturm, der alle hineinreißt in ihre hysterische Aufgedrehtheit, ihr verzweifeltes Anrennen gegen den unaufhaltbaren, weil längst geschehenen finanziellen und emotionalen Niedergang. Das Elternhaus "Belle Rêve", eine Südstaatenvilla, verkauft, die Jugendliebe ihres Lebens zu einem sensiblen Jungen durch dessen Suizid zerstört. Es geht nur noch darum, die Fassade aufrecht zu erhalten – dazu ist Eiworths Blanche jedes Mittel recht.

Heike-M. Goetze hat Tennessee Williams’ psychologisches Drama "Endstation Sehnsucht" ins Kleine Haus des Theaters gebracht und dabei alles allein bewerkstelligt: Regie, Bühne und Kostüme. Sie hat ein ganzes Haus aus Sperrholz auf die Bühne stellen lassen mit zwei Etagen. Schlafzimmer und Bad oben, Wohnküche und Blanches Zimmer unten. In verglaster Luxusausführung kann man einen solchen Spielraum gerade auch in Basel sehen, wo Simon Stone "Drei Schwestern" nach Tschechow inszeniert hat. Goetze beschränkt sich auf wenige Gegenstände. Campingstühle, Bildschirm, Frisierkommode, Küchenzeile, Bett. Oben wartet Thomas Mehlhorns Mitch auf seinen Auftritt, es bügelt Marie Jordan, die mit grauenhafter Betonung Szenenanweisungen rezitiert, es lungern in (fast) stummen Rollen Jürgen Herold und Tonio Schneider herum – später nehmen sie an der berüchtigten Pokerrunde teil, nach der Stanley Kowalski ausflippt und seine Frau Stella schlägt.

Ach ja, Stanley. Er ist, das ist wirklich erstaunlich, die Leerstelle der Inszenierung. André Benndorff ist von seiner Physis her naturgemäß ein Anti-Marlon-Brando – und man hat nicht nur bei dieser Figur den Eindruck, dass die Regisseurin bewusst gegen die Übermacht des kanonischen Films von Elia Kazan aninszeniert. Brando setzt dort in hautengem T-Shirt und ebensolcher Jeans die Präsenz seines virilen Körpers ein. Seinem Wiedergänger hat Goetze – wie allen männlichen Figuren – eine übergroße Hose aus weichem Filz verpasst. Frei nach dem französischen Psychoanalytiker Jacques Lacan lässt sich sagen: "Le Phallus n’existe pas". Das Vergewaltigungsorgan des Mannes hat die Regie schlicht zum Verschwinden gebracht. Und das nicht nur optisch. Am Ende, als Stanley sich aus gekränktem Narzissmus an Blanche vergeht, steht Benndorff neben Johanna Eiworth und holt sich in seiner riesigen Hose einen runter. Was für ein trostloses Bild.

Es ist ganz bewusst die Handschrift einer Frau, die hier zum Tragen kommt. Stanley und Mitch sind in Goetzes Kostümen lächerliche Gestalten. Beim einen könnte die Kluft zwischen Blanches rüden Beschimpfungen – bei ihm wisse man, dass der Mensch vom Affen abstamme und so weiter – und seiner Unfähigkeit zur Aggression nicht größer sein. Als die Schwägerin sein Stottern höhnisch nachäfft und ihm eine Sahnetorte ins Gesicht drückt, wischt er sich die Spuren teilnahmslos ab. Beim anderen ist der Grad der Tollpatschigkeit ein hoher: Thomas Mehlhorn weiß mit vorgeschobenem Bauch nicht wohin mit seinen Gliedern.

Dagegen steht die Power der Frauen, die sich in ekstatischem Tanzen zu Rihannas Song "Diamonds" und dem Eurythmics-Hit "Must be waiting for an angel" entlädt. Johanna Eiworth zieht eindrucksvoll alle Register ihres großen schauspielerischen Könnens. Allein physisch leistet sie enorm viel, da sie sehr viel Druck in ihre Stimme legt (warum nur muss im zeitgenössischen Theater so viel geschrieen werden?) und darunter Williams’ Sprache begräbt. Wie poetisch diese sein kann, offenbart eine der schönsten Szenen, da Blanche sich an das tragischste Ereignis ihres Lebens erinnert: Wie sie ihren zarten Gatten in den Armen eines Mannes entdeckte und dann abwies. Bettina Grahs’ Stella ist in jeder Beziehung ihr Gegenpol. Im großgeblümten Morgenmantel auf diversen Stühlen wie hingegossen, ist sie schlampige Nachgiebigkeit und Phlegma in Person. In dem Maß, in dem Eiworth hohldreht, verfällt sie in fast schon indolenten Gleichmut. Seelenruhig mampft sie beim schrillsten Auftritt ihrer Schwester eine Schwarzwälder Kirschtorte in sich hinein. Ein großartig krasses Paar die beiden. Ein Erlebnis.

Zuletzt ist Blanche allein – des Schutzes ihrer Kleidung beraubt, sitzt sie verloren da, ummantelt von einer flauschigen rosa Decke. Was mit ihr passiert, wird nicht gezeigt, sondern nur verlesen. Und man schaut die ganze Zeit in Johanna Eiworths angsterfülltes und zugleich traumverlorenes Gesicht: Wie sie sich für immer von der realen Welt und ihren Zumutungen verabschiedet. So findet Heike-M. Goetzes ungewöhnliche Lesart von "Endstation Sehnsucht" am Ende noch einmal zurück zu Tennessee Williams. Und vorher war vielleicht tatsächlich die schrille Generation Trump unterwegs.

Weitere Termine: 17., 18. Februar, 12. März, 4., 5., 19. April, jeweils 20 Uhr.