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19. Januar 2012

"Das ist eine nie gebrochene Liebe"

BZ-INTERVIEW mit dem Regisseur Stephan Weiland und dem Übersetzer Peter Urban über Daniil Charms im Theater im Marienbad.

  1. Der Reiz des Fragmentarischen und die subversive Macht des Lachens: Stephan Weiland (links) und Peter Urban im Gespräch Foto: thomas kunz

  2. Charms Foto: bz

Das Freiburger Theater im Marienbad hat den russischen Autor Daniil Charms für sich entdeckt – und präsentiert das Ergebnis in einer Aufführung mit dem Titel "Zwischenfälle". Am 20. Februar ist Premiere. Bettina Schulte sprach mit dem Regisseur Stephan Weiland und mit dem Charms-Übersetzer Peter Urban, der für eine Lesung zu Gast im Marienbad war.

BZ: Herr Urban, wie stießen Sie auf Charms?
Peter Urban: Ich musste im Auftrag des Suhrkamp Verlags die tschechische Literaturzeitschrift "Plamen" lesen. 1967, zum 50. Jahrestag der Oktoberrevolution, hat sie ein Russenheft gemacht, das das offizielle Bild der sowjetischen Literatur konsequent gegen den Strich gebürstet hat. Da stieß ich auf einen Autor namens Daniil Charms, nie gehört, und dachte: Das gibt’s nicht: so viel Lachen in Russland bei all der Humorlosigkeit, die als Sowjetliteratur über die Grenzen kam. Ich dachte im Ernst, Charms sei eine Erfindung tschechischer Dichter. Ich bin dann nach Prag gefahren und habe mir das Manuskript kopieren lassen: Ja es gab ihn tatsächlich.

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BZ: Und er hat Sie nicht mehr losgelassen.
Urban: So ist es. Das war mit Tschechow ähnlich, aber bei Charms war es doch noch anders. Diesen Dichter gab es in der Sowjetunion offiziell nicht. Man kannte ihn als Autor von Kindergeschichten, die sehr beliebt waren und ab den 50er Jahren wieder gedruckt wurden. Aber für die Veröffentlichung von Texten für Erwachsene ist der Herausgeber noch 1984 für fünf Jahre ins Straflager gegangen.
BZ: Was ist denn das Subversive an Charms’ Texten?
Urban: Nicht die sozialistischen Realisten waren realistisch, sondern die fremde verkehrte Welt von Charms.
BZ: Die fremde verkehrte Welt: Was meinen Sie damit?
Urban: Charms war zwölf Jahre alt und klassisch gebildet, als die russische Revolution ausbrach. Ihm wurde der Boden unter den Füßen weggezogen. Das fing an bei der Kalenderreform, die jedem Bürger 13 Tage aus dem Leben strich, ging über die Orthographiereform bis zur Einführung der Fünf-Tage-Woche. Das war eine komplett fremde neue Welt. Was Charms notiert hat, war ein Akt der Selbstvergewisserung und des inneren Widerstands gegen diese abnormen Veränderungen.
BZ: Herr Weiland, was prädestiniert die Texte von Charms für die Bühne?
Stephan Weiland: Der Reiz liegt im Fragmentarischen. Das ist die Herausforderung, dass man keine ganzen Stücke hat. Aber in der Situationsbeschreibung sind die Texte unglaublich genau. Man kann mit ihnen was erzählen, was mit anderen Textformen nicht möglich ist.
BZ: Was denn?
Weiland: Es ist der Blick auf eine Situation, die auf den ersten Blick normal erscheint und dann umkippt. Die Protagonisten wollen nichts, etwas passiert, das ihr Leben durcheinanderbringt. Außerdem schreien diese wunderbaren Texte danach, sich in sie hineinzustürzen.
BZ: Lässt sich ein Bogen herstellen zwischen den einzelnen Fragmenten?
Weiland: Es gibt wiederkehrende Motive: Jemand verlässt sein Haus, um einzu- kaufen, und weiß nach ein paar Ecken und Sätzen nicht mehr, wer er ist. Wir haben versucht, den Zuschauer auf eine emotionale Reise mitzunehmen, die nicht narrativ vermittelt wird, sondern über Zustände. Mich hat es gereizt, die in Charms’ ästhetischem Umfeld entstandene Montagetechnik anzuwenden.
BZ: Herr Urban, sind die Texte zeitlos?
Urban: Ich stelle immer wieder die Unverwüstbarkeit der Charms’schen Sätze fest, die auch auf unsere verkehrte Welt anwendbar sind.
BZ: Sie haben Charms in Deutschland ja überhaupt lesbar gemacht.
Urban: Jedesmal wenn ein neuer Text auf den Tisch kam, habe ich alles stehen und liegen gelassen und ihn übersetzt. Das ist eine nie gebrochene Liebe.
BZ: Warum ist der Autor hier nach wie vor nicht sehr bekannt?
Weiland: Er ist vielleicht nicht massentauglich. Auf den ersten Blick ist er humorig, aber auf den zweiten Blick wirft er Wahrnehmungsmuster radikal über den Haufen. Was sich nicht gut einordnen lässt, davon lässt man eher die Finger.
Urban: Es ist in diesem Land ein hartes Brot, einen russischen Autor publik zu machen, wenn er nicht Dostojewski oder Tolstoi heißt.
BZ: Ist die Bereitschaft, russische Literatur zu lesen, zurückgegangen?
Urban: Das kann man wohl sagen. 1989 war ein Einschnitt. Die Verlage, die in der DDR die russischen Klassiker verlegt haben, sind abgewickelt worden. Man wollte wie auf allen anderen Gebieten unliebsame Konkurrenz aus dem Weg schaffen. Deshalb ist für mich die Wiedervereinigung eine feindliche Übernahme der DDR.
Weiland: Es gibt eine unglaubliche publizistische Blindheit gegenüber der Zeit in Leningrad zwischen der Revolution und der Blockade durch die Wehrmacht.
Urban: Über diesen Völkermord mit eineinhalb Millionen Verhungerten haben Daniil Granin und Ales Adamowitsch eine Dokumentation geschrieben, die unter dem Titel "Das Blockadebuch" 1985 in der DDR erschienen ist. Im Westen hat sich kein Verlag gefunden, der die beiden Bände in Lizenz übernommen hätte. Über die Verbrechen der Deutschen in Leningrad will man bis heute nichts wissen. Im vergangenen September war der 70. Jahrestag des Beginns der Blockade – keine einzige Zeitung in Deutschland hat sich erinnert.
BZ: Auch die spannende Zeit der russischen Avantgarde scheint aus dem Bewusstsein herausgerutscht zu sein.
Urban: Unsere Optik ist seit dem Umzug der Hauptstadt aus dem ehemaligen Petrograd auf Moskau zentriert. Man hat die Ruine Leningrad, die Hochkultur einer intellektuell glanzvollen Zeit, vergessen. In der Gruppe um Charms ist zum Beispiel eine ganz eigene nichtmarxistische Philosophie entstanden.
Weiland: Ich habe vieles im Umfeld von Charms gelesen. Es ist erstaunlich, wie offen diese Künstler waren. Wenn wir vom Absurden sprechen, denken wir nur an Beckett oder Ionesco. Da gab es die Leute um Charms, die das viel früher vorweg genommen haben.

Autor: bs