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12. Januar 2012
Der Moment nach dem Ausatmen
VOR DER PREMIERE: Gespräch mit dem Schauspieler Matthias Breitenbach, der in Freiburg Emily Brontës "Sturmhöhe" inszeniert.
Matthias Breitenbach spricht so intensiv und anhaltend, dass die Streichhölzer, die er am Anfang unseres Gesprächs aus der Tasche seines Jacketts gezogen und fortwährend bearbeitet hatte, unmerklich verschwunden sind. Wahrscheinlich liegen sie als Schnipsel nun alle wieder in der kleinen Schachtel auf dem Caféhaustisch. Am Sonntag hat "Sturmhöhe" nach dem Roman von Emily Brontë am Freiburger Theater Premiere. Matthias Breitenbach führt Regie, die Zeit läuft. Als Schauspieler, erzählt er, sei er das Gefühl gewohnt, alles in der Hand zu haben, wenn die Vorstellung beginnt. Als Regisseur müsse er nun lernen, im Moment der Premiere loszulassen. Vorstellen kann er sich das noch nicht, er weiß nicht einmal, ob er wird hingucken können.
Auch wenn Matthias Breitenbach als Gast nicht sehr oft in Freiburg zu sehen war, hat er sich vom ersten Betreten der Bühne an ins Gedächtnis eingeschrieben. Das war 2006 als Graf Rupert in Kleists Drama "Die Familie Schroffenstein". Mit 48 Jahren ist der Schauspieler älter als die meisten seiner Kollegen. Deshalb ist es nicht nur die Wucht der körperlichen Präsenz, sondern wohl auch der theatralischen Erfahrung, die sein Spiel kenntlich und ihm die unterschiedlichsten Rollen möglich macht.
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Derzeit gibt er den Maurermeister Paul in "Die Ratten" von Gerhart Hauptmann auf eine hingebungsvolle Weise, die Pauls Grobschlächtigkeit und Verlorenheit unentrinnbar verbindet. Von ebensolcher existenziellen Verlassenheit erzählt Breitenbach als Ermittler in "Verbrechen und Strafe" nach dem gleichnamigen Roman von Fjodor Dostojewski. Sein Porfirij jedoch seziert dank eines messerscharfen Verstands zugleich mit der des Mörders die eigene geistige Verfasstheit.
Als sich Matthias Breitenbach für "Sturmhöhe" als Stoff für seine erste Regiearbeit in Freiburg entschied, ging es ihm vor allem um den Findling, der in dieser Geschichte die schicksalhaften Verwicklungen auslöst. Wie definiert sich der Fremde, der in das feste Gefüge einer bestehenden Familie aufgenommen wird? Wie viel Einsamkeit bedeutet das für ihn, aber auch wie viel Freiheit?
Es ist der Moment, in dem alles noch offen ist, der Matthias Breitenbach interessiert, der Impuls für das Experiment, herauszufinden, wie etwas funktioniert. Kein Wunder, dass er als Junge hat Mathematik und Physik studieren wollen. Sein Vater jedoch verpflichtete ihn zunächst zur Tischlerlehre. Er sei sehr christlich aufgewachsen, in engen Verhältnissen. Drei Jahre lang lernte er das Schreinern in der Werkstatt des Vaters. Dann gab es kein Halten mehr. Er zog aus der hessischen Gemeinde namens Linsengericht in die Großstadt Hamburg. Seine "Zweitgeburt" nennt er das. Statt am Reißbrett beschließt er, auf den Brettern des halbstaatlichen Schauspielstudios Frese nach dem zu suchen, was die Welt bedeutet. Ein zweites Mal lernt er ein Handwerk von der Pike auf, diesmal das der Schauspielkunst.
Manchmal, wenn ihm etwas sehr am Herzen zu liegen scheint, holt Matthias Breitenbach zu druckreifen Sätzen aus. Er sagt: "Weil ich selbst Handwerker bin, erfüllt es mich nicht mit besonderer Freude, auf der Bühne gutes Handwerk zu sehen." Für ihn beginnt die Kunst dort, wo das Können aufhört, "wo wir uns in einem Raum bewegen, in dem wir uns nicht mehr sicher fühlen". Regisseuren kann er nur dann das nötige Vertrauen entgegenbringen, wenn er weiß, dass sie die Risiko-Variante wählen. Deshalb hat er in all den Jahren Wert darauf gelegt, als freier Schauspieler selbst zu entscheiden, an welcher Produktion er sich beteiligen will. Engagements bei Film und Fernsehen verschafften ihm die nötige finanzielle Grundlage für solche Unabhängigkeit. Nur zweimal gab er seine Freiheit auf – einmal zugunsten eines festen Engagements bei Tom Stromberg am Hamburger Schauspielhaus und zuletzt für zwei Jahre beim Theater am Neumarkt in Zürich. Er sagt, das Glück seiner bisherigen Theaterlaufbahn sei, dass er niemals etwas habe machen müssen, wozu er keinen Zugang gefunden habe.
Bevor er die letzten beiden Streichhölzer zerbricht, formt Matthias Breitenbach ein Kreuz daraus. Kein christliches. Ein Koordinatensystem soll es darstellen. Die Vertikale, sagt er, interessiere ihn eigentlich nicht, das Stehende, der Pfahl in der Zeit. "Was mich interessiert ist das Flächige, wo sich was auflöst, versickert." Denn eigentlich gehe es doch letztlich in allem um Auflösung, um das Nicht-Fassbare. Was passiert, wenn man ausgeatmet hat, im Moment der vollkommenen Leere. Am Sonntag wird das für ihn der Augenblick vor der Premiere sein.
– Premiere von "Sturmhöhe" am Sonntag, 15. Januar, 20 Uhr, Theater Freiburg, Kammerbühne. Weitere Aufführungen: 18. und 27. Januar sowie 3., 12. und 18. Februar, jeweils um 20 Uhr. Karten: Tel. 0761/4968888.
Autor: Kathrin Kramer
