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13. Mai 2009

Die Große mit dem glasklaren Blick

Gespräche im Orbit: Die Schauspielerin Anna Böger

  1. Kunst soll Wirkung zeitigen: Anna Böger Foto: thomas kunz

In Paris läuft zur Zeit ein Spielfilm über einen illegal in Frankreich lebenden Flüchtling und dessen französischen Helfer. Der Film "Welcome" erregt nicht nur die Gemüter des Kinopublikums, sondern hat dazu geführt, dass in der Nationalversammlung ein entscheidender Paragraph des Ausländerrechts neu verhandelt wird. Der Wunsch, Kunst möge solche Wirkung zeitigen, ist einer der Gründe dafür, dass Anna Böger Schauspielerin geworden ist.

In Freiburg steht sie mit zwei Laiendarstellern auf der Bühne des Kammertheaters. Sie erzählt mit samtener, aber entschiedener Stimme aus dem Alltag illegal in Deutschland lebender Flüchtlinge, sie schaut ins Publikum mit ebenso sanftblauem wie glasklarem Blick. "Europa. Illegal" heißt das Ensemble-Projekt mit Texten von Björn Bicker. Im Anschluss findet ein Publikumsgespräch über die Kampagne "Save me" statt, die sich für unbürokratische und effektive Möglichkeiten engagiert, Flüchtlinge in Deutschland zu unterstützen.

Wir sitzen am sonnigen Nachmittag draußen auf der Fensterbank eines kleinen Cafés in Theaternähe. Anna Böger lässt sich Zeit beim Sprechen, weil sie genau ist. Sie sagt: "Theater trägt eine hohe Verantwortung, dafür wird es subventioniert. Wie einst in der griechischen Polis soll es Einflussnahme initiieren, Räume anbieten, in denen Handeln ausgelöst wird." Wegen der Intendantin Barbara Mundel, deren Arbeitsweise sie bereits in München kennen und schätzen gelernt hatte, kam sie zu Beginn dieser Spielzeit nach Freiburg. Mundels Konzept von "Theater als Erfahrungs- und Diskussionsort für soziale Realität" hat die Schauspielerin geprägt. "Ich spiele wahnsinnig gern", sagt sie, "aber ich will dabei immer wieder ins Verhandeln kommen über den Alltag, der mich bewegt.

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Dieser Wunsch kennzeichnet die Rollen, die sie seit September in Freiburg übernommen hat: In "Bagdad brennt" hielt sie den Monolog einer Bloggerin im besetzten Irak. In der "Bettleroper" wirkt sie in einem Team von Schauspielern und Obdachlosen mit. In "Das Kalte Herz" spielt sie eine Frau, die im Scheitern begriffenes Führungspersonal coacht. Gerade kommt sie von der Probe für "1984", einer Bühnenbearbeitung des gleichnamigen Romans von George Orwell, die in Freiburg deutsche Erstaufführung hat. Sie spielt O’Brien, den Spion der Partei.

Der Großvater hatte das Mädchen gewarnt. Selbst Schauspieler und Tänzer, wusste er, wovon er sprach: "Der Markt ist hart. Und du bist zu groß, Anna." Anna, bereits vom Schultheater infiziert, hat sich nicht abhalten lassen. Der Markt ist heute womöglich härter denn je und Anna Böger mit 1,87 Meter immer noch ungewöhnlich groß für eine Frau. Dennoch oder deshalb: Sie machte Karriere.

1977 in München geboren, absolvierte sie ihre Ausbildung am Max-Reinhardt-Seminar in Wien, arbeitete danach mit vielen namhaften Regisseuren zusammen, bekam Aufträge fürs Fernsehen und fürs Kino. Einer der ersten Filme, an dem sie mitwirkte, war 2004 Ralf Westhoffs witzige und anrührende Low-Budget-Produktion "Shoppen" zum Thema Partnersuche, die ganz überraschend zum Riesenerfolg wurde. Als ebenso humorvolle wie renitente Münchnerin überwirft sie sich darin mit ihrem potenziellen Partner schon am ersten gemeinsamen Abend. Ihre Größe kommt Anna Böger inzwischen zugute. Zuletzt beim Casting für den Film "Salami Aleikum" von Ali Samadi Ahadi, der Ende Juli im Kino anläuft. Sie spielt eine ostdeutsche ehemalige Kugelstoßerin, in die sich ein zarter Deutsch-Iraner verliebt, der mit Vorliebe strickt. Das Thema "Marktwert" ist für sie trotz der guten Engagements ein großes geblieben. Sie weiß, wie schwankend der sein kann und dass sie als Schauspielerin immer abhängig sein wird "von den Phantasien, die ich bei anderen auslöse". Um nicht irgendwann Rollen übernehmen zu müssen, nur weil sie das Geld braucht, ist sie gerade dabei, sich ein zweites Standbein zu schaffen. Sie macht nebenher eine Ausbildung als Coach und findet, dass sich die beiden Bereiche gegenseitig "perfekt befruchten". Bei beiden Berufen steht für sie im Zentrum eine Art Übersetzungsarbeit: Lebenssituationen und Zusammenhänge durchschaubar zu machen und zur Diskussion zu stellen, auf dass sich das Handeln danach ausrichten kann.

Anna Böger ist im Theater vielen erfahrenen Kollegen begegnet, deren Ratschläge ihr oft weitergeholfen haben. Der einfachste war womöglich einer der wichtigsten: für die Bühne, für den Seminarraum, fürs Leben. Er kam von der alten Schauspielerin Hildegard Schmahl. Die sagte nur: "Du musst gerade stehen."

– Nächste Vorstellung von "Europa. Illegal" und Podiumsdiskussion mit Fachleuten aus der Flüchtlingshilfe am 13.Mai, 20.30 Uhr, Kammertheater.
– Premiere von "1984" am 16. Mai, 20 Uhr, Kleines Haus.
Karten unter Tel.  01805/556656.

Autor: Kathrin Kramer