Die Härte eines abgewiesenen Liebhabers

Georg Rudiger

Von Georg Rudiger

Sa, 16. September 2017

Theater

Hans Neuenfels inszeniert zum Auftakt der Spielzeit am Theater Basel Mozarts Jugendoper "Lucio Silla".

Milde als Regierungskonzept? Das postulierte bereits Regisseur Peter Sellars im Sommer bei seiner Salzburger Festspiel-Inszenierung von Mozarts Oper "La Clemenza di Tito" mit Bildern von verzweifelten Flüchtlingen, einem verhafteten Selbstmordattentäter und dem ihm vergebenden, im Krankenhausbett sterbenden Kaiser. Auch in der Opera seria "Lucio Silla", die Mozart mit 16 Jahren komponierte, wird ein diktatorischer Herrscher gezeigt, der am Ende keine Lust mehr hat aufs Regieren.

Diese humanistische Wendung eines Machtpolitikers ist auch für Hans Neuenfels interessant, mit dessen Inszenierung das Theater Basel in die neue Saison startet. Der Altmeister der Regie verzichtet wie gewohnt auf eine Aktualisierung des Stoffs und setzt statt dessen auf ästhetische Distanz, starke Symbole und auch mal wieder auf Tiere. Ein über der Szenerie schwebender Adler steht für Männlichkeit und Macht. Die Bürger von Rom erscheinen als Geier, die schon auf die erste Oper warten, am Ende aber ihre Vogelköpfe schön aufgereiht auf den Bühnenboden legen (Bühne: Herbert Murauer, Kostüme: Andrea Schmidt-Futterer).

Vor allem zeigt Neuenfels den Zusammenhang zwischen nicht ausgelebter männlicher Sexualität und Gewalt. Als Lucio Silla bei der dominanten, attraktiven Giunia (mit Brillanz und makellosen Koloraturen: die israelische Sopranistin Hila Fahima) mit seinem Liebeswerben abblitzt, macht er sich an der riesigen Vulva, die hinter einer Schiebetür auftaucht, das weiße Hemd blutig und wälzt sich erregt auf dem schwarzen Ledersofa. Seine Rachegelüste und seine Härte entspringen aus dieser Zurückweisung – so lautet die schlüssige Interpretation der Regie.

Die Beziehungsverhältnisse zwischen den Protagonisten sind kompliziert. Lucio Silla liebt Giunia, die aber mit dem verschollen geglaubten Cecilio verlobt ist. Celia, die Schwester von Silla, begehrt den Putschisten Lucio Cinna, der allerdings nichts von ihr wissen möchte. Dass die Irrungen und Wirrungen zwischen den Geschlechtern am Theater Basel so leicht, charmant, aber auch hochemotional daherkommen, liegt zum einen am wunderbar federnd spielenden Sinfonieorchester Basel unter seinem Musikdirektor Erik Nielsen, der einen sprechenden Klang entwickelt und zwischen den Extremen vermittelt. Zum anderen vermag das ausgesprochen junge Solistenensemble, Mozarts mit viel Virtuosität gespickte Partitur zum Schweben zu bringen. Mit Sarah Brady als gouvernantenhafter Celia, die erst im Laufe der Oper locker wird, und dem jungen Tenor Matthew Swensen als treuem Freund Lucio Sillas sind gleich zwei begabte Mitglieder des Basler Opernstudios OperAvenir auf der Bühne.

Die beiden neuen Ensemblemitglieder machen ebenfalls auf sich aufmerksam: Die aus Krefeld stammende Mezzosopranistin Kristina Stanek überzeugt als Cecilio mit satter Tiefe und guter Linienführung; Hailey Clark aus den USA kann mit ihrem dramatisch geschärften Sopran der zwielichtigen Figur Cinna klare Konturen verleihen. Dem weichen, hell timbrierten Tenor von Jussi Myllys fehlt ein wenig die Durchschlagskraft, um auch die dunklen Seiten des Diktators zu zeigen. Insgesamt passt er aber gut zum vorzüglichen, lichten Mozart-Ensemble, auf das das Basler Theater bei dieser klugen, sinnlichen, manches Mal rätselhaften, nie belehrenden Produktion stolz sein kann.

Besonders in den trockenen, nur vom Hammerklavier (Iryna Krasnovska) und gelegentlich einem Cello begleiteten Rezitativen hilft die Regie der dramaturgisch nicht immer geglückten Oper durch eine genau ausgearbeitete Personenführung. Sensible Kürzungen sorgen für mehr Zug. Dass Mozart auf jede Schlusssteigerung verzichtet und kurz vor dem Ende noch ein langes Rezitativ von Lucio Silla notiert, zeigt eine der Problemzonen. Zwei maskierte, mit Miedern geschnürte Tänzer (Mirjam Karvat, Mukdanin D. Phongpachith) mäandern durch das klassizistische Bühnenbild, das mit einem Antikengemälde, einer überdimensionalen Schwurhand und einem dschungelgleichen Garten einige Variationen bietet. Als am Ende Lucio Silla den Lorbeerkranz abnimmt und auf den Thron legt, stellt er sich wichtige Fragen, die auf die Bühne projiziert werden: Wann werde ich weinen? Bin ich ein erlegter Held? Dem jubelnden Chor (neuer Leiter: Michael Clark) gefällt jedenfalls dieser gewandelte, vermeintlich schwache Lucio Silla. Und Hans Neuenfels auch.

Weitere Vorstellungen: 18., 24., 29. Sept.; 3., 14., 16., 22., 30. Okt. Karten unter http://www.theater-basel.ch oder tel. unter