Ein Seelenamt der schockierenden Art

Nikolaus Cybinski

Von Nikolaus Cybinski

Fr, 07. April 2017

Theater

Daniel Hellmanns Performance "Requiem for a piece of meat" ist im Gare du Nord in Basel zu sehen.

Über Lautsprecher informiert eine Männerstimme die Zuhörer: Tag für Tag werden stündlich 7000 Tiere in der Schweiz getötet. Im Programmheft wird der Tatbestand so formuliert: "Wir bestehen auf unserer Herrschaft über die Tierwelt." Und das heißt, wir behalten uns das Recht vor, Tiere gern zu haben, vielleicht sogar zu lieben (unsere Katze, unseren Hund, das süße Meerschweinchen) und Tiere zu töten (Schweine, Kühe, Lämmer), um bedenkenlos und mit Genuss ihr Fleisch zu essen. Wir, die wir ja auch Fleisch sind.

Ist das ein Grund, ein Seelenamt für ein Schwein zu begehen? Unbedingt, sagt der Schweizer Performer Daniel Hellmann, und die Musiker Abélia Nordmann und Lukas Huber fanden dazu die Musik und Theres Indermaur den entsprechenden Ort: Eine große weiße Fläche, auf der vier überdimensioniert große Würste herumliegen und ein aufgeblasener "Ballon" als riesiges Stück Fleisch. Elektronische Musik wird zugespielt, und, nach und nach, wird aus dem Seelenamt ein skurril-groteskes Lamento: Fünf Frauen und drei Männer winden sich aus den Würsten und dem Ballon und erinnern daran, was sie einst waren: die Tiere, die von Menschen getötet wurden. In ekstatischen Tänzen beschwören sie ihr Leid und lassen, nun sprachlos und stumm geworden, erahnen, was sie erlitten haben.

Eine lähmende Melancholie erfüllt ihr Dasein, auch dann, wenn sie kurzfristig zueinander finden und ihre Vereinzelung vergessen. Musik von Dowland, Marais und Merula ertönt, gesungen von ihnen und auf Gambe, Theorbe und Laute gespielt. Ein Stilbruch? Ganz bewusst! Denn wer von uns macht sich klar, dass die Bespannung der alten Instrumente mit Saiten aus den Därmen der Tiere geschah (und noch geschieht) und der Bogen der Gambe mit Pferdehaar bespannt ist?

Hellmann will radikale Klarheit. Zu diesen Musiken ertastet ein Mann minutenlang den Anus eines auf einer der großen Würste nackt liegenden anderen, und zwei Frauen entblößen ihre Brüste und verformen sie mit den Händen. Exequien von quälender Direktheit und Brutalität. Requiem aeternam dona eis, Domine? Davon kann keine Rede mehr sein. Wie über Jahrhunderte im Christentum der Toten gedacht wurde, hat sich, findet Hellmann, heute erledigt, und er erinnert nicht nur an die getöteten 7000 Tiere, diesen "Horror des Bösen und zugleich seine(r) Brutalität", sondern gleich mit an die im ersten Halbjahr 2016 im Mittelmeer ertrunkenen 3000 Flüchtlinge.

Hellmanns "Requiem" ist eine knapp einstündige, beeindruckende und aufwühlende Performance, doch sie bleibt trotz aller Direktheit ein theatralisches Spiel. Der von ihm beschworene "Horror des Bösen" ist wohl nur noch als ungeschnittene Dokumentation darstellbar.

Termin: Die letzte Vorstellung ist heute, Freitagabend, 20 Uhr im Gare du Nord