Eine Verständigung muss möglich sein

Jürgen Reuß

Von Jürgen Reuß

Mo, 08. Mai 2017

Theater

"Gespräche über uns / Unfinished Business" in Freiburg.

Fünf Personen in schwarzweißem Norwegerstrick hocken im Kreis auf einem Podest und frickeln mit dem Rücken zum Publikum an ihrer Version der ultimativen Deprinummer aus dem Popkanon – "Love Will Tear Us Apart" von Joy Division, der Song, mit dem Sänger Ian Curtis Bilanz zog, kurz bevor er sich in seiner Küche erhängte.

Eins ist bei dieser Teestuben-WG-Atmosphäre im Anfangsbild gleich klar: Tina Müller nimmt in "Gespräche über uns / Unfinished Business" die Flüchtlingsthematik sehr persönlich. Ihre jetzt in der Kammerbühne uraufgeführte Auftragsarbeit fürs Theater Freiburg schraubt sich unerbittlich in das hinein, was es bedeutet, wenn ein Mensch sich völlig auf Willkommenskultur einlässt und einen anderen Menschen so nah an sich heranlässt, dass beider Lebensgeschichten sich kaum entwirrbar miteinander verflechten.

Tatsächlich ist es eine sehr persönliche Geschichte, die Tina Müller erzählt, ihre eigene, wie sie Ahmed Mohamed, den Flüchtling aus Somalia, der nach vielen Stationen in Deutschland landet, kennenlernt, betreut, sich für ihn einsetzt, ihn bei sich zu Hause aufnimmt. Es ist eine Geschichte über das unbeholfene Helfen, das Verwischen der klaren hierarchischen Grenzen zwischen "Ich bin die, die hilft" und "Du bist der, der dankend annimmt" und wächst zu dem ernsthaften Versuch, die Flüchtlingsproblematik als ehrliche Beziehungsgeschichte zu verhandeln.

Müllers Text hebt sich dabei wohltuend von ähnlichen künstlerischen Bearbeitungen ab, die sich darin erschöpfen, vor der eigenen Überforderung durch die Begegnungen mit fremdem Leid im eigenen Elend zu versumpfen und in einer depressiven Beziehung mit sich selbst stecken zu bleiben. Auch Müllers schwangere Helferin ist von sich und der Aufgabe, die sie sich zugemutet hat, überfordert. Aber sie nimmt ihr Leiden nicht zum Anlass, in sich selbst zu regredieren, ihr Unwohlsein mit der Welt aufs Fremde zu schieben und es abzustoßen. Der Mensch, auf den sie sich eingelassen hat, ist nicht ihr Flüchtling im klaren Helfer-Opfer-Gefüge, sondern ein ernsthaftes Gegenüber. Das ist keine einfache Erkenntnis. Es ist ein Kampf. Müllers Stärke ist, dass sie diesen Kampf offen mit Mohamed ausficht. Es ist ein sehr intimer Kampf, und auch wenn damit immer auch die Suche nach dem eigenen Heil verquickt sein mag, gilt Müllers hoher Selbsteinsatz doch glaubhaft der Überzeugung, dass ein Dialog, eine Verständigung möglich sein muss.
Prima Idee von Regisseur Sascha Flocken, die Wucht dieser intim-pathetisch-politischen Zweierkiste auf fünf Strickpullis zu verteilen. Es ist nicht nur entlastend, sondern auch im Sinne der Möglichkeit von Verständigung, vorgeführt zu bekommen, dass all die Widersprüche des gegenwärtigen gesellschaftspolitischen Anforderungsprofils nicht in einem Individuum vereint werden müssen. Wenn die Helferin sich auf drei, der Flüchtling auf zwei Pullis verteilt, wird sichtbar, dass die Front in einem Konflikt nicht zwangsläufig zwischen zwei Personen verläuft, sondern oft auch innerhalb. Die dadurch entstehende ironische Distanz bringt auch einen weiteren wichtigen zwischenmenschlichen Kitt ins Spiel – den Humor.

Wie wichtig der ist, zeigte auch das anschließende Gespräch zwischen den realen Vorbildern des Stücks, Tina Müller und Ahmed Mohamed. Sowohl die Vertrautheit als auch die durchaus explosive Diskussionsbereitschaft war durchaus spürbar. Humor und Selbstironie zeigten aber, dass auch ein Graben wie die unterschiedliche Bewertung von US-Präsident Trump mit einem herzlichen Lachen überbrückt werden kann. Zeitweilig. Bevor der Clinch wieder beginnt. Aber so ist Dialog. Ein Ringen um etwas Gemeinsames.

Weitere Vorstellungen: 12., 16., 27., 30. Mai, jeweils 19 Uhr auf der Kammerbühne.