Musical-Premiere

"Liebe stirbt nie": Schwächelndes "Phantom der Oper"

Christoph Forsthoff

Von Christoph Forsthoff

Fr, 16. Oktober 2015 um 00:00 Uhr

Theater

"Liebe stirbt nie", die Fortsetzung des Musicals "Phantom der Oper", hat in Hamburg Deutschland-Premiere gefeiert. Großartige Melodien fehlen – dafür gibt es Kitsch und Effekte.

25 Jahre können eine lange Zeit sein. Ein Vierteljahrhundert, in dem viel passieren kann. Nicht so offenbar bei Andrew Lloyd Webber: 25 Jahre nach der deutschen Erstaufführung seines, ja des weltweit erfolgreichsten Musicals aller Zeiten erlebt nun die Fortsetzung des "Phantom der Oper" ihre Deutschland-Premiere in Hamburg – doch dem Briten ist in den über zwei Jahrzehnten zwischen dem ersten Spuk seines Maskenmanns im Pariser Opernhaus und dem neuen Auftritt in "Liebe stirbt nie" musikalisch offenbar nichts wirklich Neues eingefallen.

Statt in den dunklen Operngängen bewegt sich das Phantom nun im erleuchteten New Yorker Vergnügungspark Coney Island als Impresario eines Vaudeville-Theaters. Doch die Vergangenheit lässt den physisch und psychisch Vernarbten nicht los, und so lockt er seinen einstigen One-Night-Stand, die erfolgreiche Opernsängerin Christine, samt Gatten und Söhnchen mit einem Angebot nach Übersee. Der Anfang vom Ende, es kommt zum verbalen Kneipen-Showdown der beiden Männer und im Bühnennebel-durchwaberten Finale stirbt… die begehrte Frau, durch einen versehentlichen Pistolenschuss ihrer Rivalin Meg.

Klingt abstrus und an den Haaren herbeigezogen? Ist diese Story auch. Vor allem aber fehlt die erzählerische Spannung, und so schleppt sich diese Kitsch-triefende Fortsetzung bisweilen im Zeitlupen-Tempo dahin – nicht zuletzt, da auch Lloyd Webber musikalisch kaum wirklich Neues, geschweige denn Originelles mehr eingefallen ist. Anleihen bei großen Komponisten vergangener Jahrhunderte wie auch Zeitgenossen hat der Brite für seine Mega-Musicals ja schon immer genommen, inzwischen klaubt er offenbar ohne größere Qualitätskontrollen Phrasen und Motive zusammen und zitiert sich selbst. Und das Ergebnis ist an diesem Abend vor allem eines: Schlicht, ja bisweilen geradezu dürftig durchkomponiert und unglaublich ermüdend in seinen kaum variierten Wiederholungen.

Natürlich beherrscht Sir Andrew noch immer das Handwerkszeug für melodramatische Gefühlsausbrüche und weiß, wie sich aufs Gemüt des Besuchers einwirken lässt. Doch über die Jahrzehnte hat sich Mr. Großmusical von ganzen Melodien verabschiedet, von Ohrwürmern gar, wie sie einst in "Evita" oder "Cats" erklangen, und begnügt sich nun mit Kopfmotiven und deren unaufhörlichen Wiederholungen. Was noch nicht einmal mehr für einen Verdi oder Puccini im Westentaschenformat reicht – und selbst die kurzen, rockigen Ausflüge vermögen manchen Besucher in Hamburg nur kurz aus dem Dämmerzustand aufzuschrecken.
Dass die Stage Entertainment als größter Veranstalter in diesem Millionenmarkt dennoch an dem 68-Jährigen festhält und ihm im Operettenhaus nun eine neue Bühne bereitet, dürfte denn vor allem auch andere Gründe haben: Seine Name zieht noch immer, sein "Phantom der Oper" hat zig Millionen Fans in aller Welt, und in puncto Arrangements macht Lloyd Webber nach wie vor keiner etwas vor. Vor allem aber wissen die Mega-Musical-Macher, wie sich selbst die dürftigste Geschichte optisch und technisch eindrucksvoll aufbereiten lässt. Und das beweist auch die Crew um Regisseur Simon Phillips in der Hansestadt: Über 300 phantasievolle Kostüme hat Gabriela Tylesova für die kunterbunte Freak Show auf Coney Island entworfen, verblüffend die Verwandlungen, beeindruckend die Lichteffekte – das Kuriositätenkabinett samt Karussell, kleinwüchsigen Menschen und aufgeplusterten Tänzerinnen rotiert, dass dem Publikum zwischen Zirkuszelt und Dampfer-Anlegemanöver zumindest das Sehen vergeht.
Umso misslicher, dass da die Musik nicht mithalten kann – und am Ende eben deshalb einen dauerhaften Erfolg des Stücks auch hierzulande fraglich erscheinen lässt. In London war die Show nach ihrer Uraufführung 2010 keine anderthalb Jahre zu sehen, am Broadway fand die geplante Inszenierung ob dieser dürftigen Besucherzahlen gar nicht erst statt. "Mit Produktionen, die man aus England einkauft, ist kein wirklicher musikalischer Fortschritt zu erzielen", sagt denn auch Adam Benzwi. Letzteren hat der langjährige musikalische Leiter des Musical-Studiengangs an der Berliner Universität der Künste in den vergangenen Jahren eher in den deutschen Produktionen beobachtet wie dem Udo Jürgens-Musical "Ich war noch niemals in New York", der Udo Lindenberg-Adaption "Hinterm Horizont" oder auch Bully Herbigs Western-Parodie "Der Schuh des Manitu". "Das sind Musicals mit deutschem Humor, mit deutschen Themen und Titeln, die die Menschen hier berühren."
Und nicht zuletzt mit Hits und Ohrwürmern wie etwa beim Abba-Musical "Mamma Mia!", von denen bei allem hochtoupierten Klangschmelz und -schmalz oder Bühnenzauber der Erfolg eines solchen Großmusicals eben auch abhängt. Doch unsterbliche Melodien wie die Katzen-Arie "Memory" oder "Don"t cry for me Argentina" aus dem Klassiker "Evita" sind Lloyd Webber schon länger nicht mehr in den Sinn gekommen – und so bleibt der Besucher in der Hansestadt nicht nur von Melodien verschont, die noch über Jahre durch seine Gehörgänge kreisen, sondern auch sonst seltsam unberührt. Das kommerzielle Gesamtkunstwerk Großmusical: In diesem Fall scheint es an seine eigenen Grenzen zu stoßen. Mag die Liebe auch nie sterben, für ihre Klänge hier gilt das zweifellos nicht.