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12. Mai 2017 00:00 Uhr

Peter Carp

Neuer Intendant stellt Programm am Theater Freiburg vor

Für den Intendanten des Freiburger Theaters, Peter Carp, steht im Mittelpunkt des theatralen Geschehens: der Mensch. Dementsprechend gestaltet sich das Programm von Carp und seinem Team.

  1. Sie sind die Neuen am Theater Freiburg: Peter Carp, Tatjana Beyer, Georg Heckel, Tamina Theiß, Michael Kaiser, Rüdiger Bering, Adriana Almeida Pees, Michael Billenkamp und Pressesprecher Tim Lucas (von links) Foto: Thomas Kunz

  2. Das Stadttheater Freiburg Foto: Rita Eggstein

"In welcher Zukunft wollen wir leben?" Solche Fragen, die das Theater Freiburg während der elf Jahre beschäftigten, in denen Barbara Mundel das Drei-Sparten-Haus geleitetet hat, sind dem neuen Intendanten eher fern. Peter Carps Auffassung von Theater ist nicht von politischen Überlegungen oder theoretischen Konzepten geprägt. Für ihn steht im Mittelpunkt des theatralen Geschehens: der Mensch. "Menschen gehen wegen Menschen ins Theater": Das war der erste Satz, den Carp bei der Präsentation seiner ersten Spielzeit 2017/18 im Winterer-Foyer des Theaters Donnerstag Mittag äußerte. Das ist sein Credo: Die Zuschauer gehen ins Theater, um sich von Schauspielern Geschichten erzählen zu lassen.

Das Team

Die Spartenzuständigkeit ist im neuen Team des Theaters weitgehend in Fluss geraten. Es gibt keine Spartenleiter mehr, keine Musiktheater- und Schauspieldirektoren. Statt dessen einen Chefdramaturgen: Rüdiger Bering begleitet Peter Carp von Oberhausen nach Freiburg. Er versteht sich selbst dezidiert als jemanden, der zwischen den Sparten arbeiten will. Dramaturgin im Musiktheater ist Tatjana Beyer, die, wie sie sagte, von Haus aus "ganz aus Musik besteht". Von 2008 bis 2011 war sie als Assistentin von Willy Decker im Leitungsteam der Ruhr-triennale und steht für ein Musiktheater mit durchlässigen Grenzen zu anderen Sparten. Für das Schauspiel zeichnet Michael Billenkamp als Dramaturg verantwortlich. Nach seiner Promotion über Thomas Bernhard arbeitete er zuletzt am Schauspiel Frankfurt und gründete dort das Regiestudio als Forum für Nachwuchsregisseure. Interessant, dass der Intendant eine Dramaturgin eigens für Performance-Projekte engagiert hat: Tamina Theiß hat Carp ebenfalls von Oberhausen mitgebracht, wo sie seit 2014 als Dramaturgin arbeitete. Adriana Almeida Pees ist die neue Tanzkuratorin. Die gebürtige Brasilianerin begann ihre Karriere als Solotänzerin in Sao Paulo und kann auf eine über 30-jährige Karriere in vielerlei Funktionen zurückblicken: Sie ist Choreographin, Tanzwissenschaftlerin, Gastdozentin und Meistertrainerin. Michael Kaiser bleibt als Künstlerischer Leiter dem Jungen Theater Freiburg erhalten: In dieser Sparte wird es, wie Kaiser es formuliert hat, eine Mischung aus Kontinuität und Neubeginn geben. Dafür, dass auch hinter den Kulissen alles funktioniert, ist Georg Heckel als Künstlerischer Betriebsdirektor zuständig. Der ausgebildete Sänger war zuletzt Operndirektor und Vize-Intendant am Augsburger Theater. Er wird unter anderem für das Casting der Sänger zuständig sein.

Schauspiel

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Peter Carp hat in Oberhausen ein reines Schauspielhaus geleitet. Klar, dass das erste Freiburger Schauspielprogramm entsprechend üppig ausfällt: Fünf Premieren allein für das unter Mundel nur noch selten vom Schauspiel besetzte Große Haus sind geplant. Zur Eröffnung der Saison am 20. Oktober inszeniert der Südafrikaner Mpumelelo Paul Grootboom sein eigenes Stück "Crudeland": ein packendes Politdrama, das in Freiburg seine Uraufführung erlebt. Im Kleinen Haus zeigt der renommierte iranische Regisseur Amir Reeza Koohestani seine Sicht auf Tschechows "Kirschgarten". Peter Carp verspricht ein leises, introvertiertes Kammerstück.

Die beiden Eröffnungspremieren sind stehen programmatisch für die Orientierung des Hauses hin zu internationalen Regiehandschriften. Die in ihrer Heimat gefeierte junge Polin Ewelina Marciniak inszeniert ebenfalls im Großen Haus Shakespeares Verwechslungskomödie "Ein Sommernachtstraum" und gibt damit ihr Debüt im deutschsprachigen Theater. Für eine weitere Uraufführung am selben Ort zeichnet der Amerikaner Daniel Fish verantwortlich: Er setzt Don DeLillos Roman "Weißes Rauschen" in Szene. Ein junges deutsches Regietalent ist Daniel Förster, der sich im Kleinen Haus Rainald Goetz’ dreiteiligem Theaterstück "Krieg" annimmt.

Tanz
Im Tanz wird alles anders – auch wenn sich das Freiburger Haus nach wie vor kein eigenes Ensemble leisten kann. Die neue Kuratorin sieht den Körper in seinen Ausdrucksmöglichkeiten im Mittelpunkt ihres Interesses. Adriana Almeida Pees kündigt tatsächlich vier Gastspiele im Großen Haus mit internationalen Compagnien an, beginnend mit "Love Chapter 2" der israelischen Choreografen Sharon Eyal und Gai Behar. Auch das zweite Gastspiel im Großen Haus wird von einem Ensemble aus Israel bestritten: Emanuel Gat Dance zeigt "Sunny". Lisbeth Gruwez aus Belgien steuert "Thoughts for Meditation" bei – und im Kleinen Haus zeigt sie das intensive Duett "We’re pretty fuckin’ far from okay".

Oper

Die Handschrift im Opernspielplan heißt Vielfalt. Und – Labor. Nicht von ungefähr nennt sich das französische Regieteam, das die Saisonstartpremiere verantwortet, Le Lab. Dahinter verbergen sich die beiden Regisseure Jean-Phillipe Clarac und Olivier Deloeuil, die 2009 in Bordeaux ihr Theater-Laboratorium gegründet haben. Mit dem Ziel, Werke des Musiktheaters in eine, so Tatjana Beyer, "absolute Gegenwart" zu versetzen. Das soll auch mit Offenbachs "Hoffmanns Erzählungen" geschehen. Nur so viel: Die gescheiterten Lieben des Dichters E.T.A. Hoffmann will Le Lab im heutigen Konflikt von Künstlern und Politik reflektieren. Am Pult steht Generalmusikdirektor Fabrice Bollon.

Zwei weitere bedeutende Werke des Repertoires markieren darüber hinaus die erste Spielzeit. Da ist zum einen Janáceks Ehedrama "Katja Kabanowa" (in Freiburg 2002 zuletzt auf dem Spielplan). Mit Tilman Knabe konnte ein genuin vom Schauspiel kommender Regisseur gefunden werden, der mit seinen Opernregiearbeiten quer durch die Republik für viel Diskussionsstoff sorgt. Puccinis Dauerbrenner "La Bohème" steht ebenfalls auf dem Spielplan – es inszeniert Frank Hilbrich, spätestens seit dem Freiburger "Ring" einer der Großen im Geschäft.

Und dann gilt’s den Entdeckungen. Zum Beispiel mit Peter Eötvös’ Oper "Angels in America" (Regie: Ingo Kerkhof) nach Tony Kushners berühmter Vorlage. Oder der deutschen Erstaufführung eines Musiktheaterstücks von Kurt Weill und dem Librettisten Alan Jay Lerner ("My Fair Lady"). Das Musical heißt "Love Live", entstand 1948 und steckt voller aufregender Musik. Regie führt Joan Anton Rechi.

Jenseits der Sparten /Performances
Produktionen jenseits der Sparten waren eine Spezialität von Carps Oberhausener Intendanz. Auch für die erste Freiburger Saison steht einiges Interessante auf dem Plan, wobei die Grenzen zur Performance fließend sind. Die herausragende Inszenierung ist die Uraufführung von "The Black Forest Chainsaw Opera" in der Regie von Stef Lernous im Großen Haus. Die Kettensägenoper aus dem Schwarzwald erarbeitet er mit seiner Gruppe Abattoir fermé. Die jungen norwegischen Performer by proxy widmen sich an verschienen Orten Freiburgs dem Genre Volksoper. Und die Gruppe Showcase Beat Le Mot präsentiert im Kleinen Haus ihre Version des Märchens vom Teufel mit den drei goldenen Haaren – keineswegs nur für Kinder und mit Unterstützung des in Freiburg schon mit seinen Volkstänzen aufgetretenen Choreografen Jochen Roller.


Junges Theater

Schön, dass es in dieser Sparte kaum personellen Änderungen gibt: Der engagierte Theaterpädagoge Michael Kaiser und sein Team haben es mit tollen Ideen und pfiffigen Produktionen mehr als verdient, weiter in Freiburg mit Kindern und Jugendlichen – und auch generationsübergreifend – zu arbeiten. Herausragend verspricht Graham Smiths mit seiner School of Life and Dance geplante Choreographie zu zwei legendären Musikstücken von Igor Strawinski zu werden: "Le Sacre du printemps" und "Petruschka", zu sehen am Ende der Spielzeit im Großen Haus. Eine kleine, aber nicht minder spannende Produktion ist "Die Verwandlung" von Franz Kafka mit der Live-Illustratorin Maren Wiese. Sehr vielversprechend auch eine Performance über das Verbotene: "Meine Mama sagt, das darf man nicht", die von der Theaterstiftung – nach dem Theaterkollektiv Kirschrot in dieser Saison – mit einem weiteren Stipendium gefördert wird.

Autor: Bettina Schulte / Alexander Dick