Oper

Robert Carsen inszeniert Verdis "Don Carlo" in Straßburg

Nikola Mirkovic

Von Nikola Mirkovic

Di, 21. Juni 2016

Theater

Die ultimative Intrige: Robert Carsen inszeniert Verdis "Don Carlo" an der Opéra national du Rhin mit psychologischem Spürsinn und radikaler Konsequenz.

"Don Carlos" hat eine bewegte Geschichte. Erst gekürzt, dann revidiert und wieder gekürzt. Nicht weniger als sieben verschiedene Fassungen dieser ursprünglich für das Pariser Publikum komponierten "Grand Opéra" hat Giuseppe Verdi autorisiert. Hinzu kommen unzählige, später entstandene Mischfassungen. Robert Carsen (Regie) und sein Team haben für die neue Produktion an der Opéra National du Rhin die Mailänder Fassung (1884) in vier Akten ausgewählt. Und zwar auf Italienisch – "Carlos" wird zu "Carlo".

Die Version ist kompakter als die fünfaktigen Fassungen. Die Handlung setzt erst ein, nachdem Philipp II. Elisabetta bereits zur Ehefrau genommen hat. Anstelle der Begegnung zwischen Elisabetta und dem Infanten im Wald von Fontainebleau sehen die Zuschauer hier im ersten Bild einen Mönchschor, der über den Tod Karls V. meditiert. Das tragische Liebesverlangen zwischen Elisabetta und Carlo rückt auf diese Weise in den Hintergrund. Was Elisabetta dazu motiviert hat, ihrer Liebe zu entsagen, wird im Dunkeln gelassen. Das kann man durchaus als Defizit der Fassung ansehen. Dafür schärft die intelligente Inszenierung den Blick für die antiklerikalen Motive Verdis und für die Kritik der Machtverhältnisse, an denen die Figuren zerbrechen.

Das Klima der Unterdrückung der drohenden Tode

Das Bühnenbild und die schlichten Kostüme sind durchgängig monochrom. Der nach hinten ansteigende Boden schwarz, die eingezogenen Wände schwarz, sämtliche Figuren schwarz: Wohin man auch sieht, das Klima der Unterdrückung und der drohenden Tode wird überdeutlich. Dabei verzichtet Carsen weitgehend auf historisierende Elemente, aber ebenso auf eine klare Neuverortung des dramatischen Geschehens. Der Großinquisitor und seine Organisation fungieren als Platzhalter für totalitäre Machtansprüche, die bis in unsere Gegenwart von terroristischen Gruppierungen und Regimes behauptet werden. Die Angst vor dem Terror und die Ohnmacht der Handelnden gewinnen dadurch überzeitliche, lastend schwere Gültigkeit. So ist es nur konsequent, wenn am Ende des zweiten Akts die protestantischen Gesandten aus Flandern, die vor dem König für die Freiheit ihres Landes eintreten, per Nackenschuss exekutiert werden.

Graf Posa hingegen wird in Carsens Lesart nur zum Schein erschossen. Er ist der eigentliche (Anti)-Held des Abends. Wo liegt seine Loyalität? Überraschenderweise weder bei Filippo noch bei Carlo, sondern wie sich am Ende herausstellt beim Großinquisitor und Karl V., der seinen Tod vorgetäuscht hat und im Kloster weiterlebt. Die ultimative Intrige: Vater und Sohn werden vom Großvater erschossen, Posa zum König gekrönt und das Motiv des Verrats somit auf die Spitze getrieben! Ein kluger Twist – Schmunzeln ist erlaubt.

Musikalisch bewegt sich die Vorstellung auf höchstem Niveau. Allen voran das flexible und hervorragend disponierte Orchestre Philharmonique de Strasbourg unter der umsichtigen Leitung von Daniele Callegari. Stark auch die Chöre (Einstudierung: Sandrine Abello). Die dynamische Balance zwischen Orchester und Sängern ist zu keinem Zeitpunkt gefährdet. Beeindruckend, wie Elza van den Heever (Elisabetta) auch im zartesten Pianissimo noch gut zu hören ist und wie sich ihre Stimme, instrumentale Färbung annehmend, in den Orchesterklang einfügt. Bei den dramatischen Höhepunkten, wenn sie etwa Carlo zum Mord an seinem Vater aufruft, wirkte die Sopranistin allerdings zu zurückhaltend. Der Effekt der Szene bleibt aus. Andrea Carè ist an ihrer Seite ein stimmlich agiler Don Carlo und bewegt sich vor dem minimalistischen Hintergrund des Bühnenbilds mit geradezu tänzerischer Intuition. Insgesamt überzeugt die differenzierte Bewegungschoreografie, der die Sänger folgen.

Auch die anderen Solisten beeindrucken. Elena Zhidkova gelingt die berühmte Schleierarie bravourös, sie ist eine bezaubernde und höchst fokussierte Eboli. Sehr gediegen klingt Ante Jerkunica als Großinquisitor. Stephen Milling wiederum ist mit seinem durchdringenden, dramatischen Bass eine hervorragende Besetzung für die Rolle Filippos. Und das gilt in noch höherem Maße für Tassis Christoyannis als Posa. Er trifft mit seinem warm flutenden Bariton wie selbstverständlich stets den richtigen Gefühlston, man will ihm alles glauben. Und was würde besser zu seiner Partie passen?

Weitere Vorstellungen: In Straßburg am 21., 23., 25. und 28. Juni. In Mulhouse (Filature) am 8. und 10. Juli.