Sich aus sich selbst herauswickeln

Bettina Schulte

Von Bettina Schulte

Fr, 22. Juli 2016

Theater

Die Freiburger Butoh-Tänzerin Lucie Betz setzt sich auf ihre Art mit Kaspar Hauser auseinander.

Minutenlang geschieht nichts in dem kleinen, ins Halbdunkel getauchten Raum des Theaters Nuage Fou in der Freiburger Lutherkirchstraße. Es gibt nichts zu sehen, es gibt nur etwas zu hören: Wasser tropft gleichmütig in Wasser, in einen Eimer vielleicht oder in ein anderes Behältnis – so stellt man es sich vor. Der stetige Rhythmus fokussiert die Aufmerksamkeit und bereitet das Publikum vor, auf das, was kommt: Langsam, unendlich langsam öffnet sich eine Klappe über dem Boden, Zentimeter für Zentimeter. Man sieht: die Finger einer Hand, die sich hinein tasten ins Ungewisse. Man sieht, als die Klappe endlich ganz geöffnet ist: ein Wesen, zusammengekrümmt in einem Verschlag, der Gefängnis und Schutzraum zugleich zu sein scheint. So ambivalent sind auch die Bewegungen dieses Körpers: Soll er sich hinauswagen auf unbekanntes Terrain, ohne zu wissen, was ihn erwartet? Man meint, in jedem minimalistischen Vorwärtsschieben auch den Widerstand dagegen zu spüren.

Wie lange es dauert, bis die Butoh-Tänzerin Lucie Betz aus ihrem Gehäuse auf die leere Bühne gekrochen ist, ist schwer zu sagen. Man vergisst die Zeit. Und folgt gebannt dieser Sprache äußerster Reduktion und Entschleunigung. Und zollt der Tänzerin, die sich mit anhaltender Körperspannung der Leere aussetzt, große Bewunderung.

"Kaspar c’est moi" hat die seit einigen Jahren in Freiburg lebende Französin ihre unter der Mitarbeit der Regisseurin Sibylle Fabian entstandene Performance genannt und sie damit in ein Narrativ eingeschrieben: die geheimnisumwobene Geschichte des Kaspar Hauser, der aus dem Nichts in der Gesellschaft auftaucht, nicht sprechen kann und im brutalen Schnelldurchgang sozialisiert wird. Die anderen, die ihn umbringen werden, sind hier in Gestalt von Stimmen (Doris Wolters, Ueli Schweizer) aus Peter Handkes frühem Sprechstück "Kaspar" anwesend.

Sie ergreifen allerdings äußerst sparsam das Wort, sagen zum Beispiel "Setzen, stellen, legen, ordnen". Eine spürbare Vereinnahmung der Tänzerin von außen findet nicht statt. Es scheint Lucie Betz bei ihrer Kasper-Hauser-Auslegung eher um einen inneren Prozess zu gehen. Wie sich jemand langsam aus sich selbst herauswickelt. Wie er seine Ängste in den Griff bekommt. Wie er sein tierhaft Gehetztes – das sich in einem Blick zwischen Ausdruckslosigkeit und Wahnsinn spiegelt – hinter sich lässt. Wie er sich aufrichtet, wächst, immer größer wird: Bis Lucie Betz, weißgeschminkt in ihrem weißen Gewand, auf einem Stuhl, der einzigen Requisite, zu stehen kommt.

Dann setzt irgendwann unvermittelt das Kyrie aus Johann Sebastian Bachs h-Moll-Messe ein. Das wirkt wuchtig in der Stille: Und mit dem ergreifenden Chorgesang wird jäh ein anderes, metaphysisches, Register gezogen. Die Tänzerin begibt sich dabei auch buchstäblich auf eine höhere Ebene. Sie betritt die eigentliche Bühne und geht mit emporgereckten Armen dem Licht entgegen. Dieses Finale bringt einen pathetischen Ton in die so karge, meditative Performance: Lässt Kaspar Hauser am Ende alle irdischen Widerstände hinter sich und tauscht Gesellschaft gegen Religion?

Auch wenn man mit dieser "Lösung" fremdeln kann: Lucie Betz ist gemeinsam mit ihrem Team ohne Zweifel ein sehr beeindruckender, nachhaltig intensiver Abend geglückt.

Weitere Aufführungen: 22. Juli und 23. Juli, 20.30 Uhr.