Freiburg

Theaterstück über die ambivalente Geschichte einer Helferin und eines Flüchtlings

Bettina Schulte

Von Bettina Schulte

Fr, 05. Mai 2017

Theater

VOR DER PREMIERE: Die Dramatikerin Tina Müller und ihr Stück "Gespräche über uns".

Diese Geschichte ist nicht ausgedacht. Sie ist erlebt. In diesem Fall ist es wichtig, das zu betonen. Denn sie spielt in einem Umfeld, das in Deutschland gesellschaftspolitisch nicht aktueller sein könnte. Sie könnte heißen: "Der Flüchtling und die Helferin" oder "Die Schwierigkeiten der Willkommenskultur".

Die 1980 in Zürich geborene, seit 2002 in Berlin lebende Dramatikerin Tina Müller hat ihr Stück "Gespräche über uns / Unfinished Business" genannt: Und da fällt im Titel sogleich das "uns" auf. Es ist eine Geschichte, an der zwei Menschen gleichermaßen beteiligt sind: Im Stück heißen sie A. und T. A. – im wirklichen Leben Ahmed Mohammed – war mit seiner Familie 14 Jahre auf der Flucht, als er T. trifft. T. ist plötzlich vom Helfenwollen besessen, obwohl sie schwanger ist und sich vielleicht besser nicht so aufregen sollte über Behörden, die A.’s Asylantrag ablehnen, und über viele andere Schwierigkeiten, die einem Leben A.’s in Deutschland entgegenstehen.

Das Stück "Gespräche über uns", das heute in der Kammerbühne des Freiburger Theaters in der Inszenierung von Sascha Flocken seine Uraufführung erlebt, ist ein gemeinsamer Rückblick zwei Jahre später. Tina Müller und Ahmed Mohammed haben sich dazu wieder getroffen und sich zusammen erinnert. Geschrieben hat Müller den Text dann aber allein: Was sie zu Papier gebracht hat, liegt in ihrer Verantwortung. Das zu betonen ist ihr wichtig. Sie sagt aber auch, sie hoffe, dass ihr Gesprächspartner, der die Premiere anschauen wird, damit klarkomme. Eine englische Übersetzung wurde eigens auch für ihn angefertigt. Gespannt sei sie, wie er es auffasse. Ob er die nötige Distanz zwischen sich und die Bühnenfigur legen könne.

Diese Mischung aus Selbstbehauptung und Reflexion auf den anderen wirkt wie ein Nachhall dessen, was im Stück selbst verhandelt wird. Zwei Menschen aus unterschiedlichen Kulturkreisen kommen sich nahe, missverstehen sich, respektieren sich, streiten und ringen miteinander. Sie gehen einander etwas an. Man könnte diesen interkulturellen Dialog als Liebesgeschichte verstehen, sagt Tina Müller – und zögert im selben Moment, als sei das doch eine unstatthafte Festlegung. Kein Zweifel besteht daran, dass dieses Stück jede Rollenzuschreibung im angeblichen Flüchtlingsdrama zerschlägt. Einfach so. Leben statt Reißbrett. Ambivalenzen statt Gutmenschentum. Begehren statt Moral. Kein Satz folgt einer Absicht. Oder will eine Botschaft verkünden. Das ist so belebend wie befreiend.

Warum ist sie vom Helfen so besessen?

Tina Müller hat sich keine Gedanken darüber gemacht, wie die Leute darauf reagieren können, dass A.T. zeigt, was ein Mann ist, nachdem T. A. provoziert hat. Ob man diese Szene missverstehen könnte – als Vergewaltigung? Das wäre schade, sagt die Autorin, die ihre Sätze stets mit Ernst und Bedacht formuliert. Dass sie die T. und A. in fünf Figuren aufgeteilt hat, drei für T. und zwei für A., ergibt sich für sie aus den widerstreitenden Gefühlen, die T. sich selbst gegenüber und für A. empfindet. Warum ist sie vom Helfen so besessen, dass sie sogar das in ihr wachsende Kind gefährdet? Und was will A. von ihr? Einerseits tut er alles, um in Deutschland anzukommen, andererseits neigt er zu unkontrollierten Wutausbrüchen.

Und wie stellt man den Schutzsuchenden und die Schutzgewährende, den muslimischen Mann und die aus der christlichen Tradition stammende Frau auf der Bühne dar? Ein unlösbares Problem. Um das Fremde zwischen ihnen offenzuhalten, müsste der Darsteller des A. einem anderen Kulturkreis angehören. Doch es gibt an deutschsprachigen Bühnen kaum Schauspieler mit "Migrationshintergrund". Das muss sich ändern, meint Müller: Die Theaterlandschaft bilde die gesellschaftliche Wirklichkeit schon lange nicht mehr ab.

Aber die Dramatikerin weiß natürlich, dass der Text nur ein Baustein in einer Inszenierung ist. In Freiburg musste sie das als Librettistin der Oper "Die gute Stadt" schmerzlich erfahren. Die von ihr intendierte Ironie verschwand in der Inszenierung in einem Gutmenschentum, mit dem sie sich nicht identifizieren konnte. Ein Missverständnis, in diesem Fall kein produktives. Doch Tina Müller findet den Prozess beim Entstehen einer Inszenierung spannend. Sie lässt sich gern überraschen.

Ob es daran liegt, dass sie bisher nur Stücke geschrieben hat? Für einen Roman braucht man mehr Zeit. Zeit, die sie als Mutter von zwei Töchtern (8 und 2) gerade nicht hat. Zum Glück, sagt sie, wohne sie nicht in der Schweiz. Da könne sie es als freie Autorin finanziell kaum schaffen. Aber auch aus anderen Gründen möchte sie nicht mehr zurück zu den Eidgenossen.

Premiere am heutigen Freitag, 5. Mai,

19 Uhr, Theater Freiburg, Kammerbühne.