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01. April 2016

Mechthild Blum vom Seniorentheater Methusalem

"Wir sind zu ihrer Familie geworden"

BZ-INTERVIEW mit Mechthild Blum vom Seniorentheater Methusalem, das seine Kooperation mit Flüchtlingen jetzt in Berlin vorstellt.

  1. Begeistert aufgenommen: das Stück „Mehrheitsgesellschaft“ am Theater Freiburg Foto: Maurice Korbel/privat

  2. Mechthild Blum Foto: Privat

Die Produktion "Mehrheitsgesellschaft" des Theaters Freiburg mit dem Seniorentheater Methusalems und jugendlichen Geflüchteten macht über die Regio hinaus von sich reden: Einige der Akteure stellen das Projekt, das im Januar Premiere hatte, jetzt in Berlin vor. Heidi Ossenberg sprach darüber mit dem Methusalem-Mitglied Mechthild Blum.

BZ: Frau Blum, Sie sind zum diesjährigen Kongress der Berliner taz eingeladen, der unter dem Titel "Fremde oder Freunde – Die Lust an der Differenz" steht. Wie kam es dazu?
Blum: Neben der Badischen Zeitung lese ich jeden Tag auch die taz. Und genau mit diesem Thema waren wir in unserem Theaterprojekt "Mehrheitsgesellschaft" konfrontiert. Also sprach ich mit der Kongressleitung darüber ...
BZ: ... und jetzt bestreiten Sie dort eine Diskussion unter der Überschrift "Angstgruppen auf der Bühne". Ein provokanter Titel – oder hatten die Methusalems tatsächlich Angst vor den Geflüchteten, den "Bordercrossers", wie sich die jugendlichen Geflüchteten selbst genannt haben?
Blum: Aber ja! Angst versteckt sich allerdings gerne: hinter Bedenken, hinter Vorurteilen zum Beispiel. Aber sie kann auch ganz deutlich zu spüren sein. Wir werden beim Kongress zu fünft sein: zwei aus der Gruppe der Methusalems und drei Geflüchtete. Wir haben alle mehr oder weniger von dieser Angst zu erzählen: In welcher Sprache sollen wir miteinander reden? Was weiß ich überhaupt über Syrien, Nigeria, Gambia, Togo, Afghanistan? Wie streng werden die Deutschen mit uns sein? Werden wir hier wieder zu Opfern gemacht? Werden wir überfordert sein, zu alt für diese jungen Menschen? Gibt es einen respektvollen Umgang miteinander ohne sich gegenseitig mit Samthandschuhen anzufassen?

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BZ: Das Stück ist abgespielt: Wie beschreiben Sie Ihre Erfahrungen und Erkenntnisse heute?
Blum: Wir wurden schon bei Beginn unserer Probenarbeit überrascht von unserer gegenseitigen Sympathie. Wir Methusalems fühlten uns sehr berührt von der liebenswerten Lebendigkeit der Bordercrossers. Die wiederum fanden uns nett und zugewandt. Die folgende intensive Beschäftigung miteinander über unzählige Improvisationsaufgaben brachte uns eng miteinander in Verbindung. Regisseur Sascha Flocken spielte mit seiner schier unendlichen Geduld und seinen sprudelnden Einfällen dabei eine zentrale Rolle – und auch die Musik von Bernadette La Hengst, die aus der Probenarbeit entwickelt wurde. Heute sind wir nur noch glücklich. Das haben uns auch alle in ihren Stellungnahmen für den Kongress bestätigt.
BZ: Es ist schon auffällig, dass sich viele Theater und freie Gruppen Geflüchtete auf die Bühne holen und mit ihnen arbeiten. Gut gemeint muss da nicht immer gut sein. Die Gefahr der Instrumentalisierung ist da, für professionelle Schauspieler wie für Flüchtlinge, die oft Schlimmes erlebt haben und vermutlich nach ein paar Wochen im Licht der Bühnenöffentlichkeit wieder in ihre provisorischen Unterkünfte zurück müssen. Wie sehen Sie dieses Dilemma?
Blum: Genau das war eine unserer größten Befürchtungen vor Beginn des Projekts. Und wir waren ziemlich schnell vom Gegenteil überzeugt. Denn neben der künstlerischen Arbeit leisteten wir auch eine soziale: die Bordercrossers, indem sie uns mit ihren Lebenswelten bekannt machten und uns ihr Vertrauen und ihre Freundlichkeit schenkten. Wir, indem wir immer wieder bei ganz konkreten Situationen mit unserer Hilfe für sie da waren – und auch heute noch sind. Wir sind für die Bordercrossers zu ihrer deutschen Familie geworden.
BZ: Das Stück "Mehrheitsgesellschaft" am Theater Freiburg war sehr erfolgreich. Ein Austausch mit dem Publikum im Anschluss an jede Aufführung gehörte dazu. Welche Reaktionen haben Sie und Ihre Mitspieler erlebt?
Blum: Unsere Freude übertrug sich auf das Publikum, das begeistert reagierte. Das Interesse in den vielen Tischgesprächen, die zum Konzept des Projekts gehörten, war riesig. Und das ist genau das, was das Theater in einer solchen Situation leisten kann: Anders als jedes "nur" soziale Projekt mit Geflüchteten kann es die Erfahrungen einer gemeinsamen Arbeit mit einer großen Zahl von Menschen teilen.

Mechthild Blum war bis zu ihrer Pensionierung Redakteurin bei der BZ. Die Journalistin ist seit 2010 Mitglied bei den "Methusalems".

Der taz-Kongress findet am 2. April in Berlin statt. Ein Video der Produktion "Mehrheitsgesellschaft" ist zu sehen unter http://www.methusalems-freiburg.de

Autor: blu