Das wäre eigentlich alles

Bettina Schulte

Von Bettina Schulte

Mo, 23. Januar 2012

Theater

"Zwischenfälle": Stephan Weiland inszeniert im Theater im Marienbad Szenen nach Daniil Charms.

Die Nerven liegen blank. Kommen sie? Wird die Tür gleich aufgehen? Und werden sie sie holen? Sie vom Erdboden vertilgen? Fliehen – aber wohin? Drei Frauen in einem engen Raum. An die Wände gepresst. Sich an den ihnen entlang tastend. Drehend. Blitzschnell die Positionen wechselnd. Pantomimisch-choreographische Momentaufnahmen. Die Bedrohung, die ganz offensichtlich von der Situation ausgeht, wird in die Bewegung der Körper aufgenommen und ins Überdeutliche gesteigert – wo der Schrecken umkippt ins Groteske. Ein Befreiungsschlag: "Ich schließe die Tür ab und mache nicht auf. Sollen sie klopfen, solange sie wollen."

So tänzerisch, mit so viel Körpereinsatz hat man die Schauspielerinnen und Schauspieler des Theaters im Marienbad noch nicht gesehen. Aber man begreift sofort: Dem Dichter, dem die neue Produktion des Freiburger Kinder- und Jugendtheaters gewidmet ist, lässt sich mit dem poetischen Erzählstil, der in diesem Haus als Handschrift entwickelt wurde, nicht beikommen. Daniil Charms, der 1942 während der Blockade durch die Wehrmacht im Gefängnis gestorbene Autor aus Leningrad, wirft Spotlights auf die Welt, die nicht nur für ihn aus den Fugen geraten war: Und die Verhältnisse, die düsteren, beginnen vom Blitz des Absurden getroffen zu tanzen, befreit von jeder Erklärungsnot und moralischen Anklage. "Mich interessiert das Leben in seiner unsinnigen Erscheinung": Was für ein luftiger, anarchischer Satz, der dem gehaltvollen Programmheft der Dramaturgin Sonja Karadza vorangestellt ist.

Stephan Weiland, dem zu verdanken ist, dass man in Freiburg nun Bekanntschaft mit Charms schließen kann, hat die Texte in einer kollektiv erarbeiteten Fassung des Marienbads in einzelnen Szenen kongenial auf die Bühne gebracht. So und nicht anders möchte man diese "Zwischenfälle" – ein toll passender Titel – erleben. Und der Regisseur hat mit Gary Joplin einen Choreographen an der Seite, der seinen intuitiven Zugang zu den Texten in eine Bewegungssprache hat umsetzen können, die aus Wörtern und Gesten ein Ganzes macht.

Komplette Sinnstörung

Das Ensemble – Renate Obermaier, Kirsten Trustaedt-Kümmel, Dietmar Kohn und Heinzl Spagl, verstärkt durch die Tänzerin Dagny Borsdorf – hat sich diese Sprache zu eigen gemacht, als ob es sie schon immer gesprochen hätte: Es ist, in mancher Hinsicht, eine Weiterführung der "Jandljade" vom Oktober mit anderen Mitteln – eine Lust an jener Kippfigur, wenn die Routinen alltäglicher Verrichtung und Kommunikation ins Absonderliche, Abseitige, Verrückte abstürzen: komplette Sinnstörung. Funktionsverweigerung.
Kommt ein Mann ins Restaurant und bestellt "Boeuf Bouilli". Will bestellen. Zwei lüsterne Kellnerinnen haben offenbar alles im Sinn. Nur eines nicht: ihm das Gericht zu bringen. Ein Mann wartet auf die Frau, der er seine Liebe gestehen will. Probt den Auftritt. Wieder und wieder. Da stolpert ein Bekannter in die arrangierte romantische Idylle. Wirft die Blumenvase um, tritt in die Salatschale. Es klingelt. Eine alte Frau sitzt am Tisch und ärgert sich über die Karten ihrer Patience. Knallt sie auf den Tisch, eine Vase fällt zu Boden und zerbirst. Ein Nachbar sieht sie unterm Tisch hocken, hilft ihr auf. Sie aber lässt sich wieder und wieder fallen und jagt den Hilfsbereiten schließlich unter heftigen Schmähungen aus ihrer Wohnung. Eine Frau liegt auf dem Boden einer Wohnung und weigert sich aufzustehen: "Ich störe, und ich werde stören".

Ja und? Das ist es gerade. Nichts "und". Charms’ Szenen und kleine Geschichten von dem Rotschopf ohne Haare, den sechs Frauen, die nacheinander aus dem Fenster springen, dem Mann, der von sich behauptet ein Prinz zu sein, dem Wundertäter, der stirbt, ohne ein einziges Wunder zu tun, springen heraus aus der Ordnung der Wörter und der Dinge. Für diese sehr komischen Fehltritte hat Bernhart Ott eine sehr schöne Bühne gebaut: Aus dem engen Dreieckswinkel des Beginns wird durch verschiebbare Wände ein ganz normales Zimmer mit Tisch, Stühlen, Lampe, Sofa und Hirschgeweih-Kleiderhaken: genau der kleinbürgerliche Rahmen, den es braucht, um ins Absurde abzudriften. Das wäre eigentlich alles: Das gilt als Schlusswort für den Abend wie für diesen Text. Eins noch: Diese "Zwischenfälle" sind ein leichtsinniges, schwereloses Theaterglück.
– Weitere Aufführungen: 24., 25., 27. und 28. 1., 0761/31470.