Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

20. November 2010

Das Werden und Vergehen eines Atemzugs

Die Tanzcompany Urban Reflects ist "Zu Gast bei Gevatter Tod" im Freiburger Peterhofkeller.

  1. Tanz: Marie Kolinsky Foto: Markus Reck

Es sind neben den choreografischen und tänzerischen Qualitäten sicher auch die handfesten Themen, die Doro Eitel und ihre Tanzcompany Urban Reflects jetzt eine Nominierung für den Stuttgarter Theaterpreis 2010 beschert haben. Ging es bei der vorigen Produktion "Unrestricted Exploitation" um Selbstausbeutung im Arbeitskontext, so dreht sich jetzt in "Ende gut, alles gut? – Zu Gast bei Gevatter Tod" alles um die Endlichkeit des Lebens. So bekommt jeder Zuschauer am Eingang des Peterhofkellers einen Löffel als Eintrittskarte– um ihn nach dieser rund neunzigminütigen Collage aus Tanz, Musik und Poesie ganz sinnträchtig wieder abzugeben.

Da steht er auch schon, der Sensenmann in schwarzer Kutte (Bernhard Marx) und geleitet das Publikum in den tiefen, nur partiell ausgeleuchteten Gewölbekeller aus dem 16. Jahrhundert. Auf Simsen und Säulen stehen Grablichter, aus allen Schattenwinkeln ticken Wecker, schlagen Uhren und Metronome, schmelzen Eisblöcke tropfend in aufgestellte Töpfe. Dazwischen, wie ein verängstigtes Tier an die Wand gekauert, ein nackter, blasser Mensch. "Wer gibt heute noch etwas für einen gut ausgearbeiteten Tod?", fragt Fiona Hesse aus einer Nische von hoch oben, während die Kreatur sich zu regen beginnt: Ruckend knirschen Füße im Kies, tastend krallen sich Hände ins Gemäuer. Ein Sinnbild von Begrenzung und hinfälliger Verletzlichkeit.

Werbung


Da ist das makabre Gedicht "Sylvester bei den Kannibalen" von Joachim Ringelnatz mit seinem Knochenknacken und Leberhacken wie ein Schlag ins Gesicht, und doch lebt dieser schwarzhumorige Abend von diesen Kontrasten: Bizarres folgt auf Berührendes, Roh- auf Zartheit, Spott auf Ernst. Ein Totentanz mit extremen Elementen, die manchmal mit allzu heißer Nadel gestrickt und montiert wirken, aber dennoch ihre Wirkung entfalten.

Zu den allesamt sehr gut vorgetragenen Texten von Daniil Charms bis Gottfried Benn oder Robert Gernhardt werden Raum, Licht und Musik eindrücklich verwoben. Denn nicht nur das Publikum wandert im Halbdunkel von Station zu Station, auch Schlagzeug und Gitarre (Valery Radeke, Hannes Meder) sind auf einem illuminierten Rollwagen ständig in Bewegung und produzieren schräge, rockige oder poetische Töne. Doch im Mittelpunkt steht der Tanz: Wenn Doro Eitel und Yvonne Marie Kolinsky auf allen Vieren wie blinde Grottenolme mit Stirnlampen auf ihren zuckenden Köpfen über den Kellerboden wuseln, wenn Julia Galas mit rhythmisch eingezogenem und hervorschnellendem Bauch das ganze Werden und Vergehen eines Atemzugs in Szene setzt, wenn man dann in weißen Kleidern und mit geschlossenen Augen zu dem Lied "Es ist ein Schnitter, heißt der Tod" aus dem 30-jährigen Krieg mehr schwebt als tanzt, um am Ende wie wilde Derwische kraftvoll und lebenstoll über den Boden zu springen, zu rollen und zu stürzen – dann sind das starke Bilder, die nachklingen.
– Noch heute, um 20 Uhr im Peterhofkeller, Niemensstraße 10, Freiburg. Karten bei der Buchhandlung Schwanhäuser und an der Abendkasse.

Autor: Marion Klötzer