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25. Juli 2011

Einsichten und Aussichten

"Inspektion": Die Tanzgruppe Urban Reflects lädt in den Kunstverein Freiburg ein.

  1. Urban Reflects: Inspektion Foto: Iva Jauss

So nah sind sich die Künste selten: Zwischen Bildern und Installationen der aktuellen Ausstellung von Udomsak Krisanamis laden drei Tänzer und zwei Musiker der Freiburger Gruppe Urban Reflects zur "Inspektion" in den Kunstverein. "Tänzerisch-musikalische Einsichten aus fünf Perspektiven", so das Motto ihres Kontrollgangs – und der beginnt auch gleich mit einer kleinen Irritation: Während das Publikum etwas ratlos im Vorraum herumsteht, wird von den Overallträgern noch emsig geräumt und gebaut. Sitzgelegenheiten oder Ansprechpartner – Fehlanzeige.

Das Leben der Stichlinge zu Schlagzeugmusik

Und auch als man endlich in Reih und Glied auf Decken liegt und tief in den Unterbauch atmet, geht das Gewurstel um einen herum munter weiter. Doch dann kehrt endlich Stille ein: Der Blick wandert über die quadratischen Scheiben des Glasdachs, sieht alles kopfüber – und entspannt. Schon dieser Moment ist es wert erlebt zu werden, eröffnet er doch ungewöhnliche, fast sakrale Perspektiven. Plötzlich ein nackter Fuß, der sich durchs Galleriegeländer fädelt und über den Liegenden schwebt – weiter drüben noch ein ganzes Bein, das als Schattenriss in die einbrechende Dämmerung Figuren malt. Dazu gibt’s Hörspiel: schlagende Türen, klackernde Schritte, Rückkopplungen, seltsame Töne aus dem Megaphon. Bald füßeln Füße in blauen Plastiküberziehern, aus nackten Beinen werden Menschen in weißem Badedress, die kopfüber am Geländer hangeln. Es soll eine der stärksten Sequenzen dieses Abends bleiben, der immer wieder zur launigen, aber lapidaren Publikumsanimation zerfasert.

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Stattdessen setzt man auf Dynamik und ständige Standortwechsel: So findet man sich mal als Kleingruppe in drangvoller Enge auf dem Damenklo, startet Papierflieger oder Sprechchöre von der Empore, trommelt Rhythmen aufs Geländer oder rast gemeinsam einmal ums Karree und die Treppe hinunter. Das hat was von einem spontanen Kindergeburtstag, macht je nach Zuschauer-Naturell sogar Spaß, trägt aber nicht als künstlerisches Raum-Bewegungs-Konzept.

Zwischen flüchtiger Gleichzeitigkeit und viel Interaktion zeigen Konrad Wiemann, Jan F. Kurth, Oleg Kaufmann, Verena Hehl und Doro Eitel in immer neuen Winkeln skizzenhafte Performance- Einlagen: Da gibt es kraftvolle Tanzduos im blauen Spot, erstaunliche Töne aus der Bass- Blockflöte oder rezitierte Texte über das Leben der Stichlinge zu Schlagzeugmusik. Da wird eine Ecke zur Ein-Zimmer-Wohnung, deren Besitzerin über Ruhe und Frieden schwärmt, während ein Tänzer penetrant auf ihr herumklettert. Da schlängelt man sich auf allen vieren durch Krisanamis’ Installation aus Teakholzstelen oder tönt wundersam in eine über den Kopf gestülpte, goldene Kloschüssel.

Nach einer guten Stunde ist das Spektakel so abrupt zu Ende, wie es angefangen hat: Wer klatscht jetzt für wen? Und wer muss wieder aufräumen? – Auch das bleibt offen bei dieser Inspektion, die den Kunstverein mit Menschen, Aktionen und Eindrücken füllte. Schon das allein macht Sinn.
– Noch heute, 21 Uhr, Kunstverein Freiburg.

Autor: Marion Klötzer