Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.
17. Januar 2012
Figuren auf dem Karussell
Matthias Breitenbach inszeniert am Theater Freiburg Emily Brontës "Sturmhöhe" bearbeitet.
Man stelle sich vor: Ein sechsjähriges Kind wird von einem englischen Gentleman auf den Straßen von Liverpool gefunden. Es ist verdreckt, verwahrlost, hat augenscheinlich keine Eltern, kein Zuhause. Der Herr nimmt den Buben mit – obschon er bereits einen Sohn und eine Tochter zu Hause hat und seine Frau das schwarzhaarige "Zigeunerbalg" entsetzt ablehnt. Doch das Familienoberhaupt setzt sich durch, Heathcliff bleibt in der Familie – und die Tragödie um den Außenseiter, der zeitlebens um seinen Platz in der Familie und die Liebe zu seiner Stiefschwester Cathy kämpft, nimmt ihren unheilvollen Lauf. Emily Brontë hat sie 1847 ihn ihrem ersten und einzigen Roman "Wuthering Hights" ("Sturmhöhe") auf grandios fesselnde Art und Weise beschrieben.
Für das Theater Freiburg hat der Schauspieler Matthias Breitenbach jetzt in seiner ersten Regiearbeit Motive des Romans in ein Schauspiel mit vier Darstellern übernommen. Sein Fokus in dem 75 Minuten dauernden Stück "Sturmhöhe" liegt auf den fatalen Folgen, die die Ankunft des Findelkindes für die kleine zeitgemäß heile Familienwelt hat: Sie bricht auseinander. Dieses Auseinanderbrechen bringt die stärksten Emotionen bei allen Beteiligten hervor: Liebe und Hass, Eifersucht und Rache, Gewalt und Sadismus.
Werbung
Auf der weißen Kammerbühne des Theaters stehen auf vier Podesten vier Tonbänder. Jedes wird von Zeit zu Zeit von einem der vier Schauspieler bedient. Breitenbach nimmt damit Brontës Idee der indirekten Erzählstruktur auf, durch die sich die Autorin – auf eine für die prüde viktorianische Zeit sensationell ungewöhnliche Weise – jeglicher moralischer Bewertung des Geschilderten enthalten konnte. Auch verankert Breitenbach nicht einen Darsteller an einer Person, sondern er lässt Lena Drieschner, Iris Melamed, Frank Albrecht und Steffen Happel sich wie in einem Karussell immer wieder auf eine andere Figur setzen. Das generiert Tempo in einem dialogbetonten und somit tendenziell statischen Stück, ist für den Zuschauer jedoch nicht immer einfach nachzuvollziehen. Man kann nur hoffen, dass möglichst viele im Publikum den Roman kennen!
Noch einen Effekt hat das Loslösen eines Schauspielers von einer Figur – und der bringt überraschenderweise doch ein moralisches Moment in dieses Stück: Dadurch, dass Breitenbach seine Darsteller abwechselnd immer wieder die Formel "I am Heathcliff" aufsagen lässt, dadurch, dass er sie auch aus dem Stück heraustreten lässt und sie der Reihe nach das Publikum auffordern: "Macht einen anständigen Menschen aus mir!" rückt er die Frage nach der Ursache für das Böse in den Mittelpunkt. Ein geschickt eingefädelter Denkanstoß – freilich ist es nicht an Breitenbach, die Frage zu beantworten.
Emily Brontë hat es dem Regisseur mit ihrer hier extrem gekürzten Vorlage leicht gemacht, Fragen zu stellen, die noch heute aktuell sind: Wo ist mein Platz im Leben? Wie sehr ängstigt das Fremde, Unbekannte, wenn es in mein Leben eindringt – und kann es auch bereichern? Ist es gerecht, andere für das Leid, das ich erleiden musste, büßen zu lassen? Und dann die alles entscheidende Frage, die Heathcliff Cathy kurz vor ihrem Tod stellt: "Du hast mich also geliebt – mit welchem Recht hast du mich dann verlassen?"
Breitenbach kann sich auf sein Schauspielerquartett verlassen: Mit Verve, mit Spielfreude, manchmal mit einer angemessenen Portion Ironie und Komik meistern Drieschner, Melamed, Albrecht und Happel bei der Premiere die nicht leichte Aufgabe, über 75 Minuten in diesem Stück präsent zu sein. Eine feine Ensembleleistung in einem Stück, das gut neben dem Roman von Emily Brontë bestehen kann, weil es ihn ernst nimmt. Warmer Applaus.
– Weitere Termine: 18., 27. Januar, 3., 9., 12. Februar. Karten unter Tel. 0761 4968888.
Autor: Heidi Ossenberg
